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Berufsausbildung - und dann?
Politik 3 Min. 12.06.2019

Berufsausbildung - und dann?

Die Berufsausbildung soll nicht länger das Stiefkind des Luxemburger Schulsystems sein.

Berufsausbildung - und dann?

Die Berufsausbildung soll nicht länger das Stiefkind des Luxemburger Schulsystems sein.
Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 12.06.2019

Berufsausbildung - und dann?

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Luxemburg braucht gut ausgebildete Fachkräfte: im Handwerk, im Gesundheitssektor, im Handel, in vielen verschiedenen Wirtschaftszweigen also. Doch die Berufsausbildung genießt keinen guten Ruf. Das soll sich in den kommenden Jahren ändern.

Luxemburg leidet unter Fachkräftemangel in vielen Berufszweigen, bildet zu wenig Fachkräfte aus und rekrutiert seine Handwerker im Ausland. Das hat auch damit zu tun, dass die Berufsausbildung in Luxemburg keinen guten Ruf genießt. In den Berufsausbildungen landen überwiegend die, die keine Chance haben im Enseignement classique oder général zu reüssieren. Die Regierung möchte das ändern und ergreift Maßnahmen, um die Berufsausbildung attraktiver zu machen.    


21.03.13 Installation nouveaux matériel ,Arcelor Mittal,Esch-Belval,Arbeiter, Handwerker,Schweisser:Foto:Gerry Huberty
"Der Fachkräftemangel ist akut"
Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist für Unternehmen im Handwerk ein Problem - Aber auch der gesamte Wirtschaftsstandort Luxemburg hadert damit.

Ein erster Schritt ist die Schaffung eines Stufenmodells, bei dem die Diplome aufeinander aufbauen, statt in einer Sackgasse zu enden. So soll es künftig möglich sein, mit einem CCP- bzw. einem DAP-Abschluss in die Technikerausbildung zu wechseln und weiter über einen BTS zum Bachelor und Master zu gelangen. "Jede Stufe endet mit einem Diplom, das dem Schüler Beschäftigungsfähigkeit garantiert", so Claude Meisch am Mittwoch bei der Vorstellung der geplanten Neuerungen. 

Meisterbrief wird kostenlos

Ein anderer Punkt ist die Reform des Meisterbriefes. Die Meisterprüfung, für die ein DAP notwendig ist, findet künftig nicht mehr pro Beruf statt, sondern wird in Berufsfamilien organisiert. Im Bereich "Alimentation" wurden erste Erfahrungen gemacht. Nun soll die Reform auch für andere Berufsfamilien vorangetrieben werden. Zudem wird der Meisterbrief künftig kostenlos sein. Das soll die Attraktivität des Meisterbriefs erhöhen. 


Meisterbrief, Chantier Electricité, Elektriker, foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
"Die Reform der Meisterbriefe bringt mehr Möglichkeiten"
Der Meister für einzelne Berufe weicht dem berufsübergreifenden Meistertitel. Marc Bissen, zuständig bei der Handwerkskammer für Weiterbildung, und Charles Bassing, beigeordneter Generalsekretär der Handwerkskammer, ziehen vorläufige Bilanz.

Brücke zum akademischen Bereich

Eine andere, bereits existierende Brücke ist die vom DAP zum DAES (diplôme d'accès aux études supérieures), wie er derzeit von der früheren Ecole de la 2e chance (heute: Ecole nationale pour adultes) angeboten wird. Das DAES dauert zwei Jahre und attestiert dem Absolventen die allgemeine Hochschulreife. Dieser Weg eignet sich für Schüler, die einen handwerklichen Beruf erlernen wollen, ohne sich den Weg zu einer universitären Ausbildung zu verschließen, so Meisch sinngemäß. Das gilt auch für Absolventen eines Technikerdiploms, die über die so genannten Modules préparatoires Zugang zu einer Hochschule haben. Meisch will die Modules préparatoires spezifischer auf die Fächer ausrichten, die die Absolventen später für ihre Hochschulausbildung brauchen.  

Eine weitere Innovation ist der duale BTS in Anlehnung an den DAP, der auch im dualen System angeboten wird (theoretische Ausbildung in der Schule, praktische Ausbildung im Betrieb). Ein Pilotprojekt im Bereich "Commerce" ist im Lycée du Nord in Ausarbeitung

Vom BTS soll eine Brücke zum Bachelor gebaut werden. Zwei Schulen - die Ecole de commerce et de gestion (ECG) und das Lycée des Arts et Métiers (LTAM) - bieten diese Option zusammen mit der Uni Luxemburg bereits an.

Eine andere Neuerung ist die Möglichkeit, ein DAP parallel zum Abitur zu machen, wobei es bei beiden Ausbildungen Abstriche geben wird, da sich am zeitlichen Rahmen nichts ändern soll. Das Ziel auch hier: Mit einer Berufsausbildung mehr Perspektiven als heute zu haben.

Digitales Lernen

Die Inhalte der Berufsausbildungen werden überarbeitet, mehr auf die Bedürfnisse der Betriebe zugeschnitten und an die technologischen Entwicklungen angepasst. Das bedeutet auch, dass in allen 120 Ausbildungen die Digitalisierung eine wichtige Rolle spielen wird.

Einige bestehende Ausbildungen werden grundlegender überarbeitet. So ersetzt beispielsweise die Technikerausbildung "Smart technologies" die frühere Elektronikerausbildung. Neue Technikerdiplome werden eingeführt, zum Beispiel im E-Commerce , eine neue DAP-Ausbildung wird der DAP Enfance sein, eine Ausbildung, die junge Menschen zum Beispiel für die Arbeit in Betreuungsstrukturen ausbildet.

Sprachunterricht

Der Sprachunterricht soll gezielt auf die Berufswirklichkeit in den einzelnen Berufen ausgerichtet werden, damit die Schüler die Kenntnisse haben, die sie später im Berufsalltag brauchen. Das gilt auch für die Unterrichtssprache. "Die Berufsausbildung muss sich an die Wirklichkeit der Schüler anpassen. Es reicht nicht, die Ausbildungen auf Deutsch mit der einen oder anderen Fremdsprache anzubieten", so Meisch. Sie müssten auch auf Französisch und auf Englisch abgehalten werden, nicht zuletzt um all jenen, die eine internationale Schule besucht haben, Perspektiven in der Berufsausbildung zu bieten.  

In Luxemburg gibt es offiziell anerkannte Weiterbildungsinstitute, "aber auch viele privatrechtliche Organisationen, die den Markt bedienen", so Meisch. Eine  Akkreditierungsagentur für Weiterbildung in der Berufsausbildung soll künftig für Transparenz sorgen und die Qualität der Anbieter und ihrer Weiterbildungen sicherstellen.

Last but not least will das Ministerium den Schülern und Eltern die Berufsausbildung schmackhaft machen, indem sie über die Möglichkeiten und Vorzüge der Berufsausbildung aufgeklärt werden. 

Neue Bewertung mit Noten

Die Berufsausbildung wurde in den vergangenen Jahren bereits mehrfach und stückweise reformiert. So ging man vom rein modulbasierten zurück zum Jahrgangssystem mit der Möglichkeit der Klassenwiederholung im Falle schlechter Leistung. Die modulbasierte Bewertung wird beibehalten, zwecks besserer Dokumentierung der Schülerleistungen aber um ein Notensystem ergänzt.  


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