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Briten in Luxemburg: "Es wird nie mehr so sein wie vorher"
Politik 4 4 Min. 31.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Briten in Luxemburg: "Es wird nie mehr so sein wie vorher"

Die britische Flagge vor dem Europamuseum in Schengen: Am Samstag scheidet mit dem Vereinigten Königreich erstmals ein Staat aus der Europäischen Union aus.

Briten in Luxemburg: "Es wird nie mehr so sein wie vorher"

Die britische Flagge vor dem Europamuseum in Schengen: Am Samstag scheidet mit dem Vereinigten Königreich erstmals ein Staat aus der Europäischen Union aus.
Foto: Anouk Antony
Politik 4 4 Min. 31.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Briten in Luxemburg: "Es wird nie mehr so sein wie vorher"

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Der lange Abschied: Das Vereinigte Königreich hat in der Nacht auf Samstag die Europäische Union verlassen. Wie sehen Briten, die in Luxemburg und London leben, die aktuelle Situation?

"It's a sad affair", eine traurige Angelegenheit, sagt Graham Jarvis. Der Brite, der seit mehr als 20 Jahren in Luxemburg lebt, hat für Freitagabend (22.30 Uhr) anlässlich des unmittelbar bevorstehenden britischen EU-Austritts eine Mahnwache in der Hauptstadt einberufen. Bereits am Nachmittag hat er allein vor der Paterkiirch Stellung bezogen. Auf einem Notizbrett hängen Zettel mit Abschiedsnachrichten an die EU, Wünsche für die Zeit nach dem Brexit. Das Wetter – grauer Himmel und Nieselregen – passt zur allgemeinen Trauerstimmung in der britischen Community im Großherzogtum.

"Es wird nie mehr so sein wie vorher", sagt Jarvis, Präsident des Vereins Brill (British Immigrants Living in Luxembourg). "Der Brexit ist eine radikale Veränderung. Es macht mich traurig, dass junge Briten es wahrscheinlich nicht mehr so einfach haben werden wie ich."

Graham Jarvis, Vorsitzender des Vereins der britischen Migranten in Luxemburg, lädt am Freitagabend anlässlich des britischen EU-Austritts zu einer Mahnwache vor der Paterkiirch in der Hauptstadt  ein.
Graham Jarvis, Vorsitzender des Vereins der britischen Migranten in Luxemburg, lädt am Freitagabend anlässlich des britischen EU-Austritts zu einer Mahnwache vor der Paterkiirch in der Hauptstadt ein.
Foto: Jörg Tschürtz

Etwa 6.000 britische Staatsangehörige wohnen in Luxemburg. Ein Großteil arbeitet für europäische Institutionen oder auf dem Finanzplatz – und viele werden dies wohl auch weiterhin tun. Seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 sind die Einbürgerungen britischer Staatsbürger im Großherzogtum sprunghaft gestiegen. Allein 2018 haben 435 britische Staatsbürger die luxemburgische Staatsangehörigkeit erhalten. 2019 verzeichneten die Behörden eine ähnliche hohe Anzahl an Anträgen.  

Als Doppelstaatsbürger können die "Luxemburg-Briten" weiterhin als EU-Bürger weiterbeschäftigt werden und mögliche Einschränkungen, die es in Zukunft bei der Reise- und Niederlassungsfreiheit geben könnte, umgehen. "Aber es geht beim Erwerb der luxemburgischen Staatsbürgerschaft nicht nur um Sicherheit", sagt Graham Jarvis, der ebenfalls überlegt, einen Antrag zu stellen. "Auch um Dankbarkeit und Anerkennung, dass man schon so lange hier ist und hier sein darf."

In Großbritannien hingegen scheinen viele Menschen des Themas bereits überdrüssig zu sein. "Die Berichterstattung über den Brexit hat seit den britischen Parlamentswahlen im Dezember deutlich abgenommen. Es wird auch im Alltag nicht mehr so häufig diskutiert", sagt Jonathan Moss, ein 35-jähriger Nordire, der in London als Anwalt arbeitet und mit einer Luxemburgerin verheiratet ist. Seit dem deutlichen Wahlsieg der Konservativen von Premierminister Boris Johnson wussten die Briten, wohin die Reise geht. Am Brexit führte danach kein Weg mehr vorbei. 

Sorgen um Nordirland 

Auch für Moss, der auch den irischen Pass besitzt, ist das Ende der britischen EU-Mitgliedschaft kein Anlass zum Feiern. "Als Nordire mache ich mir natürlich große Sorgen um Nordirland, um meine Familie und Freunde, die noch dort leben. Wenn sich die wirtschaftliche Lage in Nordirland in den nächsten Jahren verschlechtert, dann könnt es die Probleme zurückbringen, die ich als Teenager noch erlebt habe." 

Jonathan Moss arbeitet als Anwalt in London und ist mit einer Luxemburgerin verheiratet: "Als Nordire mache ich mir natürlich große Sorgen um Nordirland, um meine Familie und Freunde, die noch dort leben."
Jonathan Moss arbeitet als Anwalt in London und ist mit einer Luxemburgerin verheiratet: "Als Nordire mache ich mir natürlich große Sorgen um Nordirland, um meine Familie und Freunde, die noch dort leben."
Foto: privat

In den "Troubles" - so nennen Briten und Iren den Nordirlandkonflikt - starben zwischen 1969 und 1998 mehr als 3.500 Menschen, 47.000 wurden verwundet. Erst mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 kehrte Ruhe ein. Doch der Frieden könnte brüchig werden. "Familienangehörige in Nordirland erzählen mir, dass sie momentan noch wenig beunruhigt sind, es ändert sich ja auch zum 1. Februar kaum etwas. Meine Eltern haben die schlimmsten Zeiten der 'Troubles' miterlebt. Die Probleme, die mit dem EU-Austritt verbunden sind, sind aber immer noch weniger schlimm, als die Gefahr, beim Gang zum Postamt von einer Bombe getötet zu werden."

Die Zollkontrollen zwischen dem britischen Festland und Nordirland, die Teil des Brexit-Abkommens sind, könnten in den nächsten Jahren noch für Zündstoff sorgen. Zudem könnten sich der Norden und der Süden der irischen Insel wirtschaftlich und politisch weiter annähern. "Die Chance für ein geeintes Irland ist mit dem Brexit sicherlich größer geworden", sagt Jonathan Moss.


Britain's Houses of Parliament (L), incorporating the House of Lords and the House of Commons, is pictured in central London on December 16, 2019. - Prime Minister Boris Johnson vowed Saturday to repay the trust of former opposition voters who gave his Conservatives a mandate to take Britain out of the European Union next month. Johnson toured a leftist bastion once represented by former Labour leader Tony Blair in a bid to show his intent to unite the country after years of divisions over Brexit. (Photo by Tolga AKMEN / AFP)
Erst der Anfang vom Ende
Der Brexit ist auch eine Warnung an die Wirtschaft.

Moss hält es für höchst fraglich, dass die EU und das Vereinigte Königreich in der Übergangsphase bis Ende des Jahres einen Deal über ihre künftigen Beziehungen erzielen. Viele Fragen sind noch offen: Wie werden die Waren an den Grenzen kontrolliert? Welche Rechte werden EU-Bürger in Großbritannien haben und umgekehrt? "Eigentlich haben wir zum jetzigen Zeitpunkt noch gar keine Ahnung, wie die Zukunft ohne EU aussehen wird."

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