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Der Artuso-Bericht und seine Folgen: Die Debatte nimmt Fahrt auf
Nach der Veröffentlichung des Artuso-Berichts setzt eine lebhafte Debatte ein.

Der Artuso-Bericht und seine Folgen: Die Debatte nimmt Fahrt auf

Guy Jallay
Nach der Veröffentlichung des Artuso-Berichts setzt eine lebhafte Debatte ein.
Politik 2 Min. 16.03.2015

Der Artuso-Bericht und seine Folgen: Die Debatte nimmt Fahrt auf

Auch 70 Jahre nach Kriegsende beinhaltet das Thema Kollaboration und Mitschuld der Verwaltungskommission an der Deportation der Juden noch reichlich Sprengstoff. Der Artuso-Bericht wird lebhaft diskutiert.

(DS) - Als erster meldet sich der Rechtsanwalt Gaston Vogel zu Wort, der in einem offenen Brief bemängelt, dass die Untersuchung nicht vollständig sei. Artuso würde lediglich an der Oberfläche kratzen. Seiner Meinung nach hätte auch die Rolle des Luxemburger Wort bei der Verbreitung eines „wilden Antisemitismus“ in den 30er Jahren in den Bericht einfließen müssen. Artuso weist die Kritik als solche zurück, begrüßt aber gleichzeitig, dass mit Vogels Stellungnahme die Debatte über das Thema Kollaboration eröffnet ist.

Die Kritik der Unvollständigkeit erhebt auch Lex Roth in seinem Leserbrief vom 18. Februar. Artuso fokussiere sich ausschließlich auf die Beamten, untersuche aber nicht die Rolle der „freien Berufe“ während der Nazizeit. Es ist aber nicht diese Kritik, mit der der ehemalige Regierungsrat aneckt. Es ist vielmehr seine Aussage, dass weder die Regierung noch das Parlament sich offiziell entschuldigen müssten. „Am Respekt fir eis Märtyrer, Resistenzleit, Refraktairen, Deportéiert, gefalen a geschanten Zwangsrekrutéiert, Maquisarden … an 'eis' jüddesch Affer däerfe mir äis net, souzesoe kollektiv, als Vollek entschëllegen. Här Staatsminister, léif Deputéiert: Maacht dat net!“. Laut Roth reicht es aus, wenn man die Ereignisse bedauert.

Heftige Reaktionen

Roths Beitrag löst zum Teil sehr heftige Reaktionen aus. Denis Scuto holt am 12. März in einem Beitrag auf 100,7 geradezu zu einem Rundumschlag aus. Der Historiker wirft Roth historische Schwarz-Weiß-Malerei vor. Er verschweige zudem eine ganze Reihe von Fakten und teile die Akteure von damals in zwei Kategorien ein: Die Guten und die Bösen, wobei in Luxemburg natürlich die „Guten“ eindeutig dominieren würden.

In einem geharnischten Leserbrief reagiert auch der Vorsitzende der Vereinigung MemoShoa, Henri Juda, auf Roths Aussage. U. a. wirft er ihm vor, dass er die durch den Holocaust verursachten Leiden „a Kontradiktioun zu aner Affergruppen“ setze. Man könnte fast glauben, dass Roth „an aler Traditioun, d'Judden iwwerhaapt net als Lëtzebuerger akzeptéiere wëllt!“

Zuspruch von den Resistenz- und Opferverbänden

Roth erhält aber auch Zuspruch, u. a. aus den Reihen der Resistenz- und Opferverbände. Deren Missmut macht sich zum Teil auch an der Scuto-These vom Ende des „Mythos der aktiven Auflehnung“ fest. In einem „La fabrication d'un mythe“ betitelten Leserbrief dreht Raymond Schaus den Spieß um und macht den Zeitgeist für die Interpretation verantwortlich: „Ce ,mythe‘ est une vue d'esprit des champions d'une historiographie qui se veut ,nouvelle‘, ,moderne‘.“

In weitaus differenzierter Form ging es auch am 16. Februar um den „Mythos vom Mythos“. Im Rahmen einer von der Monatsschrift Forum organisierten Podiumsdiskussion waren sich Jean Hamilius, Loretta Walz, Michel Pauly und Simone Beck einig, dass das Verständnis vom „einig widerständigen“ Luxemburg kaum haltbar ist. Auf der Konferenz, die den Untertitel „Geschichte im Spannungsfeld von Historikern und Zeitzeugen“ trug, gingen die Redner auch auf die Rolle der Resistenzbewegung und der Opferverbände ein, die die kollektive Erinnerung stark beeinflusst haben.