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Editorial: Licht der Wahrheit
Leitartikel Politik 2 Min. 14.04.2015

Editorial: Licht der Wahrheit

Leitartikel Politik 2 Min. 14.04.2015

Editorial: Licht der Wahrheit

Marc THILL
Marc THILL
Man dürfe auf keinen Fall die Ereignisse von damals vergessen, hat die Kriegsgeneration immer wieder gerufen. Doch auch sie hat offenbar einige Dinge, die weniger in das heile Bild eines geeinten Luxemburgs während der Kriegsjahre gepasst haben, ganz einfach vergessen.

Dass es eine Verzerrung in der Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges in Luxemburg gibt, das ist den Historikern durchaus bewusst. Vielfach haben sie darauf hingewiesen, aber wenig Gehör gefunden. Erst mit dem Artuso-Bericht hat die breite Bevölkerung erfahren, dass die Luxemburger Position im Krieg nun doch nicht so klar war, wie man es oft erzählt bekommen hat: Viel Resistenz, und nur einige Mitläufer. Nein, so war es nicht, es gab auch sehr Schlimmes.

Man dürfe auf keinen Fall die Ereignisse von damals vergessen, hat die Kriegsgeneration immer wieder gerufen. Doch auch sie hat offenbar einige Dinge, die weniger in das heile Bild eines geeinten Luxemburgs während der Kriegsjahre gepasst haben, ganz einfach vergessen.

Gewiss haben persönliche Eitelkeiten mitgespielt, als es in den Nachkriegsjahren darum ging, an die Ereignisse von damals zu erinnern. Nicht die Geschichte zum Krieg wurde vermittelt, nein, es wurden Geschichten aus dem Krieg erzählt. Dabei gab es zwar keine ideologisch oder politisch in eine falsche Richtung orientierte Historiografie, dennoch wollte das kollektive Gedächtnis offenbar nur jene Kapitel der Geschichte zurückbehalten, in denen wir alle – mit Ausnahme einiger „Gielemännercher“ – tapfere Luxemburger waren, die dem Okkupanten mutig die Stirn boten. Der Antisemitismus in den Vorkriegsjahren und die Rolle der Regierungsverwaltung in den ersten Kriegsmonaten wurden hingegen ausgeblendet. Das nennt man ein kollektives Tabu. 

Man sollte Mythen nicht nur feiern, man sollte sie vor allem erforschen

„Mal nommer les choses, c'est ajouter au malheur du monde“, sagte Albert Camus. Demnach gilt es nun, die richtigen Worte zu finden. Die heutige Schülergeneration kennt nämlich den Weltkrieg nur noch aus dritter Hand. Weder ihre Großeltern noch ihre Eltern haben ihn erlebt. Der Historiker Guy Thewes meint daher in seinem Schlussbeitrag zum Buch „...et wor alles net esou einfach“ der Weltkrieg sei für viele Schüler heute genauso Vergangenheit wie die Kriege von Julius Caesar und Napoleon. Demnach, an die Arbeit, liebe Geschichtslehrer!

In den vergangenen zwölf Monaten wurde viel erinnert. Und auch an diesem 14. April holt uns die Vergangenheit wieder ein. Vor 70 Jahren betrat nämlich Großherzogin Charlotte nach einem fast fünfjährigen Exil wieder Luxemburger Boden. Es war dies ohne Zweifel ein Tag der Freude, ein Tag der Einheit, ja, der eigentliche „Luxemburger V-Day“, wie der Historiker Steve Kayser in unserer Extra-Beilage schreibt.

An diesem Jubeltag stellt man sich allerdings heute – und das mehr denn je – die Frage, inwiefern auch dieses Bild, das uns vom Krieg gezeichnet wurde, der Wahrheit entspricht. War Großherzogin Charlotte tatsächlich diese Powerfrau, die man während des Krieges und nachher dermaßen glorifiziert hat? Oder war sie nur ein Mensch wie jeder andere auch, der aber in seiner Position als Staatschef in den Strudel der Kriegsereignisse gerissen wurde?

Charlotte ist sicherlich zu einem Mythos geworden, an den sich die Luxemburger während und nach dem Krieg festgeklammert haben. Doch man sollte vielleicht solche Mythen nicht nur feiern, man sollte sie vor allem erforschen. An den Historikern ist es daher, sie richtig und wahrheitsgemäß in die Geschichte einzubetten. Denn Geschichte ist Wahrheit, wie wir bereits seit Cicero wissen: „Lux Veritatis“, Licht der Wahrheit.

marc.thill@wort.lu


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