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"An geregelten Unterricht ist nicht zu denken"
Politik 5 Min. 28.10.2020

"An geregelten Unterricht ist nicht zu denken"

Obwohl die Infektionszahlen steigen, sieht Bildungsminister Claude Meisch (DP) keine Notwendigkeit, an seinem Drei-Stufen-Plan etwas zu ändern.

"An geregelten Unterricht ist nicht zu denken"

Obwohl die Infektionszahlen steigen, sieht Bildungsminister Claude Meisch (DP) keine Notwendigkeit, an seinem Drei-Stufen-Plan etwas zu ändern.
Foto: DPA
Politik 5 Min. 28.10.2020

"An geregelten Unterricht ist nicht zu denken"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Bildungsminister Claude Meisch (DP) ist um Beschwichtigung bemüht, doch die Infektionslage in den Schulen ist besorgniserregend, unabhängig davon, ob sich inner- oder außerhalb der Schule angesteckt wird.

Die Infektionslage in den Schulen ist besorgniserregend. Immer mehr Schüler und Lehrer stecken sich mit dem Corona-Virus an oder müssen in Quarantäne. Die Folge: Es fehlt an Lehrern, weshalb die Regierung ein Gesetz auf den Weg bringen musste, über das am Mittwoch abgestimmt wird und das die Rekrutierung von Schul- und Aufsichtspersonal vorsieht. 

Des Weiteren werden immer mehr Schüler, die zu Hause bleiben müssen, per Video zugeschaltet, wenn sie denn überhaupt in der Lage sind, am Unterricht teilzunehmen. Und wenn sie das wollen - gezwungen werden können die Schüler dazu nicht. An einen geregelten Ablauf ist in den meisten Klassen jedenfalls gar nicht mehr zu denken


Lokales, Rentrée Scolaire, Erster Schultag, Schule, Schüler Grundschule Sassenheim, Foto: Guy Wolff/Luxemburger Wort
Luxemburgs Schulen kurz vor dem Kollaps
In den Schulen spitzt sich das Infektionsgeschehen zu. Der Ruf nach zusätzlichen Maßnahmen wird immer lauter.

Es ist eine Belastung für Lehrer und Schüler. Die Situation ändert quasi stündlich. Für die Lehrer bedeutet das, dass sie zweigleisig fahren müssen, wie eine Sekundarschullehrerin dem „Luxemburger Wort“ erklärt. „Jeden Abend muss man sich erkundigen, welche Schüler fehlen, damit man weiß, wen man aus welcher Klasse kontaktieren und am nächsten Morgen zum Unterricht zuschalten muss.“  

Zweigleisig fahren

Ein Unterricht unter diesen Bedingungen ist kein normaler Unterricht, weder für die Schüler, noch für die Lehrer. Die Lehrer müssen darauf achten, dass sowohl die Schüler in der Klasse als auch die zu Hause alles mitbekommen: visuell und akustisch. Da muss natürlich auch die Technik mitspielen. 

„Wir bewegen uns an der Grenze des Machbaren“, sagt die Lehrerin. Viele Lehrer seien psychisch und physisch am Limit. Sie fände es besser, für eine oder zwei Wochen komplett auf Homeschooling umzuschalten, zumindest auf den oberen Klassen, wo das Virus am stärksten zirkuliere. Auch, „damit, sich alle mal wieder ein bisschen sammeln können.“

Jeden Abend muss man sich erkundigen, welche Schüler fehlen, damit man weiß, wen man aus welcher Klasse kontaktieren und am nächsten Morgen zum Unterricht zuschalten muss.

Eine Sekundarschullehrerin

Vorteile des Homeschooling

Die Vorteile liegen auf der Hand: Es geht ruhiger und geordneter zu, weil alle im Homeschooling sind, und es reduziert die Kontakte in den Schulen, Bussen und Kantinen. Man verringert die Gefahr, dass Lehrer ausfallen und braucht im Umkehrschluss weniger Ersatzpersonal. Bildungsminister Claude Meisch (DP) ist anderer Meinung, wie er rezent im RTL-Abendjournal meinte. Er geht davon aus, dass die Kontakte zwischen den Schülern eher noch steigen, wenn sie zu Hause sind, weil sie „freier“ sind.

Das hält die Lehrerin für Unsinn. Zum einen hätten die Schüler auch so Kontakt zu anderen, sei es im Verein, im Sport, in den Schulkantinen, wo sie immer noch in Zehnergruppen zusammensitzen können, im Bus oder bei Familienfeiern. Das Argument greife auch deshalb nicht, weil ab dieser Woche die Freiheiten, und damit auch die privaten Kontakte, mit dem neuen Covid-Gesetz weiter eingeschränkt werden, so die Lehrerin.

Warten auf das Ergebnis

Für Chaos und Verunsicherung sorgt auch der Umstand, dass die Hälfte der Infektionen nicht einwandfrei zurückverfolgt werden können und dass die getesteten Schüler und Lehrer oft tagelang auf ihr Ergebnis warten müssen. Die Ungewissheit belaste die Schüler und das wiederum habe Auswirkungen auf ihre Leistungs- und Aufnahmefähigkeit, sagt die Lehrerin. Sie plädiert für ein separates Testverfahren für Schüler und Lehrer mit schnellen Ergebnissen statt über den herkömmlichen schwerfälligen administrativen Weg. Man könnte in jeder Schule eine Art „Permanence“ einrichten, wo Lehrer und Schüler jederzeit hingehen können, um sich testen zu lassen, schlägt die Lehrerin vor.

Warum wird das Homeschooling nicht angewandt?

Das Homeschooling auf den oberen Klassen ist ein Instrument des sanitären Konzepts, auf das die Schulen jederzeit zurückgreifen können. Auch präventiv. Doch sie tun es nicht, obwohl es viele Vorteile hätte. Warum? Frage an Jean Theis, den Präsidenten des Collège des directeurs im Secondaire. 


In den Schulen fehlt es coronabedingt an Personal.
Schulpersonal händeringend gesucht
Am Mittwoch stimmt das Parlament über einen Gesetzesentwurf ab, der es dem Bildungsministerium ermöglicht, zusätzliches Schulpersonal zu rekrutieren. Hintergrund ist der coronabedingte Lehrermangel.

Das Homeschooling sei sehr wohl eine Alternative, könne den Präsenzunterricht aber nicht ersetzen, sagt der Direktor des Escher Lycée Hubert Clément am Mittwoch auf Nachfrage des „Luxemburger Wort“. Seiner Erfahrung nach habe sich die Notwendigkeit bis jetzt - auch in seiner Schule - nicht ergeben. Bei der Videokonferenz am vergangenen Donnerstag mit Bildungsminister Claude Meisch und den anderen Schuldirektoren habe es keine Wortmeldungen in diese Richtung gegeben. 

Es ist eine mögliche Piste, aber momentan gibt es niemanden, der diese Möglichkeit so direkt als Lösung ins Auge gefasst hat.

Jean Theis, Präsident des Collège des directeurs im Secondaire, über Online-Schooling

Auf das Homeschooling zurückzugreifen, macht Jean Theis zufolge erst Sinn, wenn man feststellen würde, dass sich Infektionsketten in den Schulen bilden, „wenn wir uns also quasi im Szenario 3 befinden, beziehungsweise, wenn so viele Lehrer ausfallen, dass der Präsenzunterricht nicht mehr aufrechterhalten werden kann“, so Jean Theis mit Verweis auf das ECG. 

Doch warum nicht präventiv auf das Online-Schooling zurückgreifen, damit es gar nicht erst so weit kommt? Jean Theis zögert. „Es ist eine mögliche Piste, aber momentan gibt es niemanden, der diese Möglichkeit so direkt als Lösung ins Auge gefasst hat.“

SEW/OGBL schlägt Alarm

Unterdessen schlägt auch die Gewerkschaft SEW/OGBL Alarm, die sowohl Lehrer im Grundschul- als auch im Sekundarschulwesen vertritt. In einer am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung spricht die Gewerkschaft von einem albtraumähnlichen Chaos in den Schulen und einer kompletten Desorganisation wegen fehlender Klarheit bei den Prozeduren und wer auf welcher Ebene weisungsberechtigt ist. Die Kommunikation zwischen der Santé und dem Bildungsministerium klappe nicht, Lehrer würden zu spät oder gar nicht über Fälle informiert. Kurzum: ein totales Chaos, in dem jede Direktion versuche, die Dinge auf ihre Art und Weise zu regeln, was wiederum zu noch mehr Konfusion führe.

Die Gewerkschaft fordert den Bildungsminister auf, umgehend ein Treffen mit allen Schulpartnern zu organisieren und auf sie zu hören, um zu verhindern, dass die Schulen in den kommenden Wochen im Chaos versinken.

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