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Bettel: "Zahlen alarmieren, schockieren aber nicht"
Politik 5 Min. 15.07.2020

Bettel: "Zahlen alarmieren, schockieren aber nicht"

Zweite Welle, oder nicht? Experten werten die Daten gerade aus.

Bettel: "Zahlen alarmieren, schockieren aber nicht"

Zweite Welle, oder nicht? Experten werten die Daten gerade aus.
Foto:Guy Jallay
Politik 5 Min. 15.07.2020

Bettel: "Zahlen alarmieren, schockieren aber nicht"

Annette WELSCH
Annette WELSCH
"Weniger testen ist keine Option", sagt Premier Xavier Bettel zu den steigenden Neuinfektionen. Bis zum Wochenende lässt die Regierung sich noch Zeit für Entscheidungen.

Premierminister Xavier Bettel (DP) und Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) erklärten sich am Mittwoch im Anschluss an den Regierungsrat zu den steigenden Neuinfektionen und welche Konsequenzen die Regierung ziehen wird. In der Woche vom 6. bis 12. Juli waren es 402 Neuinfektionen - 289 waren es noch in der Woche davor. 

"Man kann sie sich schön reden und interpretieren, dennoch sind sie zu hoch", kommentierte Bettel die Zahlen, die bekanntlich schon zu Einreiserestriktionen nach Deutschland und in andere Länder geführt haben. Und auch Lenert betonte: "Die Zahlen sind Fakten, die nicht erfunden werden. Sie sind die höchsten in Europa. Dafür haben wir ein Bild der Situation und andere Länder haben eine hohe Dunkelziffer." 

Keinen Test für Einkaufsfahrten in Anspruch nehmen

Die Einreiseauflagen führten am Mittwoch schon zu einem Rush auf Arztpraxen: Man wollte Tests verschrieben haben, um mit dem Nachweis eines negativen Tests nach Deutschland einkaufen gehen zu können. Auch die privaten Labore und die Notaufnahmen klagten, dass sich vermehrt solche Kunden an sie wandten. 

Es ergeht deswegen klar der Appell: Nur zum Large Scale Testing (LST) gehen oder wenn sich Symptome zeigen, aber nicht für Butterfahrten. "Für diejenigen, die einen Test für ihre Urlaubsreise brauchen, werden wir mit den Laboren eine Lösung finden", versprach Bettel.

Linearer Anstieg

"Wir haben einen Anstieg, aber der ist linear und nicht exponentiell - die Zahlen alarmieren, schockieren aber nicht direkt", unterstrich der Premier. Nun werde die Krisenzelle im Gesundheitsministerium reorganisiert im Hinblick auf die Zusammensetzung und die Aufgabenverteilung. Die Gesundheitsdirektion sprach derweil eher schon von einer zweiten Welle.


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Alle Regierungsmitglieder seien außerdem mit ihren Kollegen im Ausland im Kontakt und explizierten die Situation. "Die Zahlen sind nicht alles, sie zu erklären ist wichtig", sagte Bettel, der auch am Samstag im EU-Rat an die Solidarität erinnern will und die Empfehlung der EU-Kommission, viel zu testen. "Man sollte ein Land, das das auch tut, nicht bestrafen."

Teststrategie erlaubt ein Bild der Infektionen

Denn die hohen Zahlen lassen sich durchaus auch erklären: Luxemburg testet im Gegensatz zum Ausland großzügig und gratis jeden, auch wenn keine starken Symptome vorhanden sind, es wird das Large Scale Testing durchgezogen, um asymptomatisch Infizierte zu finden und deren Infektionsketten zu unterbrechen und nicht ansässige Grenzgänger werden mit getestet und zu den Zahlen der Luxemburger dazu gerechnet. 

Zumindest mit letzterem soll nun Schluss sein. "Wir werden nur noch die Zahlen der in Luxemburg ansässigen positiv getesteten Personen an die europäische Behörde melden, auf deren Zahlen sich die Einschätzung der anderen Länder uns gegenüber stützen", kündigte Lenert an. Dabei handelt es sich um das European Center for Disease Control and Prevention (ECDC) in Stockholm. 

62 Prozent fielen über Symptome auf  

Dennoch: Die Grenzgänger machen nur 18 Prozent der Getesteten aus und durch das LST werden 15 Prozent der Neuinfektionen entdeckt, obwohl 66 Prozent der 282.000 Tests, die bislang durchgeführt wurden, darauf zurückgehen. 85 Prozent der neu detektierten Fälle sind Personen, die Symptome hatten und sich meldeten. Auch von den 402 Neuinfektionen der vergangenen Woche waren 62 Prozent solche, die über Symptome auffielen.

41 Prozent der 402 Neuinfizierten befanden sich schon in Quarantäne.

Paulette Lenert

Lenert konnte der Situation aber auch positives abgewinnen. So habe Luxemburg wenig Todesfälle zu beklagen und: "41 Prozent der 402 Neuinfizierten befanden sich schon in Quarantäne und konnten das Virus nicht weitergeben." Hier macht sich das intensive Kontakt-Tracing bemerkbar. Allein vergangene Woche wurden mehr als 2 000 Kontakte angerufen und entsprechend instruiert. 

Altersdurchschnitt 35 Jahre

Mit einem Altersdurchschnitt von 35 Jahren sind eher junge Leute betroffen, die meist auch nicht hospitalisiert werden müssen. Dafür haben sie mehr soziale Kontakte. Deswegen sei es wichtig, sich aufzuschreiben, mit wem man Kontakt hatte, denn je früher man isoliert werde, umso besser sei es. "Man sollte generell die Kontakte so niedrig wie möglich halten und einen Überblick behalten", riet Lenert.

Es zeigten sich auch keine spezifischen Cluster, das Virus sei überall, aber nirgendwo spezifisch. Lediglich in ein paar wenigen Betrieben kam es zu mehr als fünf Infektionsfällen. Sieben waren es in den Altenheimen. Es wurden auch in fünf Mietgemeinschaften, wo viele eng aufeinander wohnten, Fälle detektiert und man arbeite dort an Lösungen. 

Die kleinen privaten Feste sind das Problem

Im Horesca-Sektor hat Lenert bislang 23 Geldstrafen von bis zu 8 000 Euro bei Wiederholungstaten verhängt. Das Gros der Betriebe halte sich aber an die Regeln. Es sind auch nicht die großen Partys das Problem, sondern die privaten (Geburtstags-)Feste in der Familie. 

Nur wenn jeder Disziplin zeigt, behalten wir die Situation im Griff.

Paulette Lenert

"Das wird uns gegenüber jedenfalls so angegeben", sagte Lenert. "Aber auch zu dritt kann man sich anstecken, wenn man die Distanz nicht beachtet. Das wird oft noch immer nicht verstanden. Nur wenn jeder Disziplin zeigt, behalten wir die Situation im Griff."

Large Scale Testing wichtigster Baustein


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An der Teststrategie wird aber auf alle Fälle festgehalten. "Wir sind fest überzeugt, dass sie richtig ist und dürfen uns nicht treiben lassen. Jede Infektion, die wir finden und unterbrechen ist wichtig", sagte Bettel. Lenert betonte, dass das Large Scale Testing nach wie vor der wichtigste Baustein sei. 

Wir kommunizieren alles, was wir wissen und was überprüft wurde.

Xavier Bettel

Bettel war auch deutlich, was die Informationsanfragen der Opposition anbelangt: "Transparenz ist uns wichtig. Wir kommunizieren alles, was wir wissen und was überprüft wurde. Die Regierung hat nichts zu verstecken." 

Neues Covid-Gesetz wichtiger Schritt

Wie es genau weitergeht, vermochte Bettel noch nicht zu sagen. "Die Experten brauchen jetzt noch ein paar Tage Zeit, alle Daten zu verarbeiten, die Situation einzuschätzen und Empfehlungen zu geben. Dafür ist es heute zu früh." Mit dem neuen Covid-Gesetz, das mit seinen neuerlichen Restriktionen am Donnerstag verabschiedet wird, werde nun ein erster wichtiger Schritt gegen die Pandemieentwicklung unternommen.

Bettel mahnte aber auch eindringlich: "Die Abstandsregeln und das Maske-tragen sind noch immer gültig und wichtiger denn je - im Privaten wie im öffentlichen Raum. Es ist ein Akt der Solidarität, der Verantwortung und das sollte man nicht vergessen. Das Virus gehört nicht der Vergangenheit an." 


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Lenert verwies darauf, dass Luxemburgs Maßnahmen im europäischen Vergleich wenig restriktiv sind. Mit 25 auf einer Skala bis 100 liegt das Land derzeit weit entfernt von den Nachbarländern. "Es wird nur eine ganz kleine Anstrengung von den Leuten verlangt", meinte Lenert. Wenn die Zahlen in den nächsten Tagen aber weiter steigen, so Bettel, werde die Regierung mit den Experten am Sonntag über weitere Schritte entscheiden.

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