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Berufsausbildung: Das Chaos lichtet sich
Politik 4 Min. 08.02.2017

Berufsausbildung: Das Chaos lichtet sich

Um der Berufsausbildung zu einem besseren Stellenwert und Image zu verhelfen, greift das Bildungsministerium auf die Erfahrung des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsausbildung zurück.

Berufsausbildung: Das Chaos lichtet sich

Um der Berufsausbildung zu einem besseren Stellenwert und Image zu verhelfen, greift das Bildungsministerium auf die Erfahrung des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsausbildung zurück.
Foto: Reuters
Politik 4 Min. 08.02.2017

Berufsausbildung: Das Chaos lichtet sich

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
An der Berufsausbildung wurde schon viel herumgeschraubt. Am Mittwoch kündigte Bildungsminister Claude Meisch weitere Reformschritte an, die dazu beitragen sollen, die Berufsausbildung aufzuwerten und die Erfolgschancen der Berufsschüler zu verbessern.

(mig) - Nach und nach dürfte das Chaos in der Berufsausbildung sich auflösen. Nach den gesetzlichen Änderungen im Sommer (u. a. Wiedereinführung der jährlichen Versetzung, Abschaffung der Zwischenprüfung in den Vollzeitausbildungen, Einführung eines "Pif de rattrapage" für eine Technikerausbildung im September), werden jetzt weitere Missstände in der "Formation professionnelle" behoben. Die Änderungen wurden in Zusammenarbeit mit den Berufskammern, den Schuldirektionen und den Lehrergewerkschaften beschlossen.

Überarbeitung der Programme

Die Programme der 120 Ausbildungen werden überarbeitet. Die Ausbildungen sollen inhaltlich und in ihrer Struktur (Module und Kompetenzen) kohärenter und vergleichbarer werden. Claude Meisch räumte ein, dass manche Ausbildungen inhaltlich überlastet gewesen seien. In der Folge habe man sich darauf geeinigt, "dass Qualität vor Quantität geht", so Meisch.

Außerdem wird ein Stufenmodell eingeführt. Konkret bedeutet das, "dass eine CCP-Ausbildung zu einer entsprechenden DAP-Ausbildung, und eine DAP-Ausbildung zu einer Technikerausbildung führt". Neben diesen vertikalen Übergängen (Passerelles) sollen auch horizontale Übergänge begünstigt werden, z. B. aus der Technikerausbildung ins Régime technique.

Hilfe aus der Schweiz

Eine zentrale Neuerung ist die Schaffung einer "Cellule de développement curriculaire", deren Aufgabe darin besteht, die "Equipes curriculaires" bei der Überarbeitung der Programme zu unterstützen. Das Script wird maßgeblich an der Schaffung dieser "Cellule" beteiligt sein. Begleitet wird das Bildungsministerium bei diesem Projekt vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), das hohes Ansehen im Bereich Berufsausbildung genießt.

Die Rekrutierung der Mitglieder dieses Gremiums wird laut dem Chef des Script, Luc Weis, im März abgeschlossen sein. Im September beginnt die "Cellule" mit den Arbeiten an den Programmen. Nach einem Jahr soll die Hälfte der Ausbildungsprogramme überarbeitet sein, ein Jahr später die restlichen 60.

Wiedereinführung eines Punktesystems

Einig wurde man sich auch bei der Wiedereinführung eines Punktesystems, ohne allerdings auf die Kompetenzbewertung zu verzichten. Beides zusammen ergebe ein umfassenderes Bild der Leistung der Schüler, meinte der Bildungsminister. Bei diesem ausgeklügelten Bewertungssystem werden die Kompetenzen eines Moduls prozentual gewichtet (Minimum zehn Prozent, Maximum 40 Prozent) und bewertet.

Die Gesamtnote für das Modul ergibt sich aus der Summe der Bewertungen der einzelnen Kompetenzen. Würde ein Schüler die maximale Punktzahl bei allen Kompetenzen erreichen, hätte er am Ende die Note 60/60. Um ein Modul zu schaffen, braucht der Schüler 30 Punkte.

Um das Schuljahr erfolgreich abzuschließen, muss der Schüler drei Bedingungen erfüllen: Er muss 90 Prozent aller Module, 90 Prozent der "Modules professionnels" und 100 Prozent der "Modules fondamentaux" geschafft haben. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass nicht alle Module geschafft werden müssen, um versetzt zu werden, allerdings darf die Note die 20 Punkte-Grenze nicht unterschreiten, um zu große Wissenslücken zu vermeiden.  

Maximale Ausbildungsdauer

Die maximale Ausbildungsdauer betrug ursprünglich die reguläre Ausbildungszeit plus ein Jahr. Weil aber viele Schüler noch Module nachzuholen hatten, wurde die Ausbildungszeit zwei Jahre in Folge dank einer "instruction ministérielle" jeweils um ein Jahr verlängert. Ein Jahr später wurde die Regelung schlicht abgeschafft. Jetzt hat man sich auf eine maximale Ausbildungsdauer von n+2 geeinigt. Eine weitere Verlängerung um ein Jahr ist nur dann möglich, wenn der Ausbildungsbetrieb zustimmt.

"Pif de rattrapage" in allen Technikerausbildungen

Nachdem das Ministerium im September erstmals einen "Pif de rattrapage" (Pif steht für Projet intégré final) für die Laufbahn "Technicien administratif et commercial" angeboten hatte, wird die Nachprüfung jetzt verallgemeinert und in sämtlichen Technikerausbildungen angeboten. Ursprünglich wurden die Nachprüfungen erst im Februar des darauffolgenden Jahres organisiert. Das hatte den Nachteil, dass die Schüler monatelang untätig herumsaßen und auf den Prüfungstermin warteten. Nun findet die Nachprüfung im Herbst statt, so dass Schüler, die die Nachprüfung bestehen, sich gleich im Anschluss an einer weiterführenden Schule einschreiben können.  

"TalentCheck" und "Basic-Check"

Handlungsbedarf gibt es auch bei der Orientierung. Die Handelskammer und die Handwerkskammer in Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmerkammer haben unabhängig voneinander zwei Instrumente geschaffen, die Orientierungshilfe geben sollen.

Das Bewertungsinstrument "TalentCheck" (Handelskammer) bietet Schülern die Möglichkeit, ihr Wissen und ihre Kompetenzen zu testen. Laut Roger Thoss von der Handelskammer haben inzwischen knapp 1.000 Schüler an der Testreihe teilgenommen.

Bei der Handwerkskammer heißt das Instrument "Basic-Check". Laut dem Vertreter der Arbeitnehmerkammer, Carlo Frising, dient das Instrument einer besseren Orientierung der Schüler. Wer sich für eine Ausbildung entschieden hat, erfährt hier, ob er über die dafür notwendigen Fähigkeiten und Vorkenntnisse verfügt. Wer noch zögert, erfährt hier, welche Ausbildungen für ihn in Frage kommen.

Im Bildungsministerium denkt man derzeit darüber nach, ein einheitliches Instrument auszuarbeiten.

Weitere Anpassungen

Bildungsminister Claude Meisch zeigte sich zuversichtlich, dass die geplanten Änderungen die Qualität, den Stellenwert und das Image der Berufsausbildung, aber auch die Erfolgschancen der Berufsschüler verbessern werden. Die Diskussionen seien damit aber nicht beendet, meinte der Bildungsminister. Gesprächsbedarf sieht er z. B. bei den Modules préparatoires, die Pflicht sind für Technikerabsolventen, die eine weiterführende Schule besuchen wollen.


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