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Artenvielfalt in Luxemburg in Gefahr
Politik 3 Min. 17.05.2021

Artenvielfalt in Luxemburg in Gefahr

Luxemburg verfügt im Verhältnis zu seiner landwirtschaftlichen Fläche über den vierthöchsten Viehbestand in der Europäischen Union.

Artenvielfalt in Luxemburg in Gefahr

Luxemburg verfügt im Verhältnis zu seiner landwirtschaftlichen Fläche über den vierthöchsten Viehbestand in der Europäischen Union.
Foto: Jos Hertz
Politik 3 Min. 17.05.2021

Artenvielfalt in Luxemburg in Gefahr

Marc HOSCHEID
Marc HOSCHEID
Um die Biodiversität im Großherzogtum ist es schlecht bestellt. Eine erhebliche Mitschuld daran trägt laut einer Studie die Landwirtschaft.

Wer über Luxemburgs Felder wandert, hört seit einiger Zeit eine Stimme weniger im Chor der Vögel, das Braunkehlchen gilt hierzulande nämlich seit vergangenem Jahr als ausgestorben. Und dieses Schicksal könnte noch eine ganze Reihe anderer Vogel- und Tierarten ereilen, wenn sich in der Landwirtschaft nicht etwas grundlegendes ändert. Zu dieser Feststellung kommt eine Studie, die vom Observatoire de l'environnement naturel in Auftrag gegeben und am Montag präsentiert wurde.

Laut Nadja Kasperczyk vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) aus der Schweiz sind 68 Prozent der natürlichen und naturnahen Habitate im Großherzogtum in einem unzureichenden oder schlechten Zustand. Lediglich 16 Prozent der Grünlandhabitate befinden sich in gutem Zustand und 83 Prozent der wildlebenden Tier- und Pflanzenarten, Vögel nicht einbegriffen, sind hingegen in einem schlechten Erhaltungszustand. 

Positiver Trend beim Rotmilan 

Frappant ist der Rückgang bei den Brutpaaren mehrerer typischer Feldvogelarten. Gab es 1980 noch 3.400 bis 4.200 Steinkauzpaare, waren es 2019 nur noch zwischen 20 und 30. Beim Rebhuhn ist es ein Rückgang von 330 auf zehn bis 20 Paare. Lediglich beim Rotmilan ist der Trend positiv, hier stieg die Zahl von zwölf im Jahr 1980 auf 63 bis 66 in 2019. Dabei handelt es sich laut Kasperczyk um „eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes“. Als größte Gefahrenquellen für die Biodiversität werden eine intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf Ackerland genannt. 

Doch nicht nur mit Blick auf die hiesige Flora und Fauna ist die Situation bedenklich. Auch der ökologische Zustand der 98 natürlichen Oberflächengewässer besteht noch reichlich Luft nach oben. Ein Fünftel befindet sich in einem schlechten, 23 Prozent in einen unbefriedigenden und 51 Prozent in einem mäßigen Zustand. 

Ausstoß von Treibhausgasen stabil

Mit Blick auf den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase wie Methan und Lachgas, für den in erster Linie die Landwirtschaft durch die Nutzung von Böden und die Verdauung von Wiederkäuern verantwortlich zeichnet, ist zu beobachten, dass die Werte seit 1990 stabil sind. Laut Kasperczyk ist das aber kein gutes Zeichen, denn „in allen anderen EU-Staaten sind diese Emissionen im Schnitt um 20 Prozent zurückgegangen“

Neben einer Bestandsaufnahme lieferten die Wissenschaftler aber auch eine Bestandsaufnahme mit Lösungsansätzen. Diese sollen in den Strategieplan einfließen, den die Regierung im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für den Zeitraum zwischen 2021 und 2028 nach Brüssel schicken wird. So müssten auf 30 Prozent der Grünlandflächen und 25-30 Prozent des Ackerlandes ökologisch wirksame Maßnahmen realisiert werden.  

Der Präsident des Observatoriums für Umwelt François Benoy (Déi Gréng) zusammen mit den Agronomen Dr. Rainer Oppermann und Nadja Kasperczyk (v.l.n.r.).
Der Präsident des Observatoriums für Umwelt François Benoy (Déi Gréng) zusammen mit den Agronomen Dr. Rainer Oppermann und Nadja Kasperczyk (v.l.n.r.).
Foto: Guy Jallay

Dr. Rainer Oppermann vom Institut für Agrarökologie und Biodiversität aus Mannheim präsentierte drei Szenarien für die grundsätzliche Ausgestaltung der sogenannten Eco-Schemes. Diese könnten entweder aus einer Vielzahl frei kombinierbarer Einzelmaßnahmen, einer punktebasierten Gemeinwohlprämie oder einer deutlich anspruchsvolleren Landschaftspflegeprämie bestehen. 

Bauern oft verschuldet 

Als weiterer Ansatzpunkt wird ein Entschuldungsprogramm ins Spiel gebracht. Viele Bauern hätten in den für die Studie geführten Interviews angegeben, dass sie in einer Schuldenfalle steckten. Als Auflage für staatliche Hilfen müsse der Betrieb jedoch anschließend extensiv bewirtschaftet werden. Die Urheber der Studie betonten mehrfach, dass es nicht darum gehe die Bauern an den Pranger zu stellen. Vielmehr müsse man neue Perspektiven für die Landwirtschaft schaffen, beispielsweise durch eine höhere Wertschätzung für die Lebensmittelproduktion.


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„Weiter wie bisher ist keine Option“, meinte Jacques Pir, Mitglied des Observatoriums für Umwelt. Wachstum dürfe künftig nicht mehr die Basis der Subsidienpolitik ausmachen, denn dies führe nur zu einer Exportorientierung des Agrarsektors. „Wir wollen eine Transition hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft.“ 


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