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Die Rede von Wolodymyr Selenskyj in der Chamber in deutscher Übersetzung
Politik 1 8 Min. 08.06.2022 Aus unserem online-Archiv
Videoansprache

Die Rede von Wolodymyr Selenskyj in der Chamber in deutscher Übersetzung

Mit eindringlichen Worten schilderte Wolodymyr Selenskyj den Abgeordneten die dramatische Lage in der Ukraine.
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Die Rede von Wolodymyr Selenskyj in der Chamber in deutscher Übersetzung

Mit eindringlichen Worten schilderte Wolodymyr Selenskyj den Abgeordneten die dramatische Lage in der Ukraine.
Foto: Guy Jallay
Politik 1 8 Min. 08.06.2022 Aus unserem online-Archiv
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Die Rede von Wolodymyr Selenskyj in der Chamber in deutscher Übersetzung

Das Luxemburger Wort dokumentiert die Ansprache des ukrainischen Präsidenten vom 2. Juni im Parlament.

Sehr geehrter Herr Präsident!

Sehr geehrter Herr Premierminister!

Sehr geehrte Damen und Herren, Mitglieder der Regierung, alle Anwesenden!

Liebe Luxemburgerinnen und Luxemburger!

 Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, mich an Sie wenden zu können.

Ihr Staat hat ein weises und äußerst aktuelles Motto: „Wir wollen bleiben, was wir sind.“ Und das wird jetzt in besonderer Weise wahrgenommen. An diesen Worten kommt man nicht vorbei. Denn wofür kämpfen wir? Für das, was wir sind. Und um das zu bleiben, was wir sind. Frei, unabhängig, offen und mit allen Europäern geeint.

 Für dieses Recht, für dieses Streben kämpfen wir schon sehr lange. Viel länger als Russlands groß angelegter Krieg gegen die Ukraine. Übrigens ist morgen der hundertste Tag dieses Krieges. Und wenn jetzt die Bezeichnung „großangelegt(er)“ (Krieg, Anm.) verwendet wird, ist das in der Regel nur eine rhetorische Abgrenzung des laufenden Krieges von dem Krieg, den Russland 2014 begonnen hat.

Damals, vor acht Jahren, fiel die russische Armee in unser Land ein und besetzte zum ersten Mal einen Teil davon. Die Halbinsel Krim und ein Drittel des Donbass, einschließlich der größten Städte, Donezk und Luhansk.

Die Kämpfe im Donbass dauerten acht Jahre lang an. Es gab sehr heiße und blutige Phasen der Konfrontation. Es gab auch kurze Phasen des Waffenstillstands, die viele große diplomatische Anstrengungen kosteten.

Die Ukraine hat mehr als 14.000 Tote zu beklagen – von 2014 bis zum 24. Februar dieses Jahres. Mehr als eineinhalb Millionen Menschen wurden zu Binnenflüchtlingen. Als Ergebnis der damaligen Invasionskampagne kontrollierte die russische Armee mehr als 43.000 Quadratkilometer des ukrainischen Territoriums. Dieses Gebiet ist mit der Fläche der Niederlande vergleichbar.

Und für die meisten europäischen Länder wäre ein solches Ausmaß des Krieges bereits enorm. Aber am 24. Februar hat Russland gezeigt, dass dies für es überhaupt kein Maßstab ist. Es hat gezeigt, dass seine Grausamkeit viel größer ist.

Russische Truppen drangen in 3.620 Siedlungen in der Ukraine ein. 1.017 von ihnen sind bereits befreit worden. Weitere 2.603 sollen noch befreit werden. Heute befinden sich etwa 20 Prozent unseres Territoriums unter der Kontrolle der Besatzer. Das sind fast 125.000 Quadratkilometer. Das ist viel größer als die Fläche aller Benelux-Länder zusammen. Etwa 300.000 Quadratkilometer sind mit Minen und nicht explodierten Sprengkörpern übersät. Fast zwölf Millionen Ukrainer wurden zu Binnenflüchtlingen. Mehr als fünf Millionen, meist Frauen und Kinder, sind ins Ausland gegangen.

Die Kämpfe dauern auf dem riesigen Gebiet zwischen der Stadt Charkiw im Osten unseres Landes und der Stadt Mykolajiw im Süden an. Eine gerade Linie zwischen ihnen ist 454 Kilometer lang. Aber wenn man die gesamte Frontlinie betrachtet, und die ist natürlich nicht gerade, dann ist diese Linie mehr als tausend Kilometer lang. Stellen Sie sich das einmal vor! Ständige Kämpfe, die sich über mehr als tausend Kilometer entlang der Frontlinie erstrecken.

Jeden Tag wird die Ukraine von russischen Raketenangriffen heimgesucht. Allein gestern hat Russland 15 verschiedene Marschflugkörper eingesetzt. Und seit dem 24. Februar wurden 2.478 Raketen eingesetzt. Die meisten davon waren auf zivile Infrastrukturen gerichtet.

Wir müssen uns praktisch gegen die gesamte russische Armee verteidigen. Alle kampffähigen russischen Militäreinheiten sind in diese Aggression verwickelt.

Die Besatzer haben bereits mehr als 30.000 Soldaten verloren. Das ist mehr, als die Sowjetunion in zehn Jahren Krieg in Afghanistan zu beklagen hatte. Mehr als Russland in zwei Tschetschenien-Kriegen zu beklagen hatte. Aber das hält Russland nicht auf. Dieser Staat ist immer noch bereit, (Menschen) zu verlieren und zu töten.

Denn nur eine einzige Person in Russland will nicht, dass wir bleiben, was wir sind.

Die russische Armee hat bereits fast den gesamten Donbass zerstört. Dieses einst mächtigste Industriezentrum Europas ist nur noch verwüstet. Die Besatzer zerstören Stadt für Stadt. Sehen Sie sich nur die Stadt Mariupol an. Dort lebten eine halbe Million Menschen, ein normales, friedliches Leben in einer wichtigen Industriestadt. Jetzt gibt es nur noch ausgebrannte Ruinen. Und wir wissen noch nicht einmal genau, wie viele unserer Leute von den Besatzern getötet wurden. Mindestens Zehntausende – Zehntausende in etwas weniger als 100 Tagen.

Das ist es, was es bedeutet, diesen Krieg als einen Krieg in vollem Umfang zu bezeichnen. Und deshalb fordern wir die Welt so lautstark auf, uns zu unterstützen. Zunächst einmal rufen wir zur Unterstützung der Verteidigung auf.

Meine Damen und Herren!

Die Ukraine hat außerordentliche Tapferkeit bewiesen. Wir haben nicht vor Russland kapituliert. Wir haben die Invasionsarmee, die vor Kurzem noch als die zweitstärkste der Welt galt, aufgehalten und drängen sie allmählich aus unserem Gebiet zurück.

Niemand hat den Ukrainern einen solchen Mut zugetraut. Aber dieser Mut ist da. Und diese Qualität unseres Charakters, unsere Bereitschaft, für die Freiheit und für unsere Werte zu kämpfen - und das sind die gemeinsamen Werte aller freien Europäer – beruht nun auf der Unterstützung, die wir von unseren Partnern erhalten haben.

Ich bin Ihnen, den Behörden und dem Volk von Luxemburg, sehr dankbar für die historische Entscheidung, der Ukraine Waffen zu liefern. Im Gegensatz zu anderen Staaten verfügt Luxemburg nicht über große Militärdepots oder eine bedeutende Rüstungsindustrie. Aber Sie haben die Solidarität einer großen Nation gezeigt und rechtzeitig – das ist sehr wichtig - und unbürokratisch, wie es sich für Menschen mit einer großen Seele gehört, Verteidigungshilfe geleistet.

Sie haben bewiesen, dass Ihr Potenzial stärker ist als das einiger, die trotz einer viel größeren geografischen Ausdehnung schwach geblieben sind.

Ich bin Ihnen auch dafür dankbar, dass Sie sich an dem Sanktionsdruck auf Russland beteiligen. Nur gemeinsam können alle Demokratien sicherstellen, dass Russland sich mit der Größe seines eigenen Territoriums zufriedengibt und niemals in das Leben anderer Länder eingreift.

Wir sind uns bewusst, dass niemand in der Lage sein wird, sich fernzuhalten und nicht betroffen zu sein, wenn sich wegen des russischen Staates eine Katastrophe von solchem Ausmaß in der Welt ereignet. Das erinnert an den Zweiten Weltkrieg, als die Nazi-Aggression das Leben ganzer Völker bedrohte. Deshalb müssen wir den Druck auf Russland deutlich erhöhen, um diese Katastrophe zu stoppen und solche Aggressionen in Zukunft zu verhindern.

Wir brauchen mehr Waffen für die Ukraine - moderne Waffen, die die Überlegenheit unseres Staates gegenüber Russland in diesem Krieg nicht nur durch Mut und Intelligenz, sondern auch technologisch sicherstellen. Und ich bitte Sie, diese Notwendigkeit vor anderen europäischen Staaten zu vertreten.

Für den Krieg werden weitere Sanktionen gegen Russland benötigt. Sobald das sechste Sanktionspaket verhängt ist, sollten wir alle das siebte vorbereiten.

Alle russischen Beamten, die für den Krieg arbeiten, und alle russischen Richter, die für die Repression arbeiten, müssen von den Sanktionen betroffen sein. Das Vermögen dieser und anderer Personen, sowohl natürlicher als auch juristischer Personen, die Sanktionen unterliegen, sowie das Vermögen des russischen Staates in ausländischen Gerichtsbarkeiten muss eingefroren werden. Und zwar alle.

Und wir müssen einen legalen Weg finden, sie zu beschlagnahmen, um den Schaden, den Russland den Opfern des Krieges zugefügt hat, zu kompensieren. Das wird fair sein. Und lehrreich für den Aggressor.

Wir müssen zeigen, dass die europäische Einheit mehr wiegt als jeder Zweifel an der Fähigkeit Europas, seine Werte zu verteidigen. Die Ukraine ist de facto Teil der Europäischen Union geworden. Wir arbeiten bereits sowohl auf bilateraler als auch auf EU-Ebene in einem Umfang zusammen, der einer Vollmitgliedschaft entspricht. Was kann dies besser beweisen als die Tatsache, dass wir uns gegenseitig schützen?

Und ich glaube, dass Ihr Land – als einer der Begründer eines vereinten Europas – zunächst die Kandidatur der Ukraine und später die Mitgliedschaft in der Europäischen Union unterstützen wird. Ich bin sicher, dass sich Ihre Fachleute und Unternehmen an dem Projekt des Wiederaufbaus der Ukraine nach dem Krieg beteiligen werden. Und dies wird das größte Wirtschaftsprojekt in Europa unserer Generation sein.

Luxemburgs Investitions- und Technologiepotenzial und seine Fähigkeit, ein komfortables Stadtleben zu organisieren, sind wohlbekannt. Und ich glaube, dass wir sehen werden, wie Ihr Potenzial in der Ukraine zum Nutzen unserer beiden Nationen wirken wird.

Herr Premierminister!

Ich lade Sie ein, unsere Hauptstadt Kiew zu besuchen, damit wir unsere weitere Zusammenarbeit im Detail besprechen können. Wir werden uns freuen, Ihre Rede in unserem Parlament – in der Werchowna Rada der Ukraine – zu hören.

Meine Damen und Herren!

Ich möchte diese Worte noch einmal in Erinnerung rufen: „Wir wollen bleiben, was wir sind.“ Gerade jetzt ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine auch für ganz Europa entscheidend. Dies ist ein Krieg um Werte.

Wenn wir diesen Krieg gewinnen, werden alle Europäer weiterhin ihre Freiheit genießen können. Wenn sich aber derjenige durchsetzt, der jede Freiheit in der Ukraine und in Europa zerstören will, dann wird es für alle auf dem Kontinent eine dunkle Zeit geben. Eine, die es in der Geschichte Europas schon gegeben hat, die dem Kontinent viel Leid und Opfer gebracht hat. Und ein Echo davon ist leider auch heute noch manchmal in den Stimmen derer zu hören, die versuchen, die europäische Einheit zu untergraben.

Die Tyrannei muss verschwinden. Damit Europa bleiben kann, was es ist. Was es jetzt ist. Frei, offen, geeint und fähig, in der Vielfalt stark zu sein.

Und ich bin Ihnen dankbar dafür, dass das Großherzogtum die Freiheit wirklich mit uns verteidigt.

Ich danke Ihnen allen!

Danke, Luxemburg!

Ehre sei der Ukraine!

Übersetzung: Sibila Lind, Jörg Tschürtz

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