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Editorial: Nie wieder!
Leitartikel Politik 2 Min. 26.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Editorial: Nie wieder!

Leitartikel Politik 2 Min. 26.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Editorial: Nie wieder!

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Auschwitz, das ist der furchtbarste Name, den die Geschichte kennt. Was zwischen 1940 und 1945 in der größten Menschenvernichtungsanlage der Nazis passierte, hatte die Welt bis dahin nicht gesehen – den industrialisierten Massenmord im Fließbandverfahren.

Auschwitz, das ist der furchtbarste Name, den die Geschichte kennt. Was zwischen 1940 und 1945 in der größten Menschenvernichtungsanlage der Nazis passierte, hatte die Welt bis dahin nicht gesehen – den industrialisierten Massenmord im Fließbandverfahren.

In Auschwitz und den Nebenlagern Birkenau und Monwitz hatten Hitlers Schergen anderthalb Millionen Menschen fabrikmäßig ermordet, die meisten davon Juden. 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 1945 steht Auschwitz noch immer als Inbegriff für das absolut Böse, für das Verwerflichste, zu dem Menschen fähig sind.

70 Jahre nach dem Ende dieser von Menschen gemachten Hölle gibt es nur noch wenige Überlebende – und die Erinnerung verblasst. Nicht nur das, sie wird unbequem, verstörend. Die Versuchung, die Monstrosität des Verbrechens der Shoa zu verdrängen, ist heute wieder so groß wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Eine aktuelle Befragung der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, dass 81 Prozent der Bundesbürger die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“ und sich lieber gegenwärtigen Problemen widmen möchten.

Es bleibt die Pflicht der älteren Generation, den Jüngeren zu vermitteln, dass es keinen Schlussstrich geben darf – nicht nur in Deutschland, sondern überall. Wer versucht, die Vergangenheit zu leugnen, wird eines Tages wieder von ihr eingeholt.

70 Jahre nach dem Ende von Auschwitz lebt der Antisemitismus überall auf der Welt wieder auf. Das Terrorattentat auf einen Koscher-Supermarkt in Paris genauso wie das Blutbad vor drei Jahren in Toulouse und vor einem Jahr in Brüssel haben gezeigt, dass Juden in Europa wieder um ihr Leben fürchten müssen.

Nur wer die Erinnerung an den Holocaust lebendig hält, hat auch das nötige Mitgefühl für das Leiden in Burundi, Ruanda, im Kongo oder auch in Palästina, sagte vor kurzem der Philosoph Bernard-Henri Lévy in seiner Grundsatzrede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Es war das erste Mal in der 70-jährigen Geschichte der Weltorganisation, dass die gegen Juden gerichtete Diskriminierung als eigenständiges Thema behandelt wurde. Allein dies zeigt, wie gefährlich und akut das Problem geworden ist.

War es im Mittelalter der christliche Judenhass, danach der Antisemitismus der Aufklärung und später der dumpfe, pseudo-sozialistische Antisemitismus, der Juden eine Verschwörung zur Weltherrschaft zuschrieb, so kommt der neue Antisemitismus in vielfachen Formen wie etwa Antizionismus, der Leugnung des Holocaust oder der Relativierung des historischen Unrechts , das den Juden geschehen ist, daher.

Dies alles ergebe einen „atomaren moralischen Mix“, dem die politischen Verantwortlichen in allen Ländern entschlossen entgegen treten müssen, forderte der streitbare Franzose Lévy am Rednerpult der Uno.

Mit dieser Entschlossenheit ist es nicht immer weit her. In weiten Teilen der islamischen Welt, vom Iran bis Palästina, wird die Meinung verbreitet, der Holocaust sei eine Propagandalüge der „Zionisten“.

Nur wer sich daran erinnert, was in Auschwitz möglich geworden ist, weiß, dass der bedingungslose Kampf gegen den Antisemitismus auch der Kampf um die Menschlichkeit schlechthin ist.


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