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Editorial: Kein Waterloo
Leitartikel Politik 1 3 Min. 22.06.2015

Editorial: Kein Waterloo

Leitartikel Politik 1 3 Min. 22.06.2015

Editorial: Kein Waterloo

Christophe LANGENBRINK
Christophe LANGENBRINK
Vor 200 Jahren läutete die Schlacht von Waterloo das Ende von Napoleon ein. Dass der Sieg europäischer Verbündeter den Grundstein für das kleine Großherzogtum legte, war ein glücklicher Zufall der Geschichte, den keiner vorausahnen konnte. Erlebt man hier nach dem klaren Nein zum Ausländerwahlrecht nun ein schleichendes Waterloo?

Vor 200 Jahren läutete die Schlacht von Waterloo das Ende von Napoleon ein. Dass der Sieg europäischer Verbündeter den Grundstein für das kleine Großherzogtum legte, war ein glücklicher Zufall der Geschichte, den keiner vorausahnen konnte. Heute – zwei Jahrhundert später – präsentiert sich die Luxemburger Nation stolzer und selbstbewusster denn je. 

Auslöser ist ein Referendum, das die Frage der Nation und ihrer Identität neu aufmischt und weitere Fragen in Bezug auf ausländische Bürger aufwirft. Erlebt man hier nach dem klaren Nein zum Ausländerwahlrecht nun ein schleichendes Waterloo?

Eine Nation zu definieren, sie auf eine kurze, prägnante Formel zu reduzieren, ist so persönlich und subjektiv zugleich, dass es äußerst schwer fällt, eine für alle geltende Formel zu finden. Sicherlich kann in der Regel eine Verfassung Antworten liefern.

Doch im Fall Luxemburg wird es da schon etwas schwieriger herauszufinden, was die Luxemburger Nation eigentlich ausmacht. So müssen schon Symbole herhalten, eine gemeinsame Geschichte und vor allem eine Sprache herangeführt werden, um das begreifbar zu machen, was als Nation zu verstehen ist und was sie so einzigartig macht.

Im Falle Luxemburg ist das jüngste identitätsstiftende Ereignis die Volksbefragung."

Im Falle Luxemburg ist das jüngste identitätsstiftende Ereignis die Volksbefragung. Sie gibt Antworten auf das, wie das Selbstverständnis einer Nation sein soll, nämlich von Luxemburgern geprägt. Somit ist klar, dass sie etwas Exklusives und Besonderes bleiben soll. Sie will gepflegt und gehegt werden.

Im Nachgang zum 7. Juni wurde mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht, dass es eben nicht egal ist, wie sich eine Nation zusammensetzt und wer tatsächlich mitbestimmen darf. Das Wahlrecht bleibt ein Privileg, das nur über die Nationalität geregelt wird. So will es das Volk!

Da kommt es nicht darauf an, ob fast die Hälfte der Einwohner Luxemburgs Ausländer sind. Da ist es unerheblich, dass zwei Drittel der aktiven Bevölkerung keine Luxemburger sind. Einzig was zählt, ist der Respekt für den Ausdruck dieses Volkswillens. Ist ein Lamentieren also angebracht?

Von einem Gedanken zum Leitartikel: Warum gerade LW-Redakteur Christophe Langenbrink dieses Thema für den Leitartikel ausgewählt hat, erklärt er in diesem Video persönlich.

Nein! Warum auch? Denn wir alle wissen, dass es in den Herkunftsländern dieser hier ansässigen Mitbürger ebenso keine Mehrheiten gäbe, die Ausländern dort ein Wahlrecht zugestehen würden. Geht es den ausländischen Mitbürgern deshalb im Großherzogtum schlechter?

Auch hier ein klares Nein! Denn so schön und verlockend das Recht auf Mitbestimmung auch klingt, so sollte es nur dem erteilt werden, wer sich auch wirklich integrieren will und bereit ist, Luxemburger zu werden. Seit der Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft 2009 und – im europäischen Vergleich – einfachen Zugang zur Nationalität haben Ausländer die Wahl. Wer will, kann demnach Teil einer neuen Gemeinschaft werden, ohne seine Herkunft zu verleugnen.

Auch wenn Luxemburg lange dafür gebraucht hat, so ist es möglich und das ist gut so. Gelassen und gemeinsam sollten daher alle am „Kinneksgebuertsdag“ feiern. Der Nationalfeiertag ist ein guter Zeitpunkt die Schürfwunden des 7. Juni abheilen zu lassen. Denn nur in einer friedlichen, ausgelassenen Atmosphäre kann konstruktiv über weitere Partizipationsmodelle diskutiert werden, die vielleicht zu einer neuen Grundlage der Nation führen können.


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