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Aufarbeitung der nationalen Geschichte: Der Mythos bröckelt
Politik 1 4 Min. 09.02.2015

Aufarbeitung der nationalen Geschichte: Der Mythos bröckelt

Am Dienstag stellt Premier Bettel den so genannten Artuso-Bericht vor, der die Rolle der Verwaltungskommission bei der Deportation der Luxemburger Juden im Zweiten Weltkrieg beleuchtet.


Der Artuso-Bericht soll klären, ob die Verwaltungskommission eine Mitschuld an der Deportation der Juden im Jahr 1940 trägt. Das Bild zeigt die Synagoge von Luxemburg.
Der Artuso-Bericht soll klären, ob die Verwaltungskommission eine Mitschuld an der Deportation der Juden im Jahr 1940 trägt. Das Bild zeigt die Synagoge von Luxemburg.
Marc Wilwert

(DS) – Der Artuso-Bericht könnte endgültig zu einer Revision des traditionellen nationalen Geschichtsverständnisses führen, das Luxemburg nach der Invasion vom 10. Mai 1940 fast ausschließlich in der Opferrolle sah. Wenn die Analyse der Historiker am Dienstag vorgestellt wird, könnte der "Mythos der aktiven Auflehnung" (Denis Scuto) endgültig der Vergangenheit angehören.

Ein Forschungsteam der Uni Luxemburg unter der Leitung von Vincent Artuso hatte über Monate recherchiert, um herauszufinden, ob die Verwaltungskommission eine Mitschuld an der Deportation der Juden trägt. Konkret soll geklärt werden, ob die Verwaltungskommission, die zwischen Mai und Herbst 1940 als Ersatzregierung tätig war, nachdem die offizielle Regierung ins Exil gegangen war, bloß als Befehlsempfänger der deutschen Besatzer handelte, oder ob sie aktiv an der Deportation der Juden beteiligt war.

Bettel stellt Entschuldigung in Aussicht

Premier Bettel hatte am 28. Januar beim Pressebriefing betont, dass „wir alle gerne die Guten gewesen wären, dass wir aber nicht alle Helden waren“ und eine offizielle Entschuldigung bei den Opfern in Aussicht gestellt. Die Regierung sei bereit, ihre Verantwortung zu übernehmen.

Der Bericht war noch von der Vorgängerregierung in Auftrag gegeben worden, nachdem mehrere Historiker gegenüber der Verwaltungskommission den Vorwurf der Kollaboration erhoben hatten.

Es war Elio Di Rupo, der den Stein ins Rollen gebracht hatte. Am 9. September 2012 hatte sich der damalige belgische Premierminister bei der jüdischen Gemeinde seines Landes für die Mitverantwortung der belgischen Behörden bei der Deportation der Juden während der deutschen Besatzung entschuldigt.

Video: Die Judenverfolgung in Luxemburg

Die Historiker treten auf den Plan

Di Rupos Entschuldigung rief in der Folge auch luxemburgische Historiker und Politiker auf den Plan. Noch im September meldete sich Serge Hoffmann zu Wort. In einem Tageblatt-Artikel vom 19. September 2012 hatte der Historiker die Frage nach der Rolle der Verwaltungskommission im Jahr 1940 aufgeworfen. Hoffmann war zum Schluss gekommen, dass die Ersatzregierung zwischen Mai und Herbst 1940 aktiv mit den deutschen Besatzern zusammengearbeitet hatte: „Sowohl in Belgien als auch in Luxemburg kollaborierten die ,Ersatzregierungen‘ mit den Nazis und unternahmen nichts gegen die Judenverfolgung in ihren jeweiligen Ländern.“

Die Aussage von Serge Hoffmann war wiederum der Anlass für eine parlamentarische Frage des früheren LSAP-Politikers Ben Fayot an Jean-Claude Juncker. Fayot wollte von dem damaligen Premier wissen, ob er die Meinung des Historikers teile und ob er sich, wie sein belgischer Amtskollege, bei der jüdischen Gemeinde entschuldigen werde.

Juncker: „Un certain flou“

Durch Junckers Antwort vom 30. Januar 2013 kam die Debatte dann erst richtig in Gang. Eine Entschuldigung zog Juncker zum damaligen Zeitpunkt nämlich nicht in Erwägung, da die bis dato vorliegenden Forschungsberichte seiner Meinung nach zu viele Lücken aufwiesen: „Il subsiste en effet un certain flou concernant les événements de l'époque et notamment le rôle de la Commission administrative en général et en rapport avec la déportation de la population juive en particulier.“ Allerdings beauftragte die Regierung in der Folge Historiker der Uni Luxemburg mit der Aufarbeitung. Erst danach werde er die erforderlichen Schlüsse ziehen, so Juncker.

Denis Scuto: „Ein Skandal“

So lange wollte der Historiker Denis Scuto allerdings nicht warten. In einer „Carte Blanche“ bei RTL zeigte er sich am 8. Februar 2013 „skandalisiert“ über Junckers Aussage.

Für Scuto stand bereits damals fest, dass die Verwaltungskommission, die nach der Flucht der Großherzogin und der Regierung vom Parlament mit den Vollmachten der Regierung ausgestattet worden war, mit den NS-Besatzern kollaboriert hat und an der Umsetzung der antisemitischen Gesetze beteiligt war, die ab September 1940 in Luxemburg galten.

Eine Liste mit 280 Namen

Als Beweis legte Scuto eine Liste mit den Namen von 280 jüdischen Kindern im Alter zwischen vier und 14 Jahren vor, die von der Verwaltungskommission an Gauleiter Gustav Simon weitergeleitet worden war.

Der eigentliche Skandal sei aber, dass diese Liste seit Jahren bekannt und im Nationalarchiv öffentlich zugänglich sei. Zudem hatten die Historiker Paul Dostert und Paul Cerf schon in den 80er- Jahren auf die Dokumente aufmerksam gemacht. Laut Scuto soll eine weitere Liste mit 500 Namen von polnischen Juden existieren, die damals in Luxemburg lebten.

Forschungsauftrag

Im Mai 2013 wurde schließlich das Forschungsteam um Vincent Artuso mit der Aufarbeitung der Rolle der Verwaltungskommission betraut. Artuso hatte sich bereits 2011 in seiner Doktorarbeit „La collaboration au Grand-Duché de Luxembourg durant la Seconde Guerre mondiale (1940-1945). Attentisme, coopération, assimilation“ mit dem Thema befasst.

Ursprünglich sollte der Bericht im Mai 2014 erscheinen. Doch die Experten hatten gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass die Zeitschiene zu eng bemessen sei.

Bericht zu den Enteignungen

Ein erster Bericht, der unter der Federführung des Historikers Paul Dostert entstanden war, hatte sich ab 2002 mit dem Thema der Enteignungen der Juden auseinandergesetzt. Der Bericht wurde 2009 vorgestellt. Die Empfehlung der Spezialkommission wurde allerdings noch nicht vollständig umgesetzt.

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