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Ärzte haben die Nase voll
Für jeden zweiten Krankenhausarzt ist Familie und Beruf nicht im Gleichgewicht.

Ärzte haben die Nase voll

Foto: Lex Kleren
Für jeden zweiten Krankenhausarzt ist Familie und Beruf nicht im Gleichgewicht.
Politik 2 Min. 14.06.2018

Ärzte haben die Nase voll

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Eine Umfrage unter Ärzten zeigt: Nur zwei Prozent sind mit dem System, wie es heute funktioniert, zufrieden.

Einer der Befragten einer Umfrage der Ärztevereinigung AMMD beklagt den „totalen Verlust der menschlichen Seite und der Verfügbarkeit für den Patienten“, ein anderer schreibt: „Wir assistieren bei der Zerstörung eines Systems, das einst gut funktionierte“: Die in Luxemburg praktizierenden Ärzte haben die Nase voll vom System, in und mit dem sie arbeiten müssen. Die Nomenklatur, die ausufernde Bürokratie und die steigenden technokratischen und budgetären Überlegungen bei den Entscheidungsträgern sind die Hauptkritiken. Nur zwei Prozent finden, dass es keine Probleme gibt.

Man trägt alle Berufsrisiken und Lasten eines Freiberuflers, um schlussendlich Angestellter der CNS zu sein.

„Wir waren überrascht, wie deutlich die Antworten und auch die Kommentare waren“, sagte AMMD-Präsident Alain Schmit am Donnerstag bei der Vorstellung der Umfrage zu den Herausforderungen, vor die das Gesundheitssystem die Ärzteschaft stellt. „Wenn der Sozialminister öffentlich im Fernsehen sagt, jeder würde sich mit dem System identifizieren, dann schätzt er die Situation falsch ein.“ Von 1 400 angeschriebenen Ärzten haben 636 geantwortet. „So einen Rücklauf habe ich noch nie erlebt“, stellte Carlo Kissen vom Meinungsforschungsbetrieb Quest fest.

Der Beruf wird nicht unbedingt weiterempfohlen

Nach den Belastungen befragt, sagen 88 Prozent, dass die administrative Last zu hoch ist. Einer von zwei der älteren Ärzte empfiehlt denn auch nicht, den Beruf zu ergreifen. Rund 80 Prozent aller geben aber an, eine hohe persönliche Befriedigung aus ihrer Tätigkeit zu ziehen.

Veraltete Nomenklatur eines der Hauptprobleme

Bei den generellen Problemen mit dem Gesundheitssystem stehen der steigende Einfluss rein technokratischer und budgetärer Überlegungen in den Entscheidungsinstanzen (77 Prozent) an erster Stelle.

„Alles sofort und zum günstigsten Preis und das Risiko trägt der Arzt.“


Dass die Nomenklatur, der Leistungskatalog mit den Tarifen oder auch die Gebührenordnung, ein großes Problem darstellt, wurde mittlerweile auch von Sozialminister Romain Schneider (LSAP) anerkannt. Er versprach, dass sie bis Ende des Jahres komplett überarbeitet werden soll. Im Detail sagen die Mediziner zu 69 Prozent, dass sie nicht mehr den Aufwand widerspiegelt, den die Ärzte betreiben, um ihre Patienten gut zu behandeln. Jeder zweite gibt zu, dass er sich verpflichtet fühlt, bewusst oder unbewusst, die Lücken der Nomenklatur zu umgehen, damit die Patienten Zugang zu Kostenerstattungen haben.

Mit anderen Worten: Sie schummeln bei den Tarifen und geben welche an, die ungefähr dem Akt entsprechen, weil sie sonst dem Patienten eine Rechnung schreiben müssten, die er nicht bezahlt bekommt. Kein Wunder also, dass die Gebührenordnung mit 44 Prozent ganz oben auf der Liste der Probleme steht, die die Mediziner mit der CNS haben.

Zu den Faktoren, die den Ärzten das Leben schwer machen, gehört auch der kontrollärztliche Dienst im Sozialministerium. Dort müssen von den Ärzten Genehmigungen für Behandlungen beantragt werden, die den Statuten nach nicht zu den Standardleistungen zählen. Es werden aber auch die Rechnungen kontrolliert. Seit der Reform des Dienstes und einer personellen Aufstockung sind die Klagen gegen Ärzte stark gestiegen, die die Nomenklatur kreativ auslegten.

„Wir brauchen den Dialog über das System, um den Beruf voll zum Nutzen der Patienten ausüben zu können“, wiederholte Schmit die Forderung der Ärzte, die sie schon Anfang April in einem Brief an den Sozialminister geäußert haben, ohne bislang eine Antwort bekommen zu haben. „Es ist seine Verantwortung, Lösungen zu finden.“




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