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Corona-Sonderurlaub: "Hauptarbeit blieb an Frauen hängen"
Politik 4 Min. 27.03.2021

Corona-Sonderurlaub: "Hauptarbeit blieb an Frauen hängen"

Gerechte Arbeitsteilung? Während der Corona-Krise sind es meist die Mütter, die sich zuhause um den Nachwuchs kümmern müssen.

Corona-Sonderurlaub: "Hauptarbeit blieb an Frauen hängen"

Gerechte Arbeitsteilung? Während der Corona-Krise sind es meist die Mütter, die sich zuhause um den Nachwuchs kümmern müssen.
Foto: Lizenz CC
Politik 4 Min. 27.03.2021

Corona-Sonderurlaub: "Hauptarbeit blieb an Frauen hängen"

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Der Corona-Sonderurlaub für Berufstätige lindert die sozialen Folgen der Krise. Gleichzeitig verstärkten sich traditionelle Rollenbilder von Mann und Frau – und dies quer durch alle Branchen.

Seit Ausbruch der Corona-Krise vor einem Jahr können Eltern, die sich zuhause um ihre Kinder kümmern müssen, einen erweiterten Congé pour raisons familiales (CPRF) in Anspruch nehmen. Etwa jede achte in Luxemburg beschäftigte Person verbrachte zwischen März und November 2020 zumindest einen Tag im familiären Sonderurlaub, wie aktuelle Zahlen des Ministeriums für soziale Sicherheit zeigen. Den regulären CPRF mit eingerechnet, entfiel jeweils die Hälfte der Anträge im Privatsektor auf Ansässige und Grenzgänger. 

Besonders während der erste Hochphase der Pandemie zwischen April und Juli 2020, als Schulen und „Crèches“ mehrere Wochen lang geschlossen waren, liefen zahlreiche Anträge bei der Krankenkasse ein. Doch die Krise tobt auch 2021 bekanntlich weiter und das Instrument wird immer noch von vielen Angestellten genutzt. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die temporäre Maßnahme bis Mitte Juli verlängert werden soll.

Beim Blick auf die Statistiken, die am Mittwoch im Zuge einer parlamentarischen Anfrage von Déi Gréng bekannt wurden, fällt auf, dass es im Kontext der Covid-19-Krise vor allem Frauen sind, die sich aus familiären Gründen eine kurzfristige Auszeit vom Beruf nehmen müssen. Insgesamt 30.405 weibliche Beschäftigte erhielten 2020 von der CNS eine Genehmigung für einen familiären Sonderurlaub, während im selben Zeitraum die Anträge von 25.688 Männern gewährt wurden. Allerdings sind Frauen auf dem luxemburgischen Arbeitsmarkt in der Minderheit: Sechs von zehn Posten entfallen auf Männer. Somit fällt die Geschlechterkluft beim Covid-Sonderurlaub noch deutlicher ins Gewicht.

Besonders häufig mussten Frauen, die im Gesundheits- und Sozialwesen, im Handel sowie im Finanz- und Versicherungssektor tätig sind, einen außergewöhnlichen Familienurlaub beantragen. Männliche „Sonderurlauber“ kamen vor allem aus dem Baugewerbe, dem Handel sowie der verarbeitenden Industrie.

Besonders deutlich tritt der Geschlechterunterschied im Baugewerbe zutage. Rund ein Fünftel der weiblichen Angestellten (21 Prozent) in diesem Sektor leistete zumindest einmal während der Corona-Krise Extra-Betreuungsarbeit für die Kinder, während es bei ihren männlichen Kollegen nur zehn Prozent waren.  

Auch im Finanz- und Versicherungswesen gingen viele Männer weiter arbeiten, während sich ihre Kolleginnen daheim um ihren Nachwuchs kümmerten – ebenso im Immobilienhandel sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe.

Ähnlich stellte sich die Situation in Architektur- und Ingenieurbüros sowie bei Unternehmensberatungen, in der Forschung, bei Wirtschaftsprüfern oder Werbeagenturen dar, die im Wirtschaftszweig „freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen“ zusammengefasst sind. Im öffentlichen Dienst verließen ebenfalls vermehrt weibliche Beamte (18 Prozent vs. 10 Prozent) ihren Arbeitsplatz, um auf die Kinder aufzupassen. 

Der Luxemburger „Congé pour raisons familiales“ ist im europäischen Vergleich relativ großzügig: Stattliche 270 Millionen Euro gab die Krankenversicherung vergangenes Jahr dafür aus, vor der Pandemie lagen die Ausgaben noch bei jährlich 18 Millionen Euro. Während Frankreich eine ähnliche Maßnahme wie das Großherzogtum ergriffen hat, müssen in Belgien beschäftigte Eltern, die ihre Kinder in Quarantäne betreuen, im Rahmen des „chômage temporaire“ Gehaltseinbußen in Kauf nehmen. In Deutschland können Eltern eine Entschädigung für die Kinderbetreuung sowie ein Corona-Kindergeld beantragen.

Alte Reflexe und stereotype Rollenbilder

Die Erweiterung des Congé pour raisons familiales sei eine enorm wichtige Maßnahme gewesen, um die Folgen der Pandemie für Familien abzufedern, sagt der Abgeordnete François Benoy (Déi Gréng). Zwar habe Luxemburg in den vergangenen Jahren, etwa durch den reformierten „Congé parental“, Fortschritte in Sachen Gender-Gerechtigkeit gemacht. „Allerdings zeigt sich, dass in einer Krisensituation wie der Pandemie die Hauptarbeit bei der Kinderbetreuung weiterhin an den Frauen hängen bleibt. Diese alten Reflexe und stereotypen Rollenbilder sind in der Gesellschaft immer noch präsent.“ 

Alle Branchen zusammengerechnet, hätten Frauen den CPRF fast doppelt so häufig in Anspruch genommen wie Männer. 

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