Briefe an die Redaktion

Jäger, Füchse, Wölfe, Luchse und ein Bärendienst

Foto: Anouk Antony

Weder Regierung und Grüne, noch repräsentative Umwelt- und Naturschutzverbände möchten die Jagd abschaffen. Und doch hat sich der Präsident der Jägerföderation seit Monaten regelrecht auf Staatssekretär Camille Gira eingeschossen, der die Jagd an die sich veränderten ökologischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen möchte, was zu einer höheren Akzeptanz der Jagd in der Bevölkerung führen könnte, also letztlich sogar im Interesse der Jäger wäre. Anstatt sachlich argumentiert er mit heftigen persönlichen Angriffen, wissenschaftlich längst widerlegten Behauptungen und regelrechter Panikmache, die in der an Zynismus und Anmaßung kaum noch zu überbietenden Aussage gipfelt, Füchse würden ihre Bejagung wählen! Wer so hanebüchen argumentiert, erweist auch den für Änderungen aufgeschlossenen Jägern, sowie jenen, die sich über den Fuchsbandwurm sorgen, einen Bärendienst. Es ist besonders verwerflich, die Angst der Bevölkerung zu benutzen und ihr mit Scheinargumenten viel Sand ins Auge zu streuen mit dem einzigen Ziel, den Fuchs weiter bejagen zu können.

Die Echinokokkose (Befall mit dem Fuchsbandwurm) ist in der Tat eine ernst zu nehmende Krankheit, die unbehandelt tödlich verläuft. Laut Professor Klaus Brehm vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Universität Würzburg und Beate Grüner, Ärztin am Echinokokkose-Institut am Universitätsklinikum Ulm, in dem alle Patientendaten aus ganz Deutschland gesammelt werden, besteht dennoch kein Grund zur Panik. Selbst in „Hochrisikogebieten“ sei die Ansteckungsgefahr sehr gering und durch elementare Hygienemaßnahmen vermeidbar. Darüber hinaus gibt es laut führenden Echinokokkose-Forschern gute Fortschritte in der Therapie. Die Bejagung der Füchse leistet keine Abhilfe, im Gegenteil. Es ist längst belegt, dass durch einen hohen Jagddruck stabile Gemeinschaften auseinanderbrechen und die Füchse auf Reduktionsmaßnahmen mit einer deutlich höheren Geburtenrate reagieren. Laut dem Institut für Parasitologie der Universität Zürich, an dem das Schweizerische Referenzzentrum für Echinokokkose angesiedelt ist, müssen die dann zahlreicheren Jungfüchse schneller und weiter abwandern, was letztlich sogar zu einer Ausbreitung von Krankheiten wie dem Fuchsbandwurm führen kann. Genau das geschah in den 70er-Jahren bei dem völlig misslungenen Versuch, die Tollwut durch eine starke Bejagung einzudämmen. Die Schweizerische Tollwutzentrale der Universität Bern folgerte daher, dass eine jagdliche Reduktion von Fuchspopulationen nicht möglich und die Jagd zur Tollwutbekämpfung sogar kontraproduktiv sei. Jäger verschweigen auch gerne, dass die Zahl der jährlichen Todesfälle bei Jagdunfällen viel höher als die Zahl der jährlichen Echinokokkose-Neuerkrankungen ist. Alleine in Frankreich kamen in der vergangenen Jagdsaison 42 Menschen ums Leben; die Zahl der Schwerverletzten geht europaweit in die Tausende. Wären die Jäger in ihrer Argumentation konsequent, müssten sie eine sofortige Abschaffung der Schusswaffen und Fallen fordern.

Wer behauptet, die Natur „regele überhaupt nichts“, sondern nur der Straßenverkehr sowie Hunger und Krankheiten, dem fehlt es an ökologischem Basiswissen. Hunger und Krankheiten sind integrativer Bestandteil der Natur und neben dem Verlust an adäquatem Lebensraum Hauptfaktoren der Bestandsregulation.

Ja, auch die Natur kann grausam sein. Ihr die Jagd als Wohltat gegenüber zu stellen, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Es gibt unzählige Tiere, die nur angeschossen werden und dann schwer verletzt qualvoll sterben. Und die Treibjagd, bei der sie unter Todesangst ums Überleben laufen, ist alles andere als eine Wohltat!

Und alleine in Deutschland werden jedes Jahr über 250 000 gefangene Hauskatzen und Füchse von auszubildenden Jagdhunden brutal zu Tode gehetzt und abgewürgt. Jeder Grundlage entbehrt auch die Aussage, nur die Jagd führe zu einer gesunden Fuchspopulation. Ein Jäger wird einen Fuchs wohl kaum veterinärmedizinisch untersuchen, bevor er ihn abschießt. Auch kerngesunde Füchse sind gegenüber einer Flinte chancenlos; in der Natur aber überleben nur die stärksten und bauen somit eine gesunde Population auf.

Das Argument, Bodenbrüter und Niederwild vor dem Fuchs schützen zu wollen, ist eine weitere plumpe Täuschung der Öffentlichkeit, weil Jäger diese Tiere selbst bejagen. Nicht Füchse oder andere Beutegreifer, sondern der Mensch trägt in mannigfaltiger Hinsicht die Hauptschuld am Artentod. Muss daran erinnert werden, dass es Jäger waren, die Wölfe, Luchse, Bären, Geier, Steinadler und viele andere Arten in West- und Mitteleuropa ausgerottet haben? Die gleiche Panikmache gab es schon beim Verbot der Greifvogelbejagung.

Keine der damals von den Jägern verbreiteten Schreckensvisionen hat sich bewahrheitet. Völlig abwegig auch die Behauptung, Füchse würden Ziegen und Schafe reißen! Hier wurde wohl im Eifer des Gefechts glatt der Fuchs mit dem Wolf oder dem Luchs verwechselt. Füchse ernähren sich zu 90 Prozent von Mäusen und zudem von Tierkadavern, wodurch er ein ausgesprochener Nützling ist.

Ironie des Schicksals? Ausgerechnet am Wolf und Luchs, deren Rückkehr ins Ösling unmittelbar bevorsteht, wird sich zeigen, für wie ernst Naturschutzargumente der Jäger zu halten sind. Weil sie die Fuchsjagd immer mit dem Argument zu rechtfertigen versuchen, es gäbe keine Hauptfeinde mehr für den Fuchs, müssten sie Wölfe und Luchse als Jagdgenossen herzlich willkommen heißen. Wetten, dass es anders kommen wird!

Alex Christoffel