Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Caritas: "Regierung muss Armutsbekämpfung ernst nehmen"
Politik 3 Min. 08.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Caritas: "Regierung muss Armutsbekämpfung ernst nehmen"

Besonders Junge Menschen sind einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt. Die unter 30-Jährigen machen 26,6 Prozent der Personen aus, die die Caritas-Helpline benutzt haben.

Caritas: "Regierung muss Armutsbekämpfung ernst nehmen"

Besonders Junge Menschen sind einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt. Die unter 30-Jährigen machen 26,6 Prozent der Personen aus, die die Caritas-Helpline benutzt haben.
Shutterstock
Politik 3 Min. 08.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Caritas: "Regierung muss Armutsbekämpfung ernst nehmen"

Morgan KUNTZMANN
Morgan KUNTZMANN
Die statistischen Daten der Caritas-Corona-Helpline helfen einen Einblick zu geben, wie Armut in Luxemburg aussieht.

Genaue Zahlen zur Armut zu bekommen, ist nicht so einfach. „Wie die meisten NGOs müssen wir uns auf Zahlen der statistischen Ämter verlassen“, erklärte am Donnerstag die für Politik und soziales zuständige Caritas-Mitarbeiterin Carole Reckinger. „Diese Zahlen beziehen sich immer auf das vorangehende Jahr“, fügte sie während der Pressekonferenz am Donnerstag. Dementsprechend sind die aktuellsten Zahlen, über die die Wohlfahrtsorganisation verfügt, von 2018. 

Während des Lockdowns richtete die Caritas eine Corona-Helpline ein. Diese Möglichkeit der sozialen Unterstützung sollte Menschen einen Ausweg geben, die in dieser Krisenzeit Schwierigkeiten haben, ihre Lebensmittel, Miete, Rechnungen oder Schulden zu bezahlen und sich mit ihren Problemen alleingelassen fühlen. Die statistischen Daten dieser Telefonhotline, die fünf Monate lang aktiv war, helfen einen Einblick zu geben wie Armut in Luxemburg aussieht und wie diese sich entwickelt. 

Bilanz 

Vom 7. April bis zum 31. August – dem Zeitraum, in dem die Corona-Helpline aktiv war, gingen 445 Anfragen ein. Von diesen Personen hatten 37,04 Prozent die luxemburgische Staatsbürgerschaft und 19,4 Prozent die portugiesische. 860 Personen wurde geholfen, darunter waren 308 Kinder. Die Unterstützung nahm verschiedene Formen an und konnte beispielsweise entweder die einfache Weitergabe von Informationen sein, die Weiterleitung an andere Hilfsorganisationen oder sich in Form einer einmaligen finanziellen Unterstützung darstellen. 

Unter denjenigen, die Hilfe erhielten, gab es eine hohe Anzahl an jungen Menschen: 26,6 Prozent waren unter 30 Jahre alt und 32 Prozent zwischen 31 und 40 Jahre alt. 39 Prozent der Antragsteller mit Kindern waren Alleinerziehende. 


Obdachlose finden während den Wintermonaten in den Foyers der Wanteraktioun eine Unterkunft und eine warme Mahlzeit.
Armut in Luxemburg: Auf Messers Schneide
Jeder Fünfte in Luxemburg lebt in Angst, mit seinem Einkommen nicht über die Runden zu kommen. Die Politik ist sich nicht genügend bewusst, was das für die Menschen bedeutet.

Von den Personen, die Angaben zu ihrer Beschäftigung machten, arbeiteten 19,2 Prozent im Gaststättengewerbe, 13,8 Prozent als Selbstständige und 9 Prozent im Reinigungsgewerbe. Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs erklärte, dass Luxemburg bereits vor der Krise ein Land der steigenden Ungleichheiten war. „Wir stehen bei den working poor, der Erwerbsarmut, in Europa an zweiter Stelle hinter Rumänien“, und betont, „diese Zahlen stammen noch aus der Zeit vor Corona.“ 

Um die Not zu verdeutlichen, gab die Caritas-Präsidentin ein bildhaftes Beispiel: „Beim Gaststättengewerbe gibt es eine Vielzahl an Menschen, die mithilfe von Trinkgeld ihre Monatsenden abrunden.“ Als diese Einnahme während des Lockdowns wegfiel, kamen viele in finanzielle Schwierigkeiten. Deshalb fordert die Caritas, die aktuell geltenden Regeln, die die Schwarzarbeit betreffen, besser zu kontrollieren. „Wir müssen die Gesetze zur Bekämpfung illegaler Beschäftigung besser anwenden“, so Reckinger und sagte anschließend: „Die derzeitigen Geldstrafen spiegeln nicht die Schwere der begangenen Verbrechen wider.“ 

Armut breitet sich aus 

Die größte Neuerung: 67 Prozent der eingegangenen Anträge kamen von Einzelpersonen oder Familien, die vor der Krise noch über die Runden kamen. Die Caritas-Präsidentin bezeichnet dieses Phänomen als unsichtbare Armut. „Für viele Personen ist es das erste Mal, dass sie sich an Sozialämter wenden müssen.“ Bei diesen Menschen reiche oftmals die Weitervermittlung an die zuständigen Einrichtungen. „Die langfristigen Probleme sind damit aber nicht gelöst“, so Jacobs. 

Forderungen an die Regierung 

Um zu verhindern, dass jene Menschen, die sich während des Lockdowns an die Caritas Corona-Helpline gewandt haben, aber auch all denjenigen, die erst in einigen Wochen, Monaten oder Jahren von den wirtschaftlichen Folgen der Gesundheitskrise betroffen sein werden, dauerhaft in Armut zu fallen, ruft Caritas Luxemburg zum Handeln auf und fordert die Regierung zu verstärkten Anstrengungen im Kampf gegen soziale Ungleichheit und Armut

„Ein sozial gerechter Ausweg aus der Gesundheits- und Wirtschaftskrise ist dringend notwendig“, erklärte die Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs und bot mehrere Pisten an. So sollen die bestehenden steuerlichen Ungleichheiten beseitigt werden. 


Lokales, Das Leben ist zurückgekehrt, Schutzmask, Mundschutz, Luxembourg stadt, foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
Schwere Zeiten
Die erste Gefahr durch die Pandemie ist gebannt. Mit der sich anbahnenden Wirtschaftskrise ziehen dunkle Wolken auf. Ein Patentrezept gegen die Rezession gibt es nicht. Doch es besteht dringender Handlungsbedarf.

„Löhne werden zu 100 Prozent besteuert, während Kapitaleinkommen zu 50 Prozent besteuert werden“, erklärte Reckinger und fügte an: „Immobilieneinkommen wird teilweise zu 25 Prozent besteuert. In manchen Immobilien-Investmentfonds fallen gar keine Steuern an. Dies ist ungerecht.“ Des Weiteren fordert die soziale Hilfsorganisation die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Auch an der Einkommenssteuertabelle soll man Veränderungen vornehmen. „Die Einkommenssteuer sollte in den unteren Steuerklassen gesenkt und in den oberen erhöht werden“, fordert Carole Reckinger.

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Von wegen Randerscheinung
Menschen am Rand der Gesellschaft sind in der Corona-Krise einer besonderen Belastung ausgesetzt, warnt Marie-Josée Jacobs. Der Caritas-Vorsitzenden bereiten zwei Szenarien erhebliches Kopfzerbrechen.
Telecran, Marie Josée Jacobs, Foto: Lex Kleren/Telecran
Jahresbericht 2014 von Caritas: Mehr Solidarität
"Es reicht nicht, Flüchtlingsdramen im Mittelmeer zu beklagen“, sagt Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs. Bei der Präsentation des neuen Jahresberichts ging die Hilfsorganisation besonders auf die Aufnahmebedürfnisse und Unterstützung für Flüchtlinge ein.
Weltweit befinden sich über 50 Millionen Menschen auf der Flucht.