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Bewusste Verfälschung

Leserbriefe Politik 15.06.2015

Im Rahmen der Recherchen des Historikers Vincent Artuso haben sich die Luxemburger Abgeordnetenkammer und die Regierung am 9. Juni einstimmig bei der jüdischen Gemeinschaft entschuldigt für die Handlungen und die daraus abzuleitende Mitverantwortung der damaligen Verwaltung in Bezug auf die Diskriminierung und Verfolgung der Juden Luxemburgs durch die nationalsozialistischen Besatzer. Sowohl die Legislative als auch die Exekutive übernahmen also Verantwortung!

„Wir wollen nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Hier geht es um Nuancieren, nicht um Denunzieren“, sagte der Abgeordnete und Historiker Serge Wilmes gestern in der feierlichen Sitzung im Parlament.

Genau das Gegenteil passiert allerdings in einem Artikel, den der in Luxemburg lebende deutsche Autor und Jurist Dr. Jochen Zenthöfer in der Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte. Schon der Titel „Der Mythos vom Unschuldsland ist dahin“ zeugt davon, dass hier nicht neutral berichtet wird.

Die Notion eines schuldigen oder unschuldigen Landes ist genauso falsch wie die Meinung, es habe damals in Deutschland nur Nazis gegeben. Das müsste ein gebildeter Mensch wie Dr. Zenthöfer eigentlich wissen.

Aber er geht in seinen Denkfehlern noch weiter, indem er behauptet, durch die Entdeckung neuer „Unterlagen, die eine Kollaboration belegen“, sei die „Resistenz Luxemburgs gegen den Nationalsozialismus (...) widerlegt“.

Hier begeht der Autor, der sowohl die historische Situation Luxemburgs als auch die Diskussionen der letzten Monate kennen dürfte, bewusste Geschichtsverfälschung und polarisiert. Die Kollaboration der Verwaltungen in Bezug auf die Judenfrage ist belegt, beschränkt sich allerdings auf die ersten Monate der Besatzung.

Der Umkehrschluss, dass es deswegen keinen Widerstand gegen die deutschen Besatzer gab, ist schlichtweg falsch. Als sich der Gauleiter im Oktober 1941 sicher schien, die Luxemburger zur Genüge germanisiert zu haben, organisierte er eine Volksbefragung, in der sich die Bevölkerung zu ihrem Deutschtum bekennen sollte. Nachdem die ersten Formulare ausgezählt waren, wurde die Aktion eiligst abgebrochen: Über 90 Prozent hatten sich zu „3x Lëtzebuerg“ bekannt.

Es wäre sinnvoll, Dr. Zenthöfer würde sich besser informieren. Die Luxemburger Opfer des Nationalsozialismus wären ihm dankbar.

Frank Schroeder, „Direktor des Musée national de la Résistance“

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