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Editorial: „La Rose et le Réséda“
Leitartikel Politik 1 2 Min. 30.03.2015

Editorial: „La Rose et le Réséda“

Leitartikel Politik 1 2 Min. 30.03.2015

Editorial: „La Rose et le Réséda“

Marc THILL
Marc THILL
Dabei hätte doch alles so einfach sein können: Ein Religionsunterricht auf der einen Seite, ein Moralkurs auf der anderen, und jeder wäre nach seiner Fasson selig geworden. Doch die Regierung hat sich auf einen gemeinsamen Werteunterricht geeinigt.

Dabei hätte doch alles so einfach sein können: Ein Religionsunterricht auf der einen Seite, ein Moralkurs auf der anderen, und jeder wäre nach seiner Fasson selig geworden. Doch die Regierung hat sich in ihrem Koalitionsabkommen auf einen gemeinsamen Werteunterricht geeinigt.

Wer weiß, vielleicht ist dies auch die bessere Idee. Denn das Aufteilen der Schüler in zwei Lager, auf der einen Seite die mit Religion, auf der anderen die ohne, ist vor allem im jungen Schulalter eine doch sonderbare Lösung. Man zeigt damit den Kindern sehr früh, dass es die einen und die anderen gibt, man differenziert also ganz bewusst, obwohl man sich insgeheim mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft wünscht.

Mit dem gemeinsamen Werteunterricht – wobei die Betonung auf gemeinsam liegt – werden die Kinder zunächst einmal lernen, was uns in einer multikulturellen Gesellschaft eint und nicht was uns entzweit. Das ist richtig und auch gut so.

Die Regierung hat Anfang des Jahres ein Abkommen mit den Glaubensgemeinschaften abgeschlossen und auch bereits die Ausarbeitung des neuen Schulfachs „Leben und Gesellschaft“ in Angriff genommen.

Da sich nun ansatzweise abzeichnet, wie dieser gemeinsame Werteunterricht abgehalten werden soll, beginnt es aber ganz plötzlich zu haken. Warum nur? Zu wenig Philosophie und vor allem zu viel Religion, bemängeln laizistische Vereinigungen. Sie sprechen von Kuhhandel und Etikettenschwindel.

Mit seinem Gedicht „La Rose et le Réséda“ hat der Kommunist Louis Aragon im Kriegsjahr 1943 den Mut der Männer gewürdigt, die ihre kleinen persönlichen Überzeugungen von Religion und Politik überwunden haben, um gemeinsam für eine gute Sache zu kämpfen.

Vielleicht sollte man etwas zurückschauen: Als nämlich im vergangenen Jahr noch über die freie Wahl zwischen konfessionellem Religionsunterricht und laizistischer Morallehre gestritten wurde, haben Morallehrer und Ethikprofessoren immer wieder behauptet, das Thema Religionen sei für sie absolut kein Problem. Schließlich hätten sie dieses Themenfeld eh schon in ihren bisherigen Kursen abgedeckt.

Nun aber scheint es so, als wollten sie in dem neuen Schulfach die Religionen dann doch lieber auf ein Mindestmaß reduzieren. Man spürt aus den Kritiken der laizistischen Bewegung eine gewisse Intoleranz heraus, und das hat einen Nachgeschmack. Sollte nicht gerade die Toleranz wie ein roter Faden das neue Fach durchziehen?

Im laizistischen Frankreich hat man nach den rezenten Terrorattacken übrigens festgestellt, dass man in den vergangenen Jahren vielleicht seinen Schülern zu wenig über Religionen vermittelt und damit das Feld anderen frei überlassen hat.

Dort will man nun einen „Enseignement du fait religieux“ einführen, in dem u.a. auch Bibeltexte, andere heilige Schriften und die Ideen, Gedanken und Überlegungen eines Kirchenlehrers Augustinus, eines arabischen Philosophen und Arztes Averroës oder auch eines Heiligen Thomas von Aquin analysiert werden sollen.

Bleiben wir in Frankreich: Mit seinem Gedicht „La Rose et le Réséda“* hat der Kommunist Louis Aragon im Kriegsjahr 1943 den Mut der Männer gewürdigt, die ihre kleinen persönlichen Überzeugungen von Religion und Politik überwunden haben, um gemeinsam für eine gute Sache zu kämpfen.

„Celui qui croyait au ciel“ und „celui qui n'y croyait pas“, – in Luxemburg können diese beiden Lager offenbar noch nicht miteinander. Für das neue Schulfach „Leben und Gesellschaft“ ist das ärgerlich, und für die kommenden Schülergenerationen einfach nur schade.

marc.thill@wort.lu

* "La Rose et le Réséda" gesungen von Juliette Greco:

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