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Editorial: Europa aus der Puste
Leitartikel Politik 2 Min. 06.05.2015

Editorial: Europa aus der Puste

Leitartikel Politik 2 Min. 06.05.2015

Editorial: Europa aus der Puste

Christophe LANGENBRINK
Christophe LANGENBRINK
In ein paar Tagen jährt sich zum 70. Mal das Ende des II. Weltkriegs. Für Europa läutete diese geschichtliche Zäsur eine Zeitenwende ein. Das Gesicht des europäischen Kontinents veränderte sich nachhaltig.

In ein paar Tagen jährt sich zum 70. Mal das Ende des II. Weltkriegs. Für Europa läutete diese geschichtliche Zäsur eine Zeitenwende ein. Das Gesicht des europäischen Kontinents veränderte sich nachhaltig.

Bis heute ist es den Mitgliedern der Europäischen Union gelungen – innerhalb dieses Konstrukts –, einen dauerhaften Frieden aufrechtzuerhalten. Eine Friedens- und Wohlstandsperiode, die es in der von Konflikten geprägten Geschichte Europas in der Form noch nicht gegeben hat. Nicht neu, ja, aber immer noch erwähnenswert.

Angesichts der anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen außerhalb der europäischen Grenzen und den nicht endenden Spannungen innerhalb des Gebildes droht die EU wie selten zuvor sich zu spalten. Dabei ist in dieser Krisenzeit die EU mehr denn je gefordert, Lösungen zu formulieren, die zukunftsweisend sind. Doch wo bleiben die Visionen? Ist Europa aus der Puste?

Man kann schon mal außer Atem geraten, wenn man sich die Anzahl und die Bedeutung der andauernden Konflikte anschaut, die unweit der EU-Grenzen zurzeit die Aktualität dominieren. Da reicht ein kurzer Blick auf den Stellvertreterkrieg in der Ukraine, um zu erahnen, wie sehr Russland sich an alte Ideale klammert, sich gegen jegliche Expansionsbestrebungen Europas zur Wehr setzt und den Niedergang Europas herbeisehnt.

Glaubten wir alle, den Kalten Krieg hinter uns zu lassen, hofften wir alle, den „Tag des Sieges“ gemeinsam zu begehen, müssen wir nüchtern feststellen, dass Frieden auf dem Europäischen Kontinent eine prekäre Angelegenheit ist und alles andere als selbstverständlich ist.

Noch immer dominiert nämlich nationales Denken, während europäische Lösungen das Gebot der Stunde wären. Deutlich wird dies an einer fehlenden europäischen Einwanderungspolitik. Während täglich Menschen an unseren Grenzen sterben, nur um der Hoffnungslosigkeit in ihren Heimatländern zu entkommen, streiten wir über Quoten für bestimmte Einwanderergruppen, anstatt das Flüchtlingsproblem gemeinsam anzugehen.

Doch die hier zitierten Beispiele sind symptomatisch für Spannungen, die sich auf das Gesamtgefüge auswirken und nationale Egoismen wieder in den Mitgliedsstaaten aufflammen lassen.

Dabei drohen interne Konflikte noch viel eher, die EU zu zerreißen. Die nicht endende griechische Tragödie schwebt wie ein Damoklesschwert über Europas Zukunft. Auch die Wirtschafts- und Finanzkrise ist längst nicht überstanden. Die europäischen Wachstumsprognosen sind alles andere als rosig.

Zu all dem gesellen sich die Briten. Bei einem Wahlsieg am 7. Mai von David Cameron stünde ein Referendum über den Verbleib des Inselstaates bevor. Kaum auszudenken, welche Folgen ein Grexit oder ein Austritt Großbritanniens für die Union hätte. Verheerend! Das über Jahrzehnte mühsam aufgebaute europäische Konstrukt würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Trotzdem ist Europa noch lange nicht außer Atem. Pustekuchen! Selbst ohne Visionen und große Ideen bleibt die europäische Integration einmalig. Krisen sind inhärent. Eine Zeit ohne Krisen und Konflikte kennt die EU nicht. Anders als früher werden diese im politischen Diskurs ausgetragen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich werden Konfliktsituationen bewältigt – seien sie noch so groß und noch so unüberwindbar. So auch jetzt!


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