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Befreiung des KZ vor 70 Jahren: Dachau, die Mörderschule der SS
Politik 1 6 Min. 29.04.2015

Befreiung des KZ vor 70 Jahren: Dachau, die Mörderschule der SS

Mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa saßen hier zwischen 1933 und 1945 in Haft, unter katastrophalen Bedingungen.

Befreiung des KZ vor 70 Jahren: Dachau, die Mörderschule der SS

Mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa saßen hier zwischen 1933 und 1945 in Haft, unter katastrophalen Bedingungen.
Foto: LW-Archiv
Politik 1 6 Min. 29.04.2015

Befreiung des KZ vor 70 Jahren: Dachau, die Mörderschule der SS

Vor 70 Jahren befreiten US-Soldaten das Lager - sie fanden 30 000 ausgemergelte und kranke Häftlinge und viele Tote. 430 Luxemburger gingen durch die Hölle von Dachau, darunter Abbé Jean Bernard, dessen Erinnerungen verfilmt wurden.

Dachau, der Name ist weltweit verbunden mit der Erinnerung an die grauenvollen NS-Verbrechen. Hier errichteten die Nazis ihr erstes großes dauerhaftes KZ. Vor 70 Jahren befreiten US-Soldaten das Lager - sie fanden 30 000 ausgemergelte und kranke Häftlinge und viele Tote.

(dpa/rar) - Auf der Wiese blühen Gänseblümchen, Bäume leuchten grün. Doch vor mehr als 70 Jahren war hier ein Ort unvorstellbaren Grauens, das bis heute spürbar ist.

Im Konzentrationslager Dachau quälten und ermordeten die Nationalsozialisten zehntausende Menschen. Hier unterrichteten sie ihre Schergen im Töten, in der "Mörderschule der SS".

Am 29. April 1945 kamen US-Truppen und setzten dem entsetzlichen Treiben ein Ende. Zum 70. Jahrestag der Befreiung erinnert die KZ-Gedenkstätte am Sonntag (3. Mai) an diesen Schicksalstag.

Hilbert Margol ist einer der US-Soldaten der Rainbow-Division, die das KZ am 29. April erreichen. Als sie sich dem Lager nähern, bemerken sie einen grauenvollen Gestank. Hilbert und sein Zwillingsbruder Howard werden losgeschickt, um nach der Ursache zu suchen. "Das Erste, was wir sahen, waren einige Güterwaggons", sagt der 93-Jährige. Darin ein unbeschreiblicher Anblick: Menschliche Körper, kreuz und quer übereinander, verhungert, verdurstet, erschossen. Der Geruch des Todes liegt in der Luft. 

Im Lager dann weit über 30 000 ausgezehrte Menschen, in völlig überfüllten Baracken zusammengedrängt. Typhus grassiert. In der Totenkammer, im Krankenbereich, im Krematorium - überall häufen sich Leichen. Sogar unter freiem Himmel liegen geschundene, nackte Körper.

Mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa saßen hier zwischen 1933 und 1945 in Haft, unter katastrophalen Bedingungen. Dazu härteste Arbeit, Hunger, drangvolle Enge und willkürliche Repressalien. Etliche Häftlinge wurden für medizinische Experimente missbraucht. Wer zu schwach war, um zu arbeiten, dessen Schicksal war ohnehin besiegelt.

Die Erinnerungen von Abbé Jean Bernard

Der Geistliche und Journalist Jean Bernard überlebte das KZ Dachau. Sein Tagebuch bot die Vorlage für den Schlöndorff-Film "Der Neunte Tag".
Der Geistliche und Journalist Jean Bernard überlebte das KZ Dachau. Sein Tagebuch bot die Vorlage für den Schlöndorff-Film "Der Neunte Tag".
Foto: Jean Weyrich

Nicht weniger als 430 (im Dachauer Museum heißt es: 467) Luxemburger gingen durch die Hölle von Dachau – überwiegend Widerstandskämpfer. 62 von ihnen überlebten die Torturen und Entbehrungen nicht. Die US-Truppen befreiten vor 70 Jahren 143 Luxemburger.

Auch 2720 Geistliche aller Konfessionen waren in Dachau inhaftiert, 16 davon aus Luxemburg. Unter ihnen Abbé Jean Bernard, der erste Direktor und Chefredakteur des "Luxemburger Wort" nach dem Krieg, der im Januar 1941 von der Gestapo verhaftet und nach Dachau gebracht worden war. Zusammen mit Mgr Jean Origer, dem Direktor der Sankt-Paulus-Druckerei, und dem LW-Redakteur Jean-Baptiste Esch ging Jean Bernard durch die furchtbaren Schrecken des Dachauer KZs.

Von diesen Geistlichen überlebte nur Bernard. Als er am 5. August 1942 aus dem KZ zurückkehrte, wog er nur noch 47 Kilo. Seine Erinnerungen an das Grauen der Lagerhaft in Dachau veröffentlichte er kurz nach Kriegsende in der Artikelserie "Aus dem Tagebuch eines Häftlings" im Luxemburger Wort und 1962 in dem Buch "Pfarrerblock 25487 - Dachau 1941-1942".

Vierzig Jahre später verfilmte der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff diese Vorlage unter dem Titel "Der Neunte Tag" mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle des Pfarrers, der im Film Henri Kremer heißt. Im Januar 2004 wurden die letzten Szenen des - von Saint-Paul Luxembourg mitproduzierten - Films in Luxemburg gedreht, unter anderem in der Kathedrale und auf dem "Nikloskierfech".

In einer freien Adaptation baut der Film auf einer tatsächlichen Begebenheit auf. Abbé Jean Bernard erhielt im Februar 1942 unverhofft zehn Tage Hafturlaub. Mgr Bernard kehrte am 25. Februar 1942 freiwillig in das KZ zurück, um seine Familie und seine Mitgefangenen nicht in Gefahr zu bringen. Im Film versucht der Gestapo-Chef Gebhardt, Abbé Kremer für die NS-Kirchenpolitik einzuspannen. Der Priester verweigert sich dem Anwerbeversuch.

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Niemand kennt die Zahl der Ermordeten

Wie viele Opfer es in Dachau insgesamt gab, ist nicht klar. Lagerunterlagen listen knapp 32 000 Tote auf. Historiker gehen aber von mehr als 40 000 aus. Viele Exekutionen, etwa von tausenden russischen Kriegsgefangenen, wurden nicht erfasst. "Die Totenlisten werden immer länger und länger", schrieb der holländische Journalist Nico Rost am 4. März 1945 in sein Tagebuch.

Am 22. März 1933, wenige Wochen, nachdem Adolf Hitler an die Macht gekommen war, nahmen die Nazis die ersten Menschen in Dachau bei München in Haft, wenig später wurden die ersten ermordet. 

SS-Männer lernten im Konzentrationslager Dachau, andersdenkende Menschen als minderwertig zu betrachten (Leiterin der Dachauer KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel)

Zunächst traf es politische Gegner: Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Dann evangelische und katholische Geistliche, Zeugen Jehovas, Juden, Roma und Sinti sowie Homosexuelle; nach Kriegsbeginn Widerstandskämpfer aus anderen Ländern und Kriegsgefangene. Auch der gescheiterte Hitler-Attentäter Georg Elser oder der Schriftsteller Alfred Andersch waren hier eingesperrt.

Arbeitsfähige Häftlinge schufteten unter mörderischen Bedingungen etwa im Straßenbau oder in der Rüstungsindustrie. Jeden Tag mussten sie dabei durch das Tor mit dem zynischen Satz "Arbeit macht frei". Anfang November 2014 wurde das Tor gestohlen - zum 70. Jahrestag wird eine Replik eingesetzt.

Modell für eine unvorstellbare Vernichtungsmaschinerie

Aus den regional verteilten Arbeitskommandos entstand ein System von Außenlagern. Das KZ Dachau war mit bis zu 169 Außenkommandos der größte Lagerkomplex überhaupt. Mit seiner grausamen Perfektion wurde es zum Modell für die vielen späteren Konzentrationslager, für eine unvorstellbare Vernichtungsmaschinerie. Als Ausbildungsstätte für Nazi-Schergen wurde es zur "Schule der Gewalt". 

Am Eingang zu dem ehemaligen KZ setzten Arbeiter am Jahrestag der Befreiung ein neues Tor ein mit der berüchtigten Inschrift "Arbeit macht frei". Das Originaltor war im November 2014 gestohlen worden.
Am Eingang zu dem ehemaligen KZ setzten Arbeiter am Jahrestag der Befreiung ein neues Tor ein mit der berüchtigten Inschrift "Arbeit macht frei". Das Originaltor war im November 2014 gestohlen worden.
Foto: AFP

"Die SS-Männer, die einige Jahre später den millionenfachen Mord mit Giftgas durchführten, lernten zuerst im Konzentrationslager Dachau, andersdenkende Menschen als minderwertig zu betrachten und sie kaltblütig zu ermorden. Die Umsetzung der nationalsozialistischen Theorien in blutige Realität nahm im Konzentrationslager Dachau ihren Anfang", heißt es in einem Abriss des Historikers Wolfgang Benz und der früheren Leiterin der Dachauer KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel.

Anfang 1945 dämmerte vielen Verantwortlichen, dass Hitlers Tage gezählt sein könnten. Als ab Mitte April der Geschützdonner im Lager zu hören war, verbrannten sie Akten, versuchten, Spuren zu verwischen und flohen.

Am 26. April schickten sie rund 7000 Gefangene auf einen Todesmarsch Richtung Alpen, bei dem Hunderte starben. Als die US-Soldaten am 29. April kamen, herrschte Chaos. Das Krematorium war außer Betrieb. Seit Tagen wurden Sterbefälle nicht mehr dokumentiert.

Die Häftlinge konnten ihr Glück kaum fassen, als ihre Retter da waren. "Alle geraten in Bewegung, Kranke verlassen die Betten, die fast Gesunden und das Blockpersonal rennen auf die Blockstraße, springen aus den Fenstern, klettern über Bretterwände, laufen auf den Appellplatz. Man hört von weitem bis hierher das Schreien und Hurra-Rufen. Es sind Freudenschreie", hält der Dichter und Autor Edgar Kupfer-Koberwitz in seinen Aufzeichnungen fest. "Wir küssen uns wie Brüder und beglückwünschen uns. Viele haben Tränen in den Augen. Wir drücken uns die Hände: Frei, frei!"

Von Sabine Dobel und Cordula Dieckmann (dpa)

Im Netz:

- KZ-Gedenkstätte

- KZ-Gedenkstätte zu Stanislav Zámecnik

Literaturhinweise:

  • Jean Bernard: Pfarrerblock 25487 - Dachau 1941-1942 (E-book)
  • André Heiderscheid: Nie wieder! (Band 2). ISBN: 978-2-87963-701-3
  • Der neunte Tag - Pfarrerblock 25487: Das Buch zum Film, Hg. Jürgen Haase (Herausgeber), Léon Zeches (bei Amazon)
  • René Fisch: Die Luxemburger Kirche im 2. Weltkrieg, mit Informationen über den Dachau-Aufenthalt von Jean Bernard.

  • Dachauer Hefte, Band 1: Befreiung, Hg. Wolfgang Benz und Barbara Distel, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1993, 234 S., vergriffen

  • Stanislav Zámecnik, Das war Dachau, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 2007, 448 bS., 10,95 Euro, ISBN-13: 978-3596172283
  • Nico Rost, Goethe in Dachau, List Taschenbuch, Berlin 2000, 440 S., vergriffen
  • Edgar Kupfer-Koberwitz, Dachauer Tagebücher, Die Aufzeichnungen des Häftlings 24814, Kindler Verlag, München 1997, 560 S., vergriffen

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