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Déi Lénk lassen Köpfe rotieren
Politik 4 Min. 18.05.2021 Aus unserem online-Archiv

Déi Lénk lassen Köpfe rotieren

Myriam Cecchetti und Nathalie Oberweis werden am Mittwoch im Parlament vereidigt.

Déi Lénk lassen Köpfe rotieren

Myriam Cecchetti und Nathalie Oberweis werden am Mittwoch im Parlament vereidigt.
Foto: Gerry Huberty
Politik 4 Min. 18.05.2021 Aus unserem online-Archiv

Déi Lénk lassen Köpfe rotieren

Morgan KUNTZMANN
Morgan KUNTZMANN
Zwei verschiedene Profile: Nathalie Oberweis und Myriam Cecchetti rücken am Mittwoch für Déi Lénk in die Chamber nach - ein Porträt.

Linke Ideen haben mit der Corona-Wirtschaftskrise an Strahlkraft gewonnen. Erbschaftssteuer, Vermögensabgabe für Reiche und einen internationalen Mindeststeuersatz für Konzerne – Ideen, die noch vor der Pandemie dem linken politischen Spektrum zugerechnet wurden, werden mittlerweile auch in Luxemburg von der politischen Mitte aufgegriffen, beziehungsweise in den Vereinigten Staaten vom US-Präsidenten Joe Biden zum Teil umgesetzt. 

„In regelmäßigen Abständen wird nach Wirtschaftskrisen darüber diskutiert, es wird aber wie immer gehen: Es wird nichts geschehen“, äußert sich Myriam Cecchetti, eine der beiden Frauen, die wegen des Rotationsprinzips von Déi Lénk am Mittwoch in die Chamber nachrücken werden. 


Counterfeit euros are shown at a Spanish police station in Madrid March 23, 2005. Spanish police seized 2.5 million euros ($3.30 million) of counterfeit bills and arrested 27 people in the biggest seizure of forged euros since the notes were introduced three years ago, police said on Wednesday.  REUTERS/Susana Vera
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„Ein zögerlicher Ansatz ist da, die Amerikaner sind aber in ihrem Denken noch fest auf neoliberalen Schienen verankert“, beschreibt Nathalie Oberweis, die mit ihrer Parteikollegin die Abgeordneten David Wagner und Marc Baum ablösen wird, ihre Sichtweise. 

Zwei unterschiedliche Profile 

Trotz ihrer ideellen Nähe haben die beiden Frauen zwei verschiedene Profile. „Ich verstehe nicht, wie manche Politiker Doppelmandate innehaben können“, kritisiert die 55-jährige Lehrerin Cecchetti, die bereits Erfahrungen in der Politik hat, ein Schöffenmandat als Déi Gréng-Mitglied und als Gemeinderatsmitglied von Déi Lénk. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass man gleichzeitig Abgeordneter und Bürgermeister einer Stadt oder großen Gemeinde sein kann. Die Arbeitsbelastung ist dann so hoch, dass die Arbeit bei einem der beiden Mandate leidet.“ 

Während Cecchetti bereits über Erfahrungen in der Politik auf der kommunalen Ebene verfügt, wird das Parlamentsmandat für Oberweis eine Umstellung sein: „Ich bin eher eine zurückhaltende Person, die nicht gerne im Rampenlicht steht.“ Militantismus und der Einsatz für Ideen sind jedoch auch für die 38-jährige nichts Neues. Sowohl ihre Arbeit als Journalistin für den Radiosender 100,7 als auch ihr Einsatz im Comité pour une Paix Juste au Proche-Orient zeugen von ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement. 

Nathalie Oberweis hat eine besondere Beziehung zur „Gare“. Ein Großteil der Nichtregierungsorganisationen, für die sie tätig war, sind in dem Viertel beheimatet. Des Weiteren benutzt sie regelmäßig den öffentlichen Transport.
Nathalie Oberweis hat eine besondere Beziehung zur „Gare“. Ein Großteil der Nichtregierungsorganisationen, für die sie tätig war, sind in dem Viertel beheimatet. Des Weiteren benutzt sie regelmäßig den öffentlichen Transport.
Foto: Gerry Huberty

Bei der Antwort auf die Frage, sie sich bei ihrem politischen Engagement für Déi Lénk entschieden haben, scheinen sie dieselben Gründe gehabt zu haben. „Es geht mir um den Inhalt“, so Cecchetti. Persönliche Profilierung sei Gift für die Politik. Aus diesen Gründen hätte sie sich bei ihrer vorherigen Partei Déi Gréng nicht mehr wohlgefühlt. „Die Partei hat ihre Seele verkauft. Ich fand die Werte, die ich als Mitglied der Grünen immer vertreten wollte, nicht mehr. Bei Déi Lénk suchen wir nicht nach Menschen mit bekannten Namen, sondern nach Personen mit politischen Überzeugungen“, so Cecchetti. 


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Oberweis, die in einem katholischen Umfeld aufwuchs und deren Vater Marcel Oberweis  langjähriger CSV-Abgeordneter war, ist fest davon überzeugt, dass christliche Werte bei Déi Lénk ausgelebt werden. Ihr Studium der Politikwissenschaften habe sie gegenüber Parteipolitik kritisch werden lassen. „In unserer Partei sind keine Menschen, die ihr Ego stärken müssen oder durch eine Mitgliedschaft Karriere machen wollen“, so Oberweis. Bei Déi Lénk findet Oberweis Werte, für die sie sich auch in der Zivilgesellschaft eingesetzt hat. „Déi Lénk bieten eine kohärente Politik an, wo der Mensch im Mittelpunkt steht“, erklärt sie die Wahl ihrer politischen Heimat. 

Beide Politikerinnen schätzen die offene Diskussionskultur, die in der Partei vorherrsche. „Dadurch ziehen wir Menschen an, die sich und die Welt hinterfragen. Wenn man sich fragt, woher die Probleme kommen und nicht nur Symptombekämpfung betreibt, kann man an die Wurzel des Übels gehen. Als Gesellschaft müssen wir analysieren, woher die Probleme kommen“, so Oberweis. 

Als Abgeordneten werden sie die Chamberdossiers ihrer Vorgänger nicht eins zu eins übernehmen. Die Lehrerin und ehemalige Umweltschöffin Cecchetti, als Déi Gréng Mitglied, wird Bildungs- und Umwelt-, sowie Energie- und Mobilitätsthemen abdecken. Oberweis wird hingegen für Gesundheit, Wohnraum, Menschenrechte und Steuern verantwortlich sein. 

Myriam Cecchetti ist mit der Gemeinde Sassenheim eng verbunden. Einmal durch ihre Erfahrung als Schöffin der Südgemeinde, aber auch als Vorsitzende des solidarischen Lebensmittelgeschäftes „Eis Epicerie“ in Zolver.
Myriam Cecchetti ist mit der Gemeinde Sassenheim eng verbunden. Einmal durch ihre Erfahrung als Schöffin der Südgemeinde, aber auch als Vorsitzende des solidarischen Lebensmittelgeschäftes „Eis Epicerie“ in Zolver.
Gerry Huberty

Grundprobleme der Linken 

Die Kritik, die die deutsche Politikerin Sahra Wagenknecht in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ äußert, dass linke Politik eher Besserverdienende im Blick habe, nicht die wirklich Armen, sehen die beiden Politikerinnen nuanciert. „Aktuell versuchen wir unsere Kommunikation nach außen zu verbessern. Unsere Informationsblätter sind in einer einfachen Sprache gehalten, damit wir alle Bevölkerungsschichten ansprechen“, erklärt Cecchetti. Oberweis sieht diese Thematik als ein Problem an, das allgemein die Frage der politischen Vertretung von bestimmten Bevölkerungsschichten betrifft. 


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Unsere Volksvertreter in der Chamber sind nicht so diversifiziert wie die heutige Luxemburger Gesellschaft. Weder die Arbeiter noch junge Menschen oder ausländische Minderheiten sind im Parlament oder der Regierung vertreten“, so Oberweis. Dies führe dazu, dass die großen Problematiken wie Klimawandel, Wohnungsnot oder steigende Ungleichheiten von den Abgeordneten angesprochen werden, sie jedoch keine radikalen Lösungen anstreben, da sie nicht persönlich von den Problemen betroffen sind. 

„Nehmen wir das Problem der Erwerbsarmut, das kann sich keiner von uns vorstellen, weil wir es nicht am eigenen Leib erfahren haben. Das führt dazu, dass man als Politiker glaubt, die Probleme zu kennen, unter denen die Working Poor leiden. Im Endeffekt führt es dazu, dass die Politiker über die Köpfe und eigentlichen Probleme der Menschen hinweg entscheiden“, so Cecchetti und zieht Parallelen zu ihrer Arbeit als Lehrerin: „Ein Schüler, der niemals Probleme in der Schule hatte, wird sich nicht in eine solche Situation hineinversetzen können.“ 

Auch das Wahlrecht sei Teil des Problems. „Wir sind seit langem in einer bedenklichen Situation, wo eine kleine Minderheit über Gesetze entscheidet, die die Mehrheit betreffen. Warum soll sich ein ausländischer Arbeiter überhaupt politisch engagieren? Ohne Wahlrecht hat er nichts davon“, moniert Cecchetti. 

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