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AMMD: Gesundheitssystem ist in der Krise
Politik 3 Min. 29.01.2020 Aus unserem online-Archiv

AMMD: Gesundheitssystem ist in der Krise

Die Ärzteschaft reibt sich vor allem am Sozialminister, der ihnen und ihren Lösungsvorschlägen wenig Achtung entgegenbringt.

AMMD: Gesundheitssystem ist in der Krise

Die Ärzteschaft reibt sich vor allem am Sozialminister, der ihnen und ihren Lösungsvorschlägen wenig Achtung entgegenbringt.
Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 29.01.2020 Aus unserem online-Archiv

AMMD: Gesundheitssystem ist in der Krise

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Die Ärztevereinigung AMMD zieht Zwischenbilanz im Gesundheits- und Sozialwesen und stellt Forderungen.

Am kommenden Dienstag übergibt Gesundheitsminister Etienne Schneider (LSAP) den Schlüssel seines Ministeriums an Paulette Lenert. Da es nicht üblich ist, dass der Minister während einer Legislatur wechselt, lud die Ärztevereinigung AMMD am Mittwoch zur Zwischenbilanz. Sie sieht das Gesundheitssystem in der Krise und stellte die Maßnahmen vor, wie es wieder fit gemacht gemacht werden kann.

AMMD-Präsident Alain Schmit schilderte zunächst das Krankheitsbild: Für Patienten wird es immer schwieriger, einen Arzttermin zu bekommen; Der legale Rahmen bremst den medizinischen Fortschritt aus; Die Krankenhausmedizin wird immer unattraktiver für Patienten und Ärzte; Die Patienten verstehen immer weniger die Rolle des Hausarztes; Die Präventivmedizin steckt in den Kinderschuhen; Das Projekt des elektronischen Patientendossiers (DSP) steht auf wackligen Füßen; Die akademische Ausbildung an der Uni.lu muss dringend ausgebaut werden.

Etienne Schneider hat die Probleme erkannt


(de g. à dr.) Marie-Lise Lair, auteur de l'étude ; Étienne Schneider, Vice-Premier minister, ministre de la Santé
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Die im Dezember 2018 in Auftrag gegebene Studie zur Situation der Mediziner und Gesundheitsberufe in Luxemburg zeigt: Langfristig ist sie besorgniserregend. Die Abhängigkeit vom Ausland ist enorm.

Positiv bewertet die AMMD, dass Etienne Schneider sich bemühte, die Probleme zu verstehen, wie den Ärztemangel, die schon existierende Zwei-Klassen-Medizin, den rigiden administrativen Rahmen oder auch die problematische Monopolstellung der Spitäler. "Der Minister hat auch anerkannt, dass ein Ausbau der ambulanten Medizin außerhalb der Krankenhäuser sinnvoll wäre", sagte AMMD-Generalsekretär Guillaume Steichen.  

Als positiv sah er auch, dass Sozialminister Romain Schneider (LSAP) die Notwendigkeit anerkannte, an einem "Gesundheitstisch" mit allen Akteuren die grundlegenden Probleme zu diskutieren. Der lasse aber auf sich warten und überhaupt hat die AMMD den Eindruck, dass auf Seiten des Sozialministeriums die durchaus richtigen Feststellungen des Gesundheitsministers nicht ernst genommen, gar ausgebremst werden

Sozialminister hält Versprechen nicht 

"In der Nomenklaturkommission ist die versprochene neutrale Neubesetzung noch immer nicht vollzogen", nannte Steichen als Beispiel. Es werde im Sozialministerium auch falsch interpretiert, was im Regierungsprogramm zum Tiers payant steht: Die direkte Kostenerstattung durch die CNS an den Arzt, die vom Sozialminister nun versprochen wird, ist dort so gerade nicht vorgesehen. 

Geärgert hat sich die Ärzteschaft auch über den Umgang mit ihrer Gesundheits-App, wo mit falschen Argumenten seitens des Sozialministeriums versucht wird, eine digitale Lösung für die Kostenerstattung in die Ecke zu drücken. Alles in allem sieht die AMMD einen flagranten Mangel an Achtung und Beachtung der Ärzteschaft und ihrer Lösungsvorschläge.

Gruppenpraxen für Hausärzte werden nicht unterstützt

Dazu gehören neben der Gesundheits-App auch die Stärkung der Hausärzte, wo man sich schon vor zwei Jahren mit dem Gesundheitsministerium auf die Einrichtung von Gruppenpraxen geeinigt hat, die entsprechende Finanzierung durch die CNS aber noch immer fehlt. Auf dem Tisch liegt zudem das Modell eines vernetzten Gesundheitssystems, in dem ambulante Strukturen zwischen den Arztpraxen und der Krankenhausversorgung angesiedelt werden. 


8.2.IPO / ITV AMMD / Association des Medecins et Medecins-Dentistes / Alain Schmit Foto:Guy Jallay
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Solche Strukturen sollen sich nicht, wie die Spitäler über ein mit der CNS ausgehandeltes Budget finanzieren, sondern über ihre Aktivitäten - so wie es in den Arztpraxen auch der Fall ist. Dafür müsse die Zusammenarbeit der Ärzte erleichtert werden und ein gesetzlicher Rahmen für "Sociétés de médecins" geschaffen werden

Übergang von ambulant zu stationär vereinfachen

"Diese juristischen Einheiten dienen als Ansprechpartner für Krankenhäuser und Institutionen und sie garantieren die "continuité des soins" der Patienten", erklärte Schmit. Ärzte könnten dort angestellt werden oder freischaffend arbeiten. "Das kommt vielen jungen Ärzten  entgegen, die lieber die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses haben wollen." Insgesamt soll so die Krankenhausmedizin in Luxemburg wieder attraktiver gestaltet werden

   

Wir wollen keine Spaltung zwischen Krankenhäusern und Praxen und sicherstellen, dass die Krankenhäuser immer genug Ärzte zur Verfügung haben.

Alain Schmit

 


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Konkurrenz zu Krankenhäusern soll nicht entstehen - ganz im Gegenteil. "Wir wollen keine Spaltung zwischen Krankenhäusern und Praxen und wollen sicherstellen, dass die Krankenhäuser immer genug Ärzte zur Verfügung haben. Deswegen sollen in den Verwaltungsräten der ambulanten Strukturen die Krankenhäuser vertreten sein", sagte Schmit. 

Private Financiers soll es jedenfalls nicht geben, die ambulanten Strukturen, in denen auch operiert werden soll, sollen aber auch keine Antennen von Krankenhäusern werden. "Sonst wird alles wieder zu schwerfällig." Das Personal dort soll aber dem Kollektivvertrag des Spitalwesens unterliegen.

    


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ag