Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Charles Goerens: „Zufrieden, aber nicht euphorisch“
Die Gesprächsrunde der luxemburgischen EU-Wahlgewinner am Montagmorgen auf RTL Radio.

Charles Goerens: „Zufrieden, aber nicht euphorisch“

Screenshot RTL.lu
Die Gesprächsrunde der luxemburgischen EU-Wahlgewinner am Montagmorgen auf RTL Radio.
Politik 4 Min. 27.05.2019

Charles Goerens: „Zufrieden, aber nicht euphorisch“

Europa hat gewählt. Die frisch gebackenen luxemburgischen EU-Abgeordneten äußerten sich am Montagmorgen im RTL-Rundtischgespräch zum Wahlergebnis.

(mth) -  Zugewinne für Liberale, Grüne und rechte Nationalisten, herbe Verluste bei den Sozial- und Christdemokraten.  In der Europawahl am Sonntag wurde die politische Landschaft auf dem Kontinent neu definiert. In Luxemburg blieb ein Erfolg der radikalen Randparteien aus, dafür triumphierte die DP, die der CSV einen Sitz abjagen konnte. Die frisch gebackenen luxemburgischen EU-Abgeordneten äußerten sich am Montagmorgen im RTL-Rundtischgespräch erstmals zum Wahlergebnis.

Der Erstgewählte Charles Goerens (DP), der mit über 97.000 Stimmen ein beeindruckendes Ergebnis einfuhr, gab sich trotz des Erfolges der DP, die der CSV einen Sitz abringen konnte, vorsichtig: "Ich bin zufrieden, aber nicht euphorisch. Und ich mache mir angesichts der Erfolge antieuropäischer Kräfte Gedanken, wie es jetzt weitergeht. Die demokratischen und pro-europäischen Kräfte werden nun alle gebraucht, denn das EU-Parlament hat eine wichtige Funktion zu erfüllen".

Monica Semedo (DP), die als Neueinsteigerin auf Anhieb den Sprung nach Straßburg schaffte, führt dies "auf die gute Teamarbeit" ihrer Partei, aber auch die richtigen Inhalte zurück: "Ich bin bereit, mich im Parlament zu engagieren und möchte vor allem die Interessen der jungen Menschen und der sozial schwachen vertreten. Wir müssen in Europa zusammen arbeiten, um alles zu erhalten, was uns die Union gebracht hat”.


Manfred Weber auf dem Weg zum Rednerpult - nach der Wahl.
Auf der Suche nach Allianzen
Die Vormacht der Volksparteien am Ende: Im EU-Parlament stellen Christ- und Sozialdemokraten keine Mehrheit mehr.

Auch Tilly Metz von Déi Gréng, die ihre Position verteidigen und stärken konnten, zeigte sich hoch motiviert und sieht nach der Stärkung der grünen Fraktion in Straßburg neue Chancen: "Ich bin froh und stolz auf das Ergebnis. Die drei stärksten politischen Gruppierungen liegen nun sehr nah beieinander und es wird sicher einfacher werden so genannte 'grüne' Themen im Parlament zu verteidigen. Mit mehr Sitzen werden wir sicher mehr bewegen können. Der neue Kommissionspräsident muss nun aufgrund von Inhalten bestimmt werden - Klimaschutz, Biodiversität, soziale Gerechtigkeit – Inhalte zählen, nicht Personen”.

Nicolas Schmit (LSAP), der stimmenmäßig das Schlusslicht der neuen luxemburgischen EU-Abgeordneten ist, sieht die traditionellen Volksparteien rechts und links von der Mitte vor einem schwierigen Wiederanfang: "Ich bin ganz realistisch und muss zugeben, dass wir viel Arbeit vor uns haben. Wir haben den Schwerpunkt auf Themen gesetzt, mussten aber feststellen, dass die Wahl in Luxemburg sehr personalisiert war". Den  wahren Erfolg sieht er im bescheidenen Abschneiden der antieuropäischen Kräfte: "Es ist gut, dass die gemäßigten Kräfte gesiegt haben. Alle hier am Tisch sind überzeugte Europäer. Es gibt zwar Unterschiede, wie wir Europa voranbringen wollen, aber die Linie ist dieselbe".

Trotzdem gelte es, wachsam zu bleiben, so Schmit: "Es gibt eine reelle Gefahr für Europa, die zwar nicht so groß ist, wie manche befürchtet haben, aber sie ist da. Dass diese Leute, die nicht zu den Freunden Europas zählen, nach dieser Wahl nicht hier am Tisch sitzen, ist der wahre Erfolg". Zu den Erfolgen populistischer Kräfte sagte Schmit: "Das sind zum Teil Protestwähler, da muss man sehen, warum die Wähler in diese Richtung gehen. Man muss die Anliegen dieser Menschen ernst nehmen. Wir können nicht so tun, als ob es in Luxemburg keine antieuropäischen Tendenzen gäbe".

Mit den Clowns, die am rechten und am linken Rand agieren, ist nichts anzufangen. 

Charles Goerens teilte die Ansicht, dass die Demokratiefeinde an den Rändern des politischen Spektrums zu finden sind: "Mit den Clowns, die am rechten und am linken Rand agieren, ist nichts anzufangen. Wir dagegen sind die Parteien die nach Lösungen suchen. Madame Le Pen, die jetzt einen Erfolg verbuchen kann, agiert lediglich opportunistisch. Momentan ist sie wieder für den Euro, weil sie verstanden hat, dass der Mittelstand in Frankreich die gemeinsame Währung nicht aufgeben will. Manchmal wünscht man sich, dass die Rechtspopulisten an die Macht kämen, nur, um entzaubert zu werden. In Österreich waren sie an der Macht, und sie haben nichts bewegt. In Italien sieht es genau so aus".


Matteo Salvinis Lega konnte sich deutlich steigern.
Salvini gewinnt in Italien - Fünf Sterne abgestürzt
Salvinis rechte Lega ist stärkste Kraft in Italien - für den Koalitionspartner sieht es nach der Europawahl düster aus. Auf europäischer Ebene dürfte Salvini sein oberstes Ziel nicht erreichen. Aber in Rom wird sich das Kräfteverhältnis ändern.

Christophe Hansen (CSV), relativierte das schlechte Abschneiden der Christdemokraten, die einen Sitz an die DP verloren: "Wir haben immer noch einen Wählerauftrag, den wir auch ausführen werden". Er sei überzeugt, dass die CSV mit neuen Gesichtern in Zukunft auch wieder mehr Erfolg haben könne. Dabei sei ein stärkerer thematischer Schwerpunkt in Bereichen wie Klimaschutz und Soziales unumgänglich, aber es gelte vor allem, alle Bevölkerungsgruppen anzusprechen: "Wir müssen inklusiver agieren und keine Bevölkerungsgruppe ausschließen".

Hansens Parteikollegin Isabelle Wiseler-Santos Lima, die den zweiten Sitz für die CSV verteidigte, pflichtete ihm bei: "Es wäre besser, wenn wir uns stärker mit den eigentlichen politischen Themen statt mit den Wahlergebnissen befassen und auch den Unterschied zur nationalen Politik berücksichtigen. Unsere Kandidaten haben gut abgeschnitten und werden sicher in Zukunft weiter eine wichtige Rolle spielen".


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Salvini gewinnt in Italien - Fünf Sterne abgestürzt
Salvinis rechte Lega ist stärkste Kraft in Italien - für den Koalitionspartner sieht es nach der Europawahl düster aus. Auf europäischer Ebene dürfte Salvini sein oberstes Ziel nicht erreichen. Aber in Rom wird sich das Kräfteverhältnis ändern.
Matteo Salvinis Lega konnte sich deutlich steigern.
Große Koalition in Europa am Ende
Im Europaparlament bestimmte in den vergangen Jahrzehnten eine informelle Koalition der beiden großen Parteienfamilien das politische Geschehen und die Vergabe wichtiger Posten. Das dürfte nun vorbei sein.
German top candidate of the European People's Party (EPP) for the European elections Manfred Weber looks on on stage during speeches after the first results in the European parliament election at the CDU headquarters in Berlin on May 26, 2019. - Europeans headed to the polls in their tens of millions as 21 countries chose their champions in a battle between the nationalist right and pro-EU forces to chart a course for the union. (Photo by Odd ANDERSEN / AFP)