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Alarmierende Jugendarmut in Luxemburg
Jeder fünfte junge Berufsanfänger ist der Armut ausgesetzt.

Alarmierende Jugendarmut in Luxemburg

Guy Jallay
Jeder fünfte junge Berufsanfänger ist der Armut ausgesetzt.
Politik 3 Min. 31.01.2019

Alarmierende Jugendarmut in Luxemburg

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Luxemburg hat in der EU den zweit höchsten Anteil an Jugendlichen zwischen 18 und 24, die trotz Arbeit von Armut bedroht sind. Darüber debattierten am Donnerstag die Abgeordneten.

Nur in Rumänien sind die jungen Berufsanfänger noch schlechter gestellt: Mit 20 Prozent jungen Erwerbstätigen, die trotz Arbeit dem Armutsrisiko ausgesetzt sind, kommt Luxemburg auf Platz 2 - 28,2 Prozent sind es in dem osteuropäischen Land, elf Prozent im Schnitt in der EU im Jahr 2017. Seit 2012 hat sich die Quote quasi verdoppelt, zwischen 2016 und 2017 hat sie um fast acht Prozent zugenommen. Mit diesen Fakten, die vergangene Woche bekannt wurden, befassten sich die Abgeordneten auf Antrag der Grünen am Donnerstag.

Die jüngste Abgeordnete - Djuna Bernard von den Grünen - ergriff als Erste das Wort und wies darauf hin, dass man die Studie relativieren müsste: "Einer von fünf ist, egal wie man es sieht, alarmierend. Aber wir haben auch das bei Weitem höchste Medianeinkommen in Europa, es sind die Sozialleistungen nicht mit berücksichtigt und auch nicht die Erhöhung des Mindestlohns, die die Regierung in die Wege geleitet hat." Viele junge Menschen wohnten auch noch zu Hause bei den Eltern - die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen - und hätten entsprechend niedrige Lebenskosten. Dennoch: "Es muss unsere Aufgabe sein, den jungen Menschen Perspektiven auf einem fairen Arbeitsmarkt zu geben." 

"Es ist schon viel passiert"

Auch Carole Hartmann (DP) relativierte die Studie, zumal angesichts des starken Anstiegs binnen eines Jahres. Die Stichprobe mit rund 200 Personen sei sehr klein und dadurch volatil. Aber auch sie sah Handlungsbedarf: "Die Wirtschaft dreht, der Arbeitsmarkt boomt und es werden viele Arbeitsplätze geschaffen. Aber es geht noch lange nicht jedem gut - nicht jedem erlaubt die Arbeit ein dezentes Wohnen und Leben trotz Sozialleistungen." Es gebe nicht eine Lösung, damit sich die Situation verbessert und es sei schon viel geschehen: Die Steuerreform, 20 Stunden gratis Kinderbetreuung, gestiegene Teuerungszulage und jetzt noch den höheren Mindestlohn sowie den gratis Transport. "Das hilft jungen Leuten, besser über die Runden zu kommen", zeigte sie sich überzeugt.

Es müsse unbedingt noch mehr getan werden, forderte dagegen Marc Spautz (CSV), besonders bei den schlecht bis nicht bezahlten Betriebspraktika. Es brauche mehr soziale Mietwohnungen und Wohnraum für junge Menschen, die nicht mehr zu Hause wohnen können oder wollen, die "Maison de l'Orientation" müsse neu aufgestellt werden und es müsse mehr unbefristete Arbeitsverträge für die jungen Berufsanfänger geben. Auch von einer Aufwertung der Berufsausbildung und des Handwerks versprach er sich viel.

Unter 25-Jährige können nicht vom Revis profitieren

Während für Fernand Kartheiser (ADR) das Problem strukturell angegangen werden müsste, indem das Niveau der Schulbildung nicht herabgesetzt wird und man vorsichtig mit Auflagen und Bürokratie bei den Klein- und Mittelbetrieben sein müsste, ordnete Marc Baum von den Linken das Problem generell als Phänomen der steigenden Ungleichheiten in der Gesellschaft ein.

"Wir brauchen eine breite Debatte über die Reichtumsverteilung in diesem Land", forderte er. Gerade bei den 18- bis 24-Jährigen sei das Sozialnetz grob gesponnen, sie könnten beispielsweise nicht vom Revis profitieren. Die Forderung, einer tief greifenden Analyse in den Parlamentsausschüssen griff auch der Pirat Sven Clement auf. "Wir müssen über die reden, die aus dem Hotel Mama nicht herauskommen. Das Problem Armut muss viel aktiver angepackt werden. 

"Jedes Ressort ist betroffen"

Für die Regierung ergriffen Arbeitsminister Dan Kersch (LSAP) und Familienministerin Corinne Cahen (DP) das Wort. Kersch sagte ja zu einer tiefen Debatte und sah einen engen Zusammenhang mit der Wohnproblematik. Die Jugendgarantie für junge Leute sei dagegen ein voller Erfolg. Speziell junge Arbeitnehmer profitierten auch von der Erhöhung des Mindestlohns. Für Cahen war klar: "Eine Wohnung allein reicht nicht, es braucht auch eine soziale Begleitung." Sie verwies darauf, dass das Bildungsministerium schon viel mache, damit junge Menschen eine Chance im Berufsleben erhalten und zählte sämtliche Maßnahmen auf, die der Staat an Geld- und Sachleistungen bietet - bis hin zur Kleiderstube.




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