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„Die Gewalt wird immer heftiger“
Politik 8 Min. 24.11.2018 Aus unserem online-Archiv

„Die Gewalt wird immer heftiger“

„Die Gewalt wird immer heftiger“

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Politik 8 Min. 24.11.2018 Aus unserem online-Archiv

„Die Gewalt wird immer heftiger“

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Die Frauenhäuser sind voll belegt. Auch die Wartezeiten für all die anderen Dienste, die Femmes en détresse (FED) anbietet sind lang. FED-Direktorin Andrée Birnbaum schlägt Alarm: „Die Arbeit mit Jugendlichen zeigt, dass wir im Partnerverhalten Rückschritte machen.“

Gewalt gegen Frauen bleibt ein Thema. 2017 gab es 217 Wegweisungen zum Schutz der Opfer schwerer häuslicher Gewalt: 203 Mal war der Täter ein Mann und unter den Opfern waren 193 Frauen und 24 Männer. Femmes en détresse (FED) bietet 14 verschiedene Dienste an. Sie reichen vom Frauenhaus für Opfer häuslicher Gewalt und dem Mädchenhaus für die Aufnahme bei psycho-sozialen Krisen, über Kinderbetreuung, Familienberatung und Berufsausbildungen bis zur Maison Communautaire d'Urgence (MACOU), Informations- und Sensibilisierungsateliers, betreutes Wohnen, Betreuung kranker Kinder und psychologischer Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die Opfer von Gewalt wurden. Zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November berichtet FED-Direktorin Andrée Birnbaum (49), dass Unterstützung mehr denn je not tut.

Andrée Birnbaum, Femmes en détresse eröffnete 1980 das erste Frauenhaus. Sie hofften damals bestimmt, irgendwann nicht mehr nötig zu sein?

Ja, natürlich. Wir arbeiten ja alle im Sozialsektor darauf hin, nicht mehr gebraucht zu werden. Aber es gibt immer noch viel zu viel Gewalt, vor allem gegen Frauen und die Gewalt wird immer heftiger. Alle unsere Dienste haben es mit immer schlimmeren Situationen und mit schwereren Fällen zu tun, mit denen sie zum Teil auch überfordert sind. Es gibt immer weniger Barrieren – das geht bis hin zu Morddrohungen und es kam in den letzten Monaten ja auch zu zwei Mordfällen.

Was läuft schief?

Das Problem müsste vielmehr an der Wurzel angepackt werden. Wir können gar nicht früh genug damit anfangen, schon kleinen Kindern beizubringen, dass man Respekt vor den anderen haben soll, dass man sich aber auch gegen Übergriffe wehren soll und einschreiten soll, wenn einer einen anderen schlecht behandelt. Diese Themen müssten schon ganz, ganz früh in der Schule behandelt werden. Wir hören immer mehr von Mobbing, von Gewalt an den Schulen. Ich selber wurde vor kurzem Zeuge, als drei Jugendliche am Bahnhof ein Mädchen auf eine Balustrade hoben, hinter der es 20 Meter herabging und so taten, als würden sie es fallen lassen. Das Mädchen schrie, zitterte und hatte Todesangst, bis ein Bahnangestellter einschritt. Das ist kein Spiel und auch kein Spaß – das sind einfach Verhaltensmuster, die es gar nicht geben dürfte. Wir bekommen auch immer wieder mit, dass Kinder, die selber Mobbingopfer waren, sagen, „Das wurde ja auch mit mir gemacht“.

Die Schulen sind also mehr gefordert?

Ich denke, dass auch das Schulpersonal mit der Problematik überfordert ist, denn sie sind ja keine Spezialisten. Es wäre wünschenswert, wenn wir mit all den Professionellen aus dem Sektor mehr intervenieren könnten. Wir geben zwar Kurse für Lehrer an der IFEN und haben einen Posten von 20 Stunden, um in den Lyzeen Gewalt zu thematisieren. Das reicht hinten und vorne nicht und wir werden auch immer mehr angefragt. Es bleibt einfach noch ganz viel zu tun, obwohl es eigentlich etwas ganz Normales und Selbstverständliches im Alltag der Schule und auch zu Hause sein müsste, vom kleinsten Alter an, keine Gewalt durchgehen zu lassen.

Wie sieht es denn speziell bei der sexuellen Gewalt aus?

Unser Dienst, der sich um die Opfer im Rahmen der Wegweisungen kümmert, berichtet, dass sexuelle Gewalt noch immer ein Tabu ist. Die Leute trauen sich nicht darüber zu sprechen. Es geht in den Gesprächen viel um physische und auch psychische Gewalt, aber die sexuelle Gewalt kommt oft erst nach ein paar Sitzungen auf, obwohl sie ganz oft präsent ist. Die Mentalität dass Mädchen und Frauen, die sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden, das selber provoziert haben, ist noch fest verankert. Aber auch wenn jemand nackt durch die Straßen geht, gibt es niemandem das Recht, ihm Gewalt anzutun oder ihn anzufassen und ein Nein ist ein Nein. Auch das diskutieren wir mit den Jugendlichen und stoßen auf ganz erschreckende Einstellungen. Sie sagen beispielsweise zu der Abbildung eines Mädchens in engem Jeansrock und mit tiefem Ausschnitt, dass sie sich anders anziehen soll, hässlich sei oder wie eine Prostituierte aussieht. Und wenn wir abfragen, ab wann bist Du mit dem Verhalten Deines Freundes nicht mehr einverstanden, merkt man, dass sich die Mädchen heute viel mehr bieten lassen als wir vor 30 Jahren: Sie akzeptieren, dass ihr Freund ihr Handy kontrolliert, dass er alle Passwörter kennt, dass er ihnen ihre Kleidung vorschreibt. Fremde Briefe zu lesen, war für uns ein Tabu, aber die SMS auf einem fremden Handy zu lesen, ist es heute nicht mehr.


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Woher kommt ein solcher Rückschritt?

Die Jugendlichen sagen uns, dass es ein Zeichen von Liebe sei, wenn der Freund sich sorgt, wie man angezogen ist, wenn er eifersüchtig ist. Und wenn einer sie machen ließe, was sie wollten, dann zeige es, dass er einen nicht gerne hat. Das sind komplett falsche Bilder. Wenn das die Vorstellung ist, die die Jugend von der Liebe hat, haben wir ein großes Problem. Aber es läuft immer wieder auf dasselbe heraus: Wir müssen ganz früh in der Grundschule anfangen, auf diese Dinge einzuwirken.

Die Wegweisungen bei häuslicher Gewalt sind 2017 auf 217 gesunken, 256 waren es noch 2016 und 2012 gar 357. Ist das denn nicht ein gutes Zeichen?

Auch in diesem Jahr bleiben wir wohl auf dem Niveau von 2017. Das Problem dabei ist nur, dass sich die Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt ja nicht verringert haben, sondern bei rund 800 stabil bleiben. Es hängt schlicht vom Polizisten ab, der vor Ort war und wie er die Situation beschreibt und von der Entscheidung der Staatsanwaltschaft. Es gibt Personen, die ordnen fast immer eine Wegweisung an, andere nie. Wir sind der Meinung, es müssten mehr Wegweisungen gesprochen werden, wir haben aber keine Handhabe, außer es im „Comité de violence“ anzusprechen. Es wäre schön, wenn auch die Gewaltakte gesunken wären – das ist aber nicht der Fall. Wenn wir aus dem Alltag erzählen, glaubt uns niemand, in welchem Ausmaß Gewalt und Menschenhandel in unserem schönen Land anzutreffen ist. Und in welchen Kreisen, denn das gibt es vom Arbeiter bis zum Bankdirektor – es hat nichts mit dem Verdienst zu tun, ob man gewalttätig ist oder nicht.

Der Umgang mit häuslicher Gewalt ist ja aber Teil der Polizeiausbildung.

Die Ausbildung an der Polizeischule beschränkt sich auf einmal einen Tag bei einem riesigen Programm, das die Schüler absolvieren müssen. Es gibt keine längeren, gründlicheren Ausbildungen und auch keine Einsatzgruppen, die darauf spezialisiert sind. Dabei müssten die Polizei, aber auch die Staatsanwälte und Richter besser ausgebildet sein. Da stößt man leider auf Granit. Es gibt aber auch gute Entwicklungen: Mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention wurden auch die Kinder als Opfer einer häuslichen Gewalt anerkannt und müssen von einem Service für Minderjährige betreut werden. Auf der anderen Seite macht die Staatsanwaltschaft in Luxemburg einen Unterschied zwischen Opfern und zu schützenden Personen und zählt zwar die Frauen oder Männer dazu, aber nicht unbedingt die Kinder. Das wird Fall für Fall entschieden. Mit anderen Worten: Wurde eine Frau geschlagen, darf der Täter Kontakt mit den Kindern haben, auch wenn sie Zeugen der Gewalt waren. Das sorgt für viel Stress bei den Kindern. Wir fordern, dass Opfer immer auch geschützt werden – 14 Tage sind ja wirklich nicht die Welt.

Die Ratifizierung der Istanbul-Konvention war ja aber ein Meilenstein, oder?

Wir hätten uns gewünscht, dass sie direkt zu 100 Prozent umgesetzt wird, aber die psychische Gewalt beispielsweise wurde noch nicht ins Strafrecht aufgenommen. Das ist ein Problem. Aber es wurde angekündigt, dass noch Anpassungen gemacht werden, um alle Maßnahmen der Konvention umzusetzen – jetzt müssen wir abwarten, was die neue Regierung macht. Das betrifft auch die in der Konvention vorgesehene 24/24-Hotline für Gewaltopfer. Sie wäre wichtig, weil man damit einen Filter setzen könnte, ob man in ein Frauenhaus schickt, zur Polizei, zu einer Beratung. In anderen Ländern, die die Istanbul-Konvention umgesetzt haben, gibt es das schon. Wir begrüßen natürlich auch die Umedo, die Opferambulanz, wünschen uns aber, dass den Opfern einer Vergewaltigung beispielsweise auch eine psychische Begleitung während der Beweissicherung angeboten wird. Die vergewaltigte Frau verbringt schließlich Stunden in einem Krankenhaus, bevor sie sich waschen und frisch anziehen kann. Das ist nicht einfach. Wir würden gerne auch das Personal in den Notaufnahmen der Krankenhäuser auf das Erkennen von Gewaltverletzungen und Opfer von Menschenhandel hin sensibilisieren.


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Fehlt es Ihnen dafür an finanzieller Unterstützung?

An konventionierten Posten auf alle Fälle, aber eigentlich fehlt es hinten und vorne. Das Chancengleichheitsministerium versteht uns, ist aber ein kleines Ministerium mit wenig Mitteln. Wir haben schon die MACOU gegründet, weil die Frauenhäuser voll sind, aber das ist auch schon ganz belegt. Die Frauen kommen aus der MACOU nicht heraus, weil das Frauenhaus voll ist und das Frauenhaus ist voll, weil wir keine Sozialwohnungen haben. Das ist ein Teufelskreis, der nicht aufhört. Unsere Frauen sind sechs, sieben Jahre in den Wohnungen der zweiten Phase, die nur für drei Jahre gedacht sind und so lange bekommen wir die Frauenhäuser nicht neu besetzt. Das Wohnen ist ein Riesenproblem. Wenn das gelöst wäre, wären auch andere Probleme zu lösen. Es ist einfach frustrierend, so lange Wartezeiten zu haben und Notfälle nicht direkt aufnehmen zu können. Manchmal hat man das Gefühl, gegen den Strom zu schwimmen und einfach nicht vom Fleck zu kommen.


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