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Auf der Flucht
Dina Schweizer erzählt von ihrer Kindheit während des Zweiten Weltkriegs.

Auf der Flucht

Foto: Matic Zorman
Dina Schweizer erzählt von ihrer Kindheit während des Zweiten Weltkriegs.
Politik 4 Min. 03.06.2019

Auf der Flucht

Patrick BESCH
Patrick BESCH
Dina Schweizer berichtet über ihr Schicksal als junges jüdisches Mädchen im Zweiten Weltkrieg.

Seinen Geburtstag feiern ist für viele Menschen das Normalste auf der Welt. Jedes Jahr zum selben Tag erhält man Glückwünsche und Geschenke und man lässt sich feiern. Für Dina Schweizer gestaltet sich dieses Unterfangen jedoch schwierig, denn sie kann nicht mit letzter Genauigkeit sagen, wann sie geboren ist. „Irgendwann zwischen 1934 und 1935, meine Cousins glauben 1934“, erklärt sie. Es gibt keine Dokumente, die ihren Geburtstag belegen. Sie wurden alle während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Armee vernichtet. Auch Dinas Eltern und Geschwister, die den genauen Geburtstag ihrer Tochter beziehungsweise Schwester wussten, haben den Krieg nicht überlebt.

Ich fühle mich dazu verpflichtet, meine Erlebnisse während der Shoah weiterzuerzählen.

Dina Schweizer stammt aus der polnischen Stadt Schowka, die heute in der westlichen Ukraine liegt. Bei Ausbruch des Krieges lebten rund 4 400 Juden in Schowka. Nach 1945 waren es nur noch 170. Dina gehörte zu den Überlebenden. „Ich habe damals viel Glück gehabt. Insgesamt hatte ich im Leben immer Glück gehabt“, meint sie mehrmals, als sie in der Abtei Neumünster, auf Einladung der Vereinigung MemoShoa, ihre Lebensgeschichte erzählt.

Schweigen gebrochen

Lange hat Dina Schweizer, die in den 1970er Jahren mit ihrem Ehemann aus Israel nach Luxemburg zog, geschwiegen und ihre Geschichte für sich behalten. Doch irgendwann konnte sie ihre Erinnerungen nicht mehr verdrängen. „Ich fühle mich dazu verpflichtet, meine Erlebnisse während der Shoah weiterzuerzählen“, meint Dina, ehe sie ihre unglaubliche Geschichte erzählt. Es ist eine Geschichte von Angst, Furcht und Unsicherheit, aber auch von Größe, Stärke, Hoffnung und unendlichem Mut.


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Als Dina Schweizer sieben oder acht Jahre alt war, wird ihre Stadt zum ersten Mal von der deutschen Armee eingenommen. Ihre Familie musste ihr Haus sofort verlassen und in ihr zweites Haus in der Innenstadt Schowkas, das jedoch vermietet war, umziehen. Nach zwei Wochen wurde die Familie schließlich in ein Getto umgesiedelt. Dort teilten sich sechs Kinder und zwei Erwachsene ein Zimmer. Die Mutter erlag schnell der Typhuskrankheit, welche sich durch den extrem schlechten Hygienezustand verbreitete. Auch der Vater sollte den Kindern nicht lange erhalten bleiben: Bei einer Razzia der Deutschen wurde er gefunden und wegen seiner jüdischen Religion und seinem schlechten Gesundheitszustand erschossen.

Ich sah die Welt nur durch das Schlüsselloch.

Die sechs Kinder wurden in ein anderes Getto geschickt. Doch lange sollten sie da nicht bleiben. Zusammen mit den Alten, Kranken und Schwachen sollten sie ins Konzentrationslager Lemberg-Janowska gebracht werden. Dinas ältere Schwester konnte einen der Soldaten davon überzeugen, ihre jüngere Schwester zu verschonen und ihr die Flucht zu ermöglichen. Das junge Mädchen ergriff die Flucht und lief zurück in ihre Heimatstadt, wo sie das ehemalige Kindermädchen der Familie aufsuchte. Das Kindermädchen Kascha wusste um die Gefahr, der Dina in Schowka ausgesetzt war und brachte sie bei ihrer Schwester in einem kleinen Dorf in Südgallizien unter.

1947 erlangt das jüdische Flüchtlingsschiff Exodus weltweite Berühmtheit.
1947 erlangt das jüdische Flüchtlingsschiff Exodus weltweite Berühmtheit.
Foto: LW-Archiv

Dort lebte Dina bis 1945 in ärmlichen Verhältnissen. Sie besaß weder Schuhe noch anständige Kleidung, die den kalten Wintern dieser Region trotzen konnten. Auch die Tatsache, dass sie dem Ukrainischen nicht mächtig war, erschwerte ihr die Zeit. Am Anfang traute sich das junge Mädchen nicht aus dem Haus. „Ich sah die Welt nur durch das Schlüsselloch“, berichtet Dina, die in dieser Zeit unter dem Namen Marina lebte. Selbst das Schlafen fiel ihr schwer, da sie im Schlaf sprach und deshalb fürchtete, entdeckt zu werden. Die Deutschen drangen schließlich auch in das Dorf vor, doch Dina wurde nicht entdeckt. „Ich musste immer wachsam sein, ich stand immer unter Verdacht. Ständig bedeckte ich mein Gesicht“, erinnert sie sich.

Israel in Sicht

1945 holte das Kindermädchen Kascha die junge Dina zurück nach Schowka, wo nur noch 170 Juden lebten. Die anderen 4 330 waren den Deutschen zum Opfer gefallen. Doch auch für die Überlebenden war bald kein Platz mehr im Dorf, da die Ukrainer damit anfingen, die Juden zu vertreiben. Erneut musste Dina die Flucht antreten. Kascha schenkte dem ehemaligen Nachbarn der Familie, Herrn Mehlmann, einen Sack Mehl, damit er Dina mit nach Schlesien nehmen würde. Herr Mehlmann brachte Dina im Anschluss an die Flucht in einem Waisenhaus unter.

Auch dort lebte Dina nicht lange. Ihr Onkel holte sie ab und nahm sie mit nach Lignitz. Vor ihrer Überfahrt nach Israel verbrachte Dina Schweizer noch zwei Jahre in Europa. Von Tschechien ging es über Österreich schlussendlich nach Deutschland.


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Auf einem ehemaligen Kriegsschiff, das zu einem Flüchtlingsschiff für rund 5 000 Passagiere umgebaut wurde, sollte Dina nach Israel gelangen. Doch die Reise auf der Exodus war erneut mit Strapazen verbunden. „Im Dunkeln ist das Schiff illegalerweise aus dem Hafen von Marseille herausgefahren. In englischen Gewässern wurde es dann von englischen Schiffen umringt. Nach kurzem Kampf ergab sich unser Kapitän. In Haifa wurden nur die verwundeten Passagiere an Land gebracht, die restlichen mussten zurück nach Deutschland in die englische Zone“, bezeugt Dina ihre misslungene Flucht nach Isreal. „Der Aufenthalt in dieser Zone war für viele Erwachsene eine grausame Erfahrung. Der Stacheldraht erinnerte sie an die Konzentrationslager der Nazis.“

In Deutschland wurde Dina in einem Lager für Displaced Persons geführt. Diese Lager wurden von den Amerikanern geleitet. 1949 ging Dinas Wunsch der Überreise nach Israel schließlich in Erfüllung. Zusammen mit ihrem Onkel wanderte sie nach Israel aus, wo sie noch den ersten Unabhängigkeitstag des neu gegründeten Staats erleben und feiern konnte.