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Arbeitsmarkt: In welcher Sprache unterhalten Sie sich im Job?
Politik 3 Min. 04.04.2017

Arbeitsmarkt: In welcher Sprache unterhalten Sie sich im Job?

Bérengère BEFFORT
Französisch, Luxemburgisch oder Englisch? Welche Sprache beeinflusst Ihren Alltag? In einem neuen Strategiepapier will die Regierung die luxemburgische Sprache aufwerten. Die Realität des Arbeitsmarkts ist aber facettenreich.

(BB) - Mit einem neuen 20-Jahresplan will die Regierung die luxemburgische Sprache fördern. Doch angesichts der Sprachenvielfalt auf dem Arbeitsmarkt fragt sich: Wer wird tatsächlich davon profitieren?  Und ist das Vorhaben kohärent?

„Wenn wir erwarten, dass Ausländer unsere Sprache lernen, wenn wir sagen, dass Luxemburgisch aufgewertet werden soll, dann sollten wir uns auch fragen, wieso wir die Sprache nicht selbst in unserem Bildungssystem richtig lernen“, sagt Fernand Fehlen. Der Soziologe und Forscher der Uni Luxemburg wirbt seit Jahren für eine neue Gewichtung im schulischen Sprachunterricht. In seinen Studien beleuchtet er die Entwicklung des Luxemburgischen als Kultursprache, aber auch die Realität des Arbeitsmarktes und deren Vielfalt. Sprachliche Ideale sind nicht von den pragmatischen Anforderungen der Berufswelt zu trennen.

Luxemburgisch als eine von vielen Ressourcen

Die luxemburgische Sprache ist eine Ressource, so Fehlen. Sie verschafft Vorteile zu bestimmten Berufsbereichen, besonders zum öffentlichen Dienst. Vor ein paar Jahrzehnten hatte Luxemburgisch noch keinen solch hohen Stellenwert.

Der heutige Arbeitsmarkt beruht allerdings auf verschiedenen Anforderungen. Das Erfolgsmodell der Dreisprachigkeit reicht nicht überall aus. Im Finanzwesen, im Hightech-Bereich steht immer öfter Englisch an erster Stelle. Die sprachliche Wirklichkeit ist halt facettenreich – Globalisierung hin oder her.

Mit ihrem Strategiepapier ist die Regierung sozusagen auf einem Auge blind. Luxemburgisch soll zwar offensichtlicher verteidigt werden, doch die angeführten Maßnahmen schrammen an der Realität vorbei.

Was bringt es, mehr Luxemburgisch zu fordern, wenn Finanzakteure ihre Stellenangebote auf Englisch verfassen und mehrsprachige Profile suchen? Und inwiefern ist Luxemburgisch ein Allheilmittel, wenn im Pflegesektor eine Mehrsprachigkeit verlangt wird, weil immer mehr Bewohner von Betreuungsstrukturen aus südeuropäischen Staaten oder dem Balkan gebürtig sind.

Vor allem mehrsprachig: Auf einer Podiumsdiskussion der "Gréng Stëftung" erzählten Betriebschefs und Personalvertreter von der alltäglichen Sprachvielfalt im Job.
Vor allem mehrsprachig: Auf einer Podiumsdiskussion der "Gréng Stëftung" erzählten Betriebschefs und Personalvertreter von der alltäglichen Sprachvielfalt im Job.
Foto: Chris Karaba

„Vor 20 Jahren waren die meisten unserer Heimbewohner Luxemburger. Heute ist die Situation eine völlig andere“, erzählte unlängst Patricia Helbach, Direktionsbeauftragte des Hospice civil in Hamm, bei einer Podiumsdiskussion der „Gréng Stëftung“. Jeder vierte Kunde sei nun ausländischer Herkunft. Es genüge nicht mehr, Luxemburgisch sprechen zu können.

Und über die Sprache hinaus müsse man sich "auf die Menschen einlassen, ihren Lebensrhythmus und ihre Kultur verstehen wollen“, so Helbach.

Im Strategiepapier der Regierung heißt es, dass die Pflegekräfte und leitende Angestellte belegen müssen, dass sie wenigstens Luxemburgisch und eine zweite der drei offiziellen Amtssprachen beherrschen. Ansonsten könnte das Familienministerium die amtliche Genehmigung der Einrichtung entziehen.

Forcieren bringt nichts

Die hehren Sprachziele verkennen allerdings die alltägliche Praxis. Eine Sprache lässt sich nicht so einfach auferlegen. Sie muss im Alltag gelebt und mit Erfahrungen in Verbindung gebracht werden. Wenn die Politik etwas von oben herab diktiere, sei das für die Leute auf dem Terrain wenig verständlich, berichten Vertreter des Gesundheits- und Pflegesektor.

Eine zu sture Herangehensweise klappt auch nicht, weil viele Mitarbeiter bereits ein hohes Arbeitspensum bewältigen müssen. Zusätzliche Sprachkurse nach den Arbeitsstunden sind schwer zu bewerkstelligen.

Auf der Podiumsdiskussion schilderte ABBL-Sprecher Philippe von Restorff: „52 Prozent der Mitarbeiter des Finanzplatzes sind Grenzgänger. Sie nehmen lange Anfahrtswege in Kauf, sie belegen etliche fachliche Weiterbildungskurse und im Beruf verständigen sie sich permanent auf Englisch oder Französisch, so dass sie kaum dazu kommen, Luxemburgisch zu lernen und zu sprechen.“

Nun hat die Regierung klargestellt, dass die 40-Punkte-Liste lediglich eine Vorlage ist. Nähere Ziele werden der neue Regierungskommissar und das neu zu schaffende Zentrum für die luxemburgische Sprache ausarbeiten. Der Abgeordnete Claude Adam (Déi Gréng) gibt dennoch zu bedenken: „Wir sollten uns nicht auf etwas reduzieren, was wir nicht sind. Unsere Sprachvielfalt ist unser Reichtum. Der Wunsch, die luxemburgische Sprache aufzuwerten, ist berechtigt, allerdings sollten wir uns nicht ärmer machen als wir es sind“.

„Wir sollten das alles nicht zu eng sehen“, so auch das Fazit von Patricia Helbach.


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