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Aufarbeitung
Leitartikel Politik 2 Min. 21.03.2015

Aufarbeitung

Jean-Lou SIWECK
Jean-Lou SIWECK
Luxemburg tut sich schwer mit der Aufarbeitung der dunkleren Kapitel seiner Geschichte. Da kann dem Überbringer schlechter Nachrichten auch schon mal sein Alter vorgehalten werden. Dabei ist die Erinnerung an die Geschehnisse von vor 75 Jahren von großer Aktualität.

Nie war Geschichte aktueller, scheint es. Letztes Jahr stand das Gedenken an den Ersten Weltkrieg in der Diskussion. Jetzt ist es die Rolle des Staatsapparates in den ersten Monaten nach der Besetzung des Landes durch Hitlerdeutschland, die für Kontroversen sorgt. Dabei prallen zwei Welten aufeinander: die der Zeitzeugen und jene der Verfechter einer vor allem auf schriftliche Quellen setzenden Geschichtsforschung.

Bei der Bewertung des Berichtes von Vincent Artuso darf man den Auftrag an den Historiker nicht aus dem Blick verlieren. Es ging nie darum, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in ihrer Gesamtheit aufzuarbeiten oder gar neu zu schreiben. Somit wäre es falsch, die bisherige Geschichtsschreibung zu den Jahren 1940 bis 1945 durch den Bericht grundsätzlich in Frage gestellt zu sehen. Geradezu unredlich wäre es, Artuso vorzuwerfen, er würde die Leiden und Opfer des Landes nachträglich relativieren. Doch es gab einen guten Grund, warum die Regierung der Universität 2013 den Auftrag erteilte, die Rolle der Verwaltungskommission, die vom Tag des deutschen Überfalls am 10. Mai bis zum 23. Dezember 1940 bestand, unter die Lupe zu nehmen: Dieses Kapitel war auch 70 Jahre nach Kriegsende nur ungenügend aufgearbeitet worden. Darüber hinaus war dem Schicksal der Luxemburger Juden bisher nur eine unzureichende Rolle im offiziellen Narrativ zum Zweiten Weltkrieg zugestanden worden.

Warum muss Artuso immerfort als „junger“ Historiker beschrieben werden?

Der Artuso-Bericht beschäftigt sich mit einer grundsätzlichen, aber auch einfachen Frage: Sind die Vertreter des Luxemburger Staats all ihren Verpflichtungen gegenüber den jüdischen Bürgern sowie jenen Personen, die sich vor Kriegsausbruch unter seinen Schutz begeben haben, nachgekommen? Die Antwort des Artuso-Berichtes, der nicht darauf verzichtet, den Kontext zu beleuchten, lautet eindeutig nein.

Diese Antwort braucht man sicher nicht kritiklos zu akzeptieren. Dennoch kann man auch von Zeitzeugen verlangen, mit dem nötigen Respekt vorzugehen. Warum muss Dr. Artuso anscheinend bei jedem Einwurf als „junger“ Historiker beschrieben werden? Er ist immerhin älter, als noch lebende Zeitzeugen es 1940 waren. Und diese würden es sich mit Recht verbieten, immer nur als „alt“ beschrieben zu werden.

Der Artuso-Bericht ist auch über die spezifische Frage der Rolle der Verwaltungskommission hinaus wichtig, weil er, zumal in Bezug auf die „Question juive“, den Kontext der 1930er-Jahre in Erinnerung ruft. Verständlicherweise ist es unangenehm, an längst vergangene Fehltritte erinnert zu werden. Dies gilt auch für diese Zeitung, die sich nach dem Krieg ihren antisemitischen Verfehlungen zu stellen hatte. Doch es gilt dennoch, diese Erinnerung wach zu halten, als Mahnmal gegen die auch heute noch alltägliche Versuchung der Ausgrenzung sowie der Pauschalverurteilung ganzer Bevölkerungsgruppen. Und auch bei der viel zu gängigen und allzu leichten Infragestellung der Errungenschaften des Parlamentarismus ist das Bewusstsein um die Geschehnisse der 1930er-Jahre weiter von größter Bedeutung.

Bleibt die Frage, ob sich die Regierung bei der jüdischen Gemeinschaft entschuldigen soll. Letztere hat eine solche Entschuldigung nie gefordert. Doch es gäbe genügend Gründe, es dennoch zu tun. Wichtig wird jedoch sein, dass dabei jene, bei denen sich entschuldigt wird, im Zentrum stehen werden – und nicht jene, die sich entschuldigen.


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