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Irrweg ohne Ausweg
Leitartikel Politik 2 Min. 19.02.2015 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Irrweg ohne Ausweg

Leitartikel Politik 2 Min. 19.02.2015 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Irrweg ohne Ausweg

Joe GEIMER
Joe GEIMER
Man stelle sich vor, es ist Fußball-WM und keiner geht hin oder schaut zu. Im Vorfeld des Turniers werden die Proteste in den sozialen Netzwerken immer lauter und wütender. Topstars sagen unter dem Vorwand von Verletzungen ab.

Man stelle sich vor, es ist Fußball-WM und keiner geht hin oder schaut zu. Im Vorfeld des Turniers werden die Proteste in den sozialen Netzwerken immer lauter und wütender. Topstars sagen unter dem Vorwand von Verletzungen ab. Hauptsponsoren ziehen sich zurück. Public Viewings bleiben verwaist. Von WM-Fieber keine Spur. Gemeint ist das Jahr 2022 und das sportliche Großevent in Katar.

Tagträumerei. Denn das wird so wohl nicht passieren. Geld regiert die Welt. Und die finanziellen Ressourcen des Emirats an der Ostküste der Arabischen Halbinsel sind nahezu unerschöpflich. Fast alles scheint heutzutage käuflich. Gar politische Zustimmung oder zumindest Ignoranz. Bestes Beispiel hierfür war die Handball-WM vor knapp einem Monat eben in besagtem Katar.

Die Gastgeber gingen auf große Shoppingtour und kauften nach Herzenswunsch ein: das Turnier, die eigenen Nationalspieler, die Fans aus Spanien, Fernsehteams aus fernen Ländern – gar einige der Schiedsrichter gerieten unter Verdacht, auf ihre Unparteilichkeit verzichtet zu haben.

Dieser katarische Irrweg im Sport ist nicht ungefährlich. Natürlich bleibt es dem Land überlassen, Unmengen an Geld für den Sport auszugeben. Aber diese Tatsache schürt im Rest der Welt ein Unbehagen, ein Gefühl, dass es im katarischen Sport nicht mit den üblichen Maßstäben zugeht.

Sogar nicht mit rechten Dingen? Dabei gibt es Werte, die nicht käuflich sein dürfen. Ansonsten ist es nicht mehr Sport, sondern nur noch Geschäft. Kritik war dennoch (fast) keine zu hören. Mit Katar verdirbt man es sich eben nicht. Nie zuvor hat ein Land in so kurzer Zeit in allen Bereichen des Sportbusiness dermaßen eingekauft.

Der Vormarsch ist beängstigend. Die Vergabe der Fußball-WM 2022 – ganz egal ob diese nun letztendlich im Winter oder Sommer ausgetragen wird – steigert die innere Spannung der Sportfans. Ein Gefühl von Beklemmung macht sich breit aufgrund der Vergabe sportlicher Großveranstaltungen an ein Land, das nicht einmal fünf Mal größer ist als Luxemburg.

Durch die Milliarden aus dem Öl- und Gasgeschäft finanziert der Mini-Staat eine ganze Serie von Sportevents: Handball-WM (2015), Radsport-WM (2016) und Leichtathletik-WM (2019) sind nur einige der Vorboten der Fußball-WM 2022. Gar die Olympischen Spiele sollen – auf Biegen und Brechen – ins Emirat Katar geholt werden. Zur Farce wird das Ganze spätestens dann, wenn unter dem Deckmantel des „unpolitischen Sports“ Sportfunktionäre Folter und Menschenrechtsverstöße – aber eben auch finanzielle Annehmlichkeiten – in Kauf nehmen.

Öffentliches Schweigen ist an der Tagesordnung. Eigentlich ein Armutszeugnis, denn mit Sport wird nicht erst seit gestern knallharte Politik gemacht.

Doch von Missständen in etwaigen Gastgeberländern wollen die Sport-Oberen nichts wissen. Stattdessen wird die rosarote Brille aufgesetzt, die Anstrengungen der Organisatoren gepriesen. Wen interessiert schon, dass in Katar, aber nicht nur dort, Menschenrechte verletzt werden, Homosexualität verboten ist, jeden zweiten Tag einer der wie Sklaven gehaltenen Arbeiter auf den WM-Baustellen stirbt, Antisemitismus kein Fremdwort und die

Unterdrückung der Frau allgegenwärtig ist? Hauptsache die Petrodollars rollen. Zur Not organisiert das Emirat dann auch Winterspiele.


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