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Null Toleranz
Leitartikel Politik 2 Min. 10.06.2015 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Null Toleranz

Leitartikel Politik 2 Min. 10.06.2015 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Null Toleranz

Claude FEYEREISEN
Claude FEYEREISEN
Ein wegen Trunkenheit am Steuer vorbestrafter Autofahrer, der erneut unter starkem Alkoholeinfluss (1,6 Promille) steht, prallt mit seinem Wagen gegen ein haltendes Fahrzeug, dessen Fahrerin gerade von einer Polizeistreife kontrolliert wird.

Ein wegen Trunkenheit am Steuer vorbestrafter Autofahrer, der erneut unter starkem Alkoholeinfluss (1,6 Promille) steht, prallt mit seinem Wagen gegen ein haltendes Fahrzeug, dessen Fahrerin gerade von einer Polizeistreife kontrolliert wird.

Die Beamtin, die zum Zeitpunkt der Kollision hinter dem gestoppten Wagen steht, wird zwischen den Autos eingeklemmt und lebensgefährlich verletzt. Zwei Stunden später stirbt Yasmine Grisius. Sie hinterlässt zwei kleine Kinder. Der Unfallverursacher kommt mit dem Schrecken davon.

Dieser an Tragik kaum zu überbietende Unfall ereignet sich am fünften Tag nach dem Inkrafttreten des verschärften Punkteführerscheins. Die Beileidsbekundungen in den sozialen Netzwerken halten tagelang an, in den Kommentaren über die „richtige“ Ahndung des fahrlässigen Verhaltens des Unfallverursachers schaukelt man sich hoch bis hin zur Lynchjustiz.

Der schuldige Fahrer, Mitte 30, ist einschlägig vorbestraft. Ihm waren im Mai 2014 bei einer Kontrolle 2,16 Promille Blutalkoholgehalt nachgewiesen worden. Ein Gericht hatte ihn daraufhin zu einem Fahrverbot von 21 Monaten verurteilt – auf Bewährung.

Es stehen demnach zwei Fragen im Raum: jene nach dem Umgang mit Wiederholungstätern, aber auch – und vor allem – jene im Umgang mit den Delinquenten, die sich eines besonders schweren Vergehens im Straßenverkehr schuldig gemacht haben (über 1,2 Promille Blutalkoholgehalt und/oder stark überhöhtes Tempo). In diesem Zusammenhang sei auch an den tragischen Unfall in der Nacht zum gestrigen Dienstag auf der A1 in Richtung Trier erinnert, bei der eine Autofahrerin unverschuldet zu Tode kam. Auch hier stand der Unfallverursacher unter Alkoholeinfluss.

Der Unfallfahrer von Dippach entspricht genau jenem Autofahrer-Typus, der die Verkehrssicherheitsforscher verzweifeln lässt, weil an ihm alle sensibilisierenden, ja sogar die repressiven Maßnahmen abprallen. Bei diesem Fahrerprofil verfehlt auch der Punkteführerschein seinen Zweck. Selbst der sofortige Entzug der Fahrerlaubnis führt bei dieser „Dunkelziffer“ in der Regel nicht zu einem verantwortungsvolleren Verhalten im Umgang mit dem Auto.

Durch den Tod der 38-jährigen Polizistin hat der „Unbelehrbare“ ein Gesicht bekommen. Es gibt ihn, und er kann jeden treffen. Das Unglück von Dippach hat leider erneut bewiesen, dass nicht jeder Führerscheininhaber ausreichend erwachsen und verantwortungsvoll ist, um ein Automobil im öffentlichen Raum bewegen zu dürfen. Hinzu kommt, dass in eben diesem Raum die unterschiedlichsten Profile aufeinander treffen und ihn sich teilen müssen: Arme und Reiche, Starke und Schwache, Vorsichtige und Wagemutige, Gescheite und Dumme.

Diese Erkenntnis ist keineswegs neu, dennoch ist sie aktueller denn je. Auf zwei Fragen müssen spätestens jetzt Antworten gefunden werden: Erstens, ob der unmittelbare Führerscheinentzug im Falle eines besonders schweren Verkehrsvergehens – genauer gesagt: die vorübergehende Erstattung der Fahrerlaubnis (bis zur Urteilsverkündung) nach acht Werktagen – die adäquate Maßnahme im Umgang mit verantwortungslosen Fahrern ist. Und zweitens, ob Strafen bei besonders schweren Vergehen zur Bewährung ausgesetzt werden dürfen. Das Risiko, dass Ersttäter zu Wiederholungstätern werden, darf der Gesetzgeber nicht weiter einfach hinnehmen.


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Aus dem Polizeibericht
Gleich mehrmals musste die Polizei in den vergangenen Stunden eingreifen, weil betrunkene Autofahrer nicht nur in Unfälle verwickelt waren, sondern auch noch Fahrerflucht begingen.