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"Das drückt auf die Moral"
Politik 4 Min. 02.12.2021 Aus unserem online-Archiv
Langzeitarbeitslosigkeit

"Das drückt auf die Moral"

Die Adem bietet zahlreiche Unterstützungsprogramme für Erwerbslose an.
Langzeitarbeitslosigkeit

"Das drückt auf die Moral"

Die Adem bietet zahlreiche Unterstützungsprogramme für Erwerbslose an.
Foto: Lex Kleren
Politik 4 Min. 02.12.2021 Aus unserem online-Archiv
Langzeitarbeitslosigkeit

"Das drückt auf die Moral"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Mehr als die Hälfte der Arbeitsuchenden sind Langzeitarbeitslose. Das Parlament diskutierte am Donnerstag über Lösungen.

Die Arbeitslosigkeit in Luxemburg ist rückläufig. Im Oktober lag die Arbeitslosenquote bei 5,4 Prozent, das entspricht dem Niveau vor Ausbruch der Corona-Krise. 15.417 Arbeitsuchende waren am vergangenen 31. Oktober bei der Adem eingeschrieben. Dieser Zahl stehen 11.076 offene Stellen gegenüber. Allein im Oktober wurden 3.909 neue unbesetzte Stellen gemeldet. Offensichtlich passen Angebot und Nachfrage nicht überein. 

Besonders beunruhigend ist der steigende Anteil der Langzeitarbeitslosen. 52 Prozent der knapp 15.500 Arbeitsuchenden im Oktober sind seit über zwölf Monaten arbeitslos, rund 8.000 Menschen. Wer sind die Langzeitarbeitslosen? Junge Menschen ohne Schulabschluss, Personen mit geringer Qualifikation, in fortgeschrittenem Alter, Personen mit gesundheitlichen Problemen oder einer Behinderung, aber auch immer mehr Hochqualifizierte. 


Wirtschaft, ADEM, Arbeitsamt, Jugendarbeitslosigkeit, Arbeit, Job, ADEM Esch Alzette, ( gestelltes Bild mit Einverständnis des Jugendlichen zu jedem Thema in Zusammenhang der ADEM ) Foto: Guy Wolff/Luxemburger Wort Esch Alzette, ( gestelltes Bild mit Einverständnis des Jugendlichen zu jedem Thema in Zusammenhang der ADEM ) Foto: Guy Wolff/Luxemburger Wort
Arbeitslosenrate in Luxemburg sinkt auf 5,4 Prozent
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Wie Arbeitsminister Dan Kersch (LSAP) am Donnerstag im Rahmen einer Aktualitätsstunde zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit meinte, sinkt die Anzahl der Langzeitarbeitslosen seit geraumer Zeit, „allerdings langsamer als die Zahl der anderen Arbeitsuchenden. Deshalb steigt ihr Anteil an der Gesamtzahl der Arbeitslosen“.

Der Minister legte Zahlen auf den Tisch, um das Profil der Langzeitarbeitslosen zu veranschaulichen: 54 Prozent haben ein geringes Bildungsniveau (34 Prozent bei den anderen Arbeitslosen), 56 Prozent sind älter als 45 Jahre, ein Drittel sind Menschen mit einer Behinderung beziehungsweise haben das Statut des „Reclassé externe“. Diese Gruppe mache bei den restlichen Arbeitslosen lediglich fünf Prozent aus, so Kersch, der schätzt, dass pro Monat in 500 bis 600 Fällen über ein Reclassement interne beziehungsweise externe entschieden werden muss. 

Der Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit ist nicht leicht. Deshalb braucht es besondere Anstrengungen, findet der CSV-Abgeordnete Marc Spautz, der die Aktualitätsstunde beantragt hatte. Er machte auf das schwierige Los von Langzeitarbeitslosen aufmerksam: Verlust an Einkommen, Selbstwertgefühl und sozialer Bindung, Risiko von Suchtverhalten und Depression. „Arbeitslos zu sein, drückt auf die Moral“, so Spautz. Einer der Gründe für Arbeitslosigkeit sei fehlende Qualifikation. Darauf kann man einwirken. „Wir brauchen mehr Fortbildungen, Umschulungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“, meinte der CSV-Abgeordnete. 

Mehr EMI

Als künftiger Arbeitsminister stellte LSAP-Fraktionschef Georges Engel quasi seine Roadmap im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit vor. Wunderlösungen gebe es keine, meinte Engel. „Ein Schlüsselelement aber ist die Weiterbildung. Hier gibt es noch viel Luft nach oben.“ Programme wie „Digital skills“ oder „FutureSkills“, die auf die Profile der Langzeitarbeitslosen zugeschnitten sind, müssten intensiviert werden. Ausgebaut werden müssten aber auch die Hilfen für Gemeinden, öffentliche Einrichtungen, Vereinigungen usw., die neue Posten für Langzeitarbeitslose über 30 Jahre schaffen. 

Dabei handelt es sich um sogenannte „Nouveaux emplois d’insertion pour chômeurs de longue durée“ (EMI). 400 solche Posten sind im Budget 2022 vorgesehen. Marc Spautz regte in einer Motion an, die Zahl der Posten zu erhöhen. Der Vorschlag wurde von allen Parteien angenommen, unter der Bedingung, dass vorher eine Prüfung der bisher abgeschlossenen Verträge stattfindet und diese ergibt, dass ein solcher Schritt Sinn macht. 

Im Zeitalter der Digitalisierung und Automatisierung schützt gute Aus- und Weiterbildung vor Arbeitslosigkeit, meinte auch Carole Hartmann (DP). „Die Plattform Lifelong Learning und die Adem bieten eine Vielzahl an Umschulungen und Weiterbildungen an.“ Das Angebot müsse kontinuierlich ausgebaut werden. 

Wirksamkeit der Programme überprüfen

Carlo Back (Déi Gréng) regte an, die vielen Maßnahmen und Programme seitens der Adem, des Arbeits- und des Bildungsministeriums einer Prüfung zu unterziehen und anzupassen, um ihre Wirksamkeit zu verbessern. 

Jeff Engelen (ADR) gab zu bedenken, dass Langzeitarbeitslose es bereits in normalen Zeiten schwer haben, eine neue Arbeitsstelle zu finden, nicht zuletzt, weil ihnen oft ein schlechter Ruf vorauseilt. „Durch die Corona-Krise haben sie es noch schwerer“, so Engelen, der anregte, dass die Adem schwer vermittelbare Arbeitsuchende noch gezielter unterstützen sollte. 

Sven Clement (Piraten) sieht den Staat in der Pflicht, Betriebe, die Menschen mit einer Behinderung einstellen, stärker zu unterstützen und ermunterte Arbeitsuchende, sich bei der Adem zu melden und von der Unterstützung des Arbeitsamts Gebrauch zu machen. Aber es hagelte auch Kritik. 

Clement berichtete von seiner Partei, die einen Arbeitsuchenden einstellen wollte, der wegen eines verpassten Termins Post von der Adem bekam, dagegen Berufung eingelegt hat und nun drei bis vier Monate auf eine Antwort warten müsse. „Es kann nicht sein, dass potenziell unschuldige Arbeitsuchende während drei oder vier Monaten keine Hilfe bekommen, ohne dass die Schuldfrage geklärt ist. Solche Fristen sind völlig inakzeptabel“, so Clement. 

Neoliberales Wirtschaftsmodell

Myriam Cecchetti (Déi Lénk) machte in erster Linie das neoliberale Wirtschaftsmodell für die Arbeitslosigkeit verantwortlich, das gar nicht darauf angelegt sei, allen Menschen eine gute Arbeit zur Verfügung zu stellen. Weitere Gründe seien verfehlte Wiedereingliederungsmaßnahmen, eine verfehlte schulische Orientierung sowie mangelnde Weiterbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten. Cecchetti zufolge müsse im Rahmen der Revis-Analyse dem Faktor Langzeitarbeitslosigkeit Rechnung getragen werden. Auch plädierte sie dafür, die Frist beim Arbeitslosengeld von heute zwölf auf 24 Monate zu verdoppeln, „um zu verhindern, dass Menschen zu schnell in die Sozialhilfe rutschen (Revis) und Einkommenseinbußen erleiden“. 


12.3. Arbeitsamt / Adem / ITV Mariette Scholtus  Foto: Guy Jallay
10.000 offene Stellen - mehr Menschen länger ohne Job
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Laut Arbeitsminister Kersch ist die Lage darauf zurückzuführen, dass es wegen der Corona-Krise schwieriger geworden ist, Arbeitslose in Beschäftigung zu bringen. Die Menschen seien länger bei der Adem eingeschrieben. Zwar sei die Situation seit dem Sommer dabei, sich zu entschärfen, allerdings nach dem Prinzip „Last in, first out“, weil den Langzeitarbeitslosen eben ein schlechter Ruf anhänge. „Dieses Problem müssen wir angehen“, so Kersch. 

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