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Astrid Lulling im Porträt: Der Abschied der „Bienenkönigin“
Ein Leben für die Politik: Astrid Lulling war fast 50 Jahre lang auf der europäischen Bühne aktiv.

Astrid Lulling im Porträt: Der Abschied der „Bienenkönigin“

Foto: Charles Caratini
Ein Leben für die Politik: Astrid Lulling war fast 50 Jahre lang auf der europäischen Bühne aktiv.
Politik 5 Min. 24.05.2014

Astrid Lulling im Porträt: Der Abschied der „Bienenkönigin“

Mit Astrid Lulling tritt ein wahres Urgestein von der politischen Bühne ab. Nach 25 Jahren als gewählte Europaabgeordnete kannte sie die parlamentarischen Gepflogenheiten in Straßburg aus dem Effeff. Und auch mit fast 85 Jahren verlässt sie das politische Parkett nicht ganz freiwillig.

(DS) - Mit Astrid Lulling tritt ein wahres Urgestein von der politischen Bühne ab. Nach 25 Jahren als gewählte Europaabgeordnete kannte sie die parlamentarischen Gepflogenheiten in Straßburg aus dem Effeff. Und auch mit fast 85 Jahren verlässt sie das politische Parkett nicht ganz freiwillig.

„Die Stimme von Astrid Lulling wird auch dann noch gehört, wenn die Verstärkeranlage ausfällt“, meinte unlängst ihr liberaler Kollege Charles Goerens augenzwinkernd, allerdings nicht ohne vorher unterstrichen zu haben, dass die EVP-Abgeordnete im Straßburger Parlament einiges Gewicht hatte. Ein andere Kollege resümiert humorvoll: „Ah, non, Astrid ne passe pas inaperçue.“

Bunte Bienenkönigin

Neben ihrer sehr tragfähigen Stimme, mit der sie sich auch dann noch mühelos bemerkbar machen kann, wenn es im Plenarsaal mal etwas angeregter zugeht, sticht sie auch rein optisch aus der Masse der Parlamentarier heraus. Astrid Lulling liebt es bunt. Das schlichte graue Kostüm ist nicht ihr Ding, auch nicht mit fast 85 Jahren. Wer Lulling auf den langen Fluren des EU-Parlaments kreuzt, der sieht sie auch.

Ihrem oft extravaganten Outfit hat sie übrigens auch ihren Spitznamen zu verdanken: Zur „Bienenkönigin“ wurde sie, als sie sich in einem eigens angefertigten Kleid mit Bienenaufdruck im Plenum für die Zukunft der Bienen stark machte, mit Erfolg übrigens, und das lange bevor die Umweltverbände das Schicksal dieser nützlichen Insekten für sich entdeckt hatten.

Die Jüngste von allen

Lulling wird am 11. Juni 1929 als Tochter eines Stahlarbeiters in einfachen Verhältnissen in Schifflingen geboren. Ihre beiden Brüder fallen im Krieg, sie studiert Volkswirtschaft in Saarbrücken. Politik sollte zu ihrem Leben werden.

Astrid Lulling hat sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene alle Höhen und Tiefen der Politik erlebt.
Astrid Lulling hat sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene alle Höhen und Tiefen der Politik erlebt.
Foto: LW-Archiv

Ihre Karriere verlief nicht unbedingt gradlinig. 1965 zieht sie zum ersten Mal ins nationale Parlament ein, damals allerdings noch für die sozialistische Partei. Im gleichen Jahr gibt sie auch ihr Debüt ins Straßburg. Damals war sie die jüngste EU-Abgeordnete und eine von zwei Frauen auf dem EU-parlamentarischen Parkett. O-Ton Lulling: „Damals gab es noch nicht einmal eine Frauentoilette.“ Gewählt wurde das Parlament zu der Zeit noch nicht, die Volksvertreter wurden von ihren jeweiligen Parteien nach Straßburg entsandt. Lulling blieb bis 1974. Bis sie 1989 wieder als gewählte Volksvertreterin dorthin zurückkehrte, verlor sie das Europaparlament nie aus den Augen.

Bewegtes politisches Leben

Zuvor hatte sie allerdings ihre eigene Partei gegründet, bevor sie schließlich ihre endgültige politische Heimat bei der CSV fand. Als politischer Opportunismus will sie ihren Wechsel unter keinen Umständen verstanden wissen. „Die Sozialisten haben mich 1971 aus der Partei ausgeschlossen. Was heißt, dass ich die LSAP nicht freiwillig verlassen habe. Anschließend habe ich die Sozialdemokratische Partei gegründet. Doch die SDP hatte leider nicht den erhofften Erfolg. Nach deren Auflösung wusste ich nicht so recht, welcher Partei ich mich anschließen sollte. Am Ende landete ich bei der CSV. Ich möchte aber betonen, dass ich nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe. Wie viele meiner Parteikollegen übrigens auch nicht,“ so Lulling 2010 gegenüber der Revue.

1970 wird sie Bürgermeisterin in Schifflingen und behält dieses Amt bis 1985. Im Gemeinderat sitzt sie bis ins Jahr 2000.

Begonnen hatte Lulling ihre politische Karriere als Sekretärin beim „Lëtzebuerger Aarbechter-Verband“, dem Vorgänger des OGBL. Als Gewerkschaftssekretärin hatte sie auch 1952 an der ersten Sitzung des Europäischen Parlaments teilgenommen, das damals noch unter dem Namen „Gemeinsame Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ firmierte.

Politikerin und Bloggerin

Eines ihrer großen Themen in Straßburg ist die Landwirtschaft, was natürlich auch ihre Liebe zu den Bienen erklärt. In dem komplizierten Dossier der Gemeinsamen Agrarpolitik behält sie stets den Überblick. Die Bauern wissen ihr hartnäckiges Engagement zu schätzen: „Astrid Lulling hat in all den Jahren viel für die Landwirtschaft getan“, resümiert Marc Fisch, Präsident der Bauernzentrale.

Glaubt man ihren Weggefährten, so gehört Lulling nicht nur zu den meinungs- und lautstärksten, sondern auch zu den einflussreichsten Abgeordneten im Europäischen Parlament.
Glaubt man ihren Weggefährten, so gehört Lulling nicht nur zu den meinungs- und lautstärksten, sondern auch zu den einflussreichsten Abgeordneten im Europäischen Parlament.
Foto: Anouk_Antony

Als Vorsitzende der „Interparlamentarischen Arbeitsgruppe Wein“ behielt sie auch stets die Interessen der Luxemburger Winzer im Auge. Ein anderes Thema sind die Frauenrechte. Insgesamt viermal stand sie dem nationalen Frauenrat vor, ab 1989 war sie zehn Jahre lang Präsidentin des „Centre européen du Conseil international des femmes“.

Als als wären all diese Ämter und Mandate noch nicht genug, stürzt sich die umtriebige Politikerin trotz ihres fortgeschrittenen Alters recht früh in die neuen Medien. Seit 2009 betreibt sie ihren eigenen Blog, sie ist munter auf Facebook und auf Twitter unterwegs, ihre Videos stellt sie auf Youtube. Auf dem offenen Kanal Doc läuft seit Jahren ihre Sendung Astrid Lulling TV. Besonders die Serie „Lëtzebuergesch léiere mam Astrid a Jérôme Lulling“ hat mittlerweile Kultstatus.

Nicht ganz freiwilliger Abschied

Nach den Europawahlen vom 25. Mai soll nun Schluss sein. Ganz freiwillig kehrt Lulling dem Politzirkus den Rücken allerdings nicht zu. Und wie so oft in ihrem Leben nimmt die streitlustige Politikerin auch diesmal kein Blatt vor den Mund. In einem Interview mit der Zeitung Quotidien erklärt sie: „Ich fühle mich mehr gedemütigt als traurig.“ Dass sie ausgerechnet gegen ihre ewige Widersacherin Viviane Reding den Kürzeren zieht, dürfte ihr besonders sauer aufgestoßen sein.

Doch die „bête politique“ gibt nicht auf. Am 17. April verabschiedet sich Astrid Lulling mit folgenden Worten aus dem Parlament: „Aber das ist meine letzte Rede hier im Parlament. Seit 1965 war ich da ..., aber vielleicht werde ich 2019 nochmals kandidieren, sodass das vielleicht kein definitiver Abschied ist.