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Corona und Impfen: Wann ist die Gesellschaft immun?
Politik 4 Min. 12.01.2021 Aus unserem online-Archiv

Corona und Impfen: Wann ist die Gesellschaft immun?

Das Kranken- und Pflegepersonal wird weltweit prioritär geimpft.

Corona und Impfen: Wann ist die Gesellschaft immun?

Das Kranken- und Pflegepersonal wird weltweit prioritär geimpft.
Foto: AFP
Politik 4 Min. 12.01.2021 Aus unserem online-Archiv

Corona und Impfen: Wann ist die Gesellschaft immun?

Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gaben etwa zwei Drittel an, sich gegen das Coronavirus impfen lassen zu wollen. Aber reicht das?

(dpa) - Klaus Reinhardt ist im Kampf gegen die Corona-Pandemie optimistisch: In den kommenden Monaten werde die Impfbereitschaft steigen. „Für Geimpfte verliert die Pandemie ihren Schrecken, sie werden sich besser fühlen und entspannter sein“, sagte der Präsident der deutschen Bundesärztekammer kürzlich. Das werde im positiven Sinne ansteckend sein. Aber reicht es, wenn zwei Drittel der Menschen dem Aufruf folgen?


A memmer of staff clears a table at a cafe in Paris on May 19, 2021, as cafes, resteraunts and other businesses re-opened after closures during the coronavirus (Covid-19) pandemic. - Parisians have returned to their beloved cafe terraces and museums after a six-month Covid-forced hiatus, a glimmer of normal life resuming but India grappled with a record daily number of coronavirus deaths. (Photo by Lucas BARIOULET / AFP)
Ticker: 49 Neuinfektionen in Luxemburg gemeldet
Von 8.725 Tests am Montag waren unter 50 positiv. Es ist keine weitere Person verstorben.

Bei der Antwort auf diese Frage ist noch vieles ungewiss. So ist bislang nicht klar, ob die zugelassenen Impfstoffe auch davor schützen, das Virus an andere weiterzugeben. Generell könnten Viren, die sich wie Sars-CoV-2 unmittelbar auf der Nasenschleimhaut oder in den oberen Atemwegen befinden, schnell wieder ausgehustet oder -geniest und damit weitergegeben werden, so die Expertenmeinung.

Auch gebe es Einzelfälle, in denen sich schon einmal Erkrankte rasch erneut mit dem Virus ansteckten. Wie lange der Impfschutz halten werde, könne niemand wirklich sagen. Der Schutz nach einer Infektion könnte aber kürzer sein als der durch eine Impfung.

Der gewählte US-Präsident Joe Biden ließ sich am Montag vor laufenden Kameras impfen, um ein Zeichen zu setzen.
Der gewählte US-Präsident Joe Biden ließ sich am Montag vor laufenden Kameras impfen, um ein Zeichen zu setzen.
Foto: AFP

Infektiösere Variante

Ein weiterer Faktor ist, dass sich das Coronavirus stetig verändert. Die zunächst in Großbritannien  und anderen Ländern - darunter Luxemburg -  nachgewiesene Mutation B.1.1.7 zum Beispiel ist nach derzeitigem Kenntnisstand deutlich ansteckender - das heißt, ein Infizierter steckt im Schnitt mehr Menschen an, was wiederum die Ausbreitung des Erregers beschleunigt.


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Der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung müsse dann steigen, um eine sogenannte Herdenimmunität erreichen zu können, erklärt Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Mit dem Begriff wird ein Zustand bezeichnet, bei dem ein großer Teil der Gesellschaft - durch Infektion oder Impfung - immun gegen eine ansteckende Krankheit ist. Der Erreger findet dann immer weniger Menschen, in denen er sich vermehren kann, seine Ausbreitung wird deutlich vermindert.

60 bis 80 Prozent nötig

Für eine Herdenimmunität bei Corona galt anfangs eine Durchseuchungs- oder Impfquote von 60 bis 70 Prozent als nötig - was mit jenen zwei Dritteln abgedeckt wäre, die bei der YouGov-Erhebung ihre Impfbereitschaft sofort oder nach etwas mehr Erkenntnissen über mögliche Folgen der Injektion signalisiert haben. Wegen all der Unwägbarkeiten jedoch scheint dieser Wert manchen Experten zu gering.


„Durch den Lockdown und die anderen sanitären Maßnahmen wie Abstandspflicht, Maskenpflicht und Händehygiene wurde wertvolle Zeit gewonnen“, sagt Dr. Gérard Schockmel. Selbst in stark betroffenen Ländern wie Spanien oder Frankreich werde die nationale Durchseuchungsrate auf lediglich fünf Prozent geschätzt. „Dies kommt der Impfstoffentwicklung zugute.“
Dr. Gérard Schockmel: Fragen und Antworten zum Corona-Impfstoff
Dr. Gérard Schockmel, Infektiologe in den Robert-Schuman-Kliniken, beantwortete am Dienstagabend Fragen aus der Bevölkerung zum Corona-Impfstoff.

So erklärt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, dass bei der neuen Virusvariante nach den bisher vorliegenden Daten 80 Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, „um die weitere Ausbreitung im Sinne der Herdenimmunität zu verhindern“. Zu beachten sei darüber hinaus, dass die Ausbreitung sehr variabel verlaufe, beispielsweise punktuell recht gewaltig durch sogenannte Superspreading-Ereignisse.  

In Luxemburg wird seit dieser Woche mit beiden Impfstoffen - jenem von Biontech/Pfizer und jenem von Moderna, der als zweiter eine EU-Zulassung erhielt - vorrangig das Kranken- und Pflegepersonal geimpft. Erste Dosen des Moderna-Vakzins sind am Montag eingetroffen. Die Impfungen erfolgen nach einem fünfphasigen Impfplan.

Zwischen 60 und 90 Prozent der Menschen müssten sich laut Experten das Vakzin verabreichen lassen, damit das Virus eingedämmt werden kann.
Zwischen 60 und 90 Prozent der Menschen müssten sich laut Experten das Vakzin verabreichen lassen, damit das Virus eingedämmt werden kann.
Foto: AFP

Schutz von Kranken

Warum Herdenimmunität wichtig ist, macht Cicin-Sain deutlich: Es gebe Menschen, die nicht geimpft werden können, etwa weil sie an Leukämie erkrankt seien oder ihnen ein Organ transplantiert worden sei und sie immunhemmende Medikamente nehmen müssten. „Sie können nur durch Herdenimmunität geschützt werden“, sagt der Wissenschaftler. Den Anteil Betroffener schätzt er auf ein bis zwei Prozent.


ARCHIV - 04.01.2021, Sachsen, Dresden: Eine Mitarbeiterin des Städtischen Klinikum Dresden hält im Impfzentrum ein Injektionsfläschchen mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer in den Händen. Für die deutschen Spezialglas-Hersteller wird der Corona-Impfstoff zum Milliardengeschäft - allerdings nicht in Euro, sondern in Bezug auf ihre Fläschchen und Impfdosen. (zu dpa «Fläschchen, Logistik, Kühlschränke: Zulieferer der Corona-Impfungen») Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Professor Claude Muller: Die Impfung ist da - worauf warten wir?
Die Impfung mit dem mRNA-Vakzin birgt wenig Risiken und bietet hohen Schutz gegen die Covid19-Erkrankung. Ein Beitrag von Professor Claude P. Muller.

Alle Angaben zur Herdenimmunität basierten bislang auf Vermutungen, betont Cicin-Sain. Die anfangs genannten 60 bis 70 Prozent hält auch er für recht optimistisch. „Das ist zwar besser als nichts, aber ein höherer Anteil wäre besser.“ Er spricht von 80, 85, vielleicht sogar 90 Prozent. Zum Vergleich: Masern sind deutlich ansteckender als alle bislang bekannten Mutationen des Coronavirus. Hier ist eine Impfrate von über 90 Prozent nötig.

Aufruf zum Impfen

Zwischen 60 und 90 Prozent der Menschen müssten sich laut Experten das Vakzin verabreichen lassen, damit das Virus eingedämmt werden kann.
Zwischen 60 und 90 Prozent der Menschen müssten sich laut Experten das Vakzin verabreichen lassen, damit das Virus eingedämmt werden kann.
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„Die Botschaft muss sein: Diejenigen, die Zugang zum Impfstoff haben, sollten nicht zögern, sich impfen zu lassen“, sagt Cicin-Sain. Mediziner Zeeb ist etwas zurückhaltender: Er würde nicht ausschließlich das Ziel (kompletter) Herdenimmunität über alles stellen, erklärt er. Wenn 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung geschützt wären - und vor allem die Risikogruppen - würde das enormen Druck vom Gesundheitssystem und der Gesellschaft nehmen.

Corona werde bleiben, aber sich in den Reigen der anderen Infektionskrankheiten einreihen, ist Zeeb überzeugt. Mit weiteren Impfungen, hoffentlich besseren Therapien und gegebenenfalls doch auch ausreichender Impfbereitschaft, wenn sich alles etwas normalisiert habe.    

Foto: AFP


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