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14. April 1945: Ende von fünf Jahren Exil: Der Heimflug in das geliebte Land

14. April 1945: Ende von fünf Jahren Exil: Der Heimflug in das geliebte Land

Foto: Collection Marcel Schroeder, Copyright Photothèque VdL
Politik 16 15 Min. 28.04.2015

14. April 1945: Ende von fünf Jahren Exil: Der Heimflug in das geliebte Land

Vor siebzig Jahren brachte eine amerikanische Douglas C-47 Großherzogin Charlotte aus dem Londoner Exil zurück nach Luxemburg. Die Ankunft auf dem Findel am 14. April 1945 wurde zum sichtbaren Ausdruck für die endgültige Befreiung des Landes. Eine Rekonstruktion der Ereignisse.

Vor siebzig Jahren brachte eine amerikanische Douglas C-47 Großherzogin Charlotte aus dem Londoner Exil zurück nach Luxemburg. Die Ankunft auf dem Findel am 14. April 1945 wurde zum sichtbaren Ausdruck für die endgültige Befreiung des Landes. Eine Rekonstruktion der Ereignisse. (Foto: Collection Marcel Schroeder, Copyright Photothèque VdL)

Von Roland Arens

Es ist der 5. September 1944, als Außenminister Joseph Bech seinem Botschafter Hugues Le Gallais in Washington telegrafiert: “Regierung wird London bald verlassen. Stop. Großherzogin wird bald folgen. Stop.” Tatsächlich ziehen fünf Tage später amerikanische Truppen von Süden kommend über die Route de Longwy, der heutigen Avenue du 10 Septembre, in die Hauptstadt Luxemburg ein. Die Menschen jubeln ihren Befreiern zu.

Schon wenige Tage später, am 23. September 1944 ist die Exilregierung um Staatsminsiter Pierre Dupong wieder im Land. Was die Luxemburger damals nicht wussten, und die Regierung wohl bestenfalls ahnte: Bis zur ersehnten Rückkehr der Monarchin aus dem Exil sollte es noch lange sieben Monate dauern. Krieg und Zerstörung werden ins Land einziehen, trotz des Endes der Besatzung.

Als dieses erneute Trauma durch die Ardennen-Offensive und die Bedrohung für das Land Anfang 1945 überwunden scheint, bricht sich erstmals ein Gefühl der Mutlosigkeit unter der Bevölkerung Bann. “Wir hatten lange gedacht, die Großherzogin könnte in diesem Jahr ihren Geburtstag wieder bei uns in Luxemburg begehen”, schreibt das Luxemburger Wort am Feiertag der Monarchin, dem 23. Januar 1945. “Es hat noch nicht sein dürfen.”

Zum ersten Mal fühlten sich die Luxemburger entmutigt und verlassen, schreibt eine Geschichtsstudentin 1991 in ihrer Abschlussarbeit über Großherzogin Charlotte. “Der Sieg ist da, aber nicht die Person, die ihn aus ihrer Sicht verkörpert.” 

“Wir hatten lange gedacht, die Großherzogin könnte in diesem Jahr ihren Geburtstag wieder bei uns in Luxemburg begehen. Es hat noch nicht sein dürfen.” (Luxemburger Wort, 23. Januar 1945)

Seit der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 waren die Vorbereitungen zur Rückkehr der Großherzogin in die Heimat von Hoffnung, aber wohl in ebenso starkem Maß von Vorsicht und Diskretion getragen.

Ob innerhalb der Exilregierung, in den Verhandlungen mit dem US-Militärkommando SHAEF oder innerhalb der großherzoglichen Familie – die Wahl des richtigen Zeitpunkts für die Rückkehr der Großherzogin nach Luxemburg ist eines der immer wiederkehrenden Themen. Die Luxemburger erwarten mit einiger Ungeduld die Rückkehr ihrer geliebten Herrscherin, sagt Staatsminister Pierre Dupong in einem BBC-Interview Ende September 1944. US-Botschafter George Platt Waller berichtet dem “State Department” nach einer Unterredung mit Großherzogin Charlotte, dass die Luxemburger “extrem ungeduldig” würden. Tatsächlich gibt es bereits im September 1944 detaillierte Listen, in welcher Reihenfolge die Minister und die großherzogliche Familie in die Heimat reisen sollen.

Doch für die Amerikaner kommt die Sicherheit der Großherzogin vor dem Hintergrund der militärischen Entwicklung stets an höchster Stelle - aus heutiger Sicht wohl nicht zu Unrecht. Selbst nachdem die Regierung bereits wieder in Luxemburg ist, gibt es Ende September 1944 noch vereinzelte Kämpfe mit deutschen Truppen unweit der Hauptstadt. Am 27. Oktober schreiben Bürgermeister und Schöffenrat der Stadt Luxemburg an die Großherzogin, dass “das Land derzeit noch nicht die unabdingbaren Sicherheitsbedingungen biete, die es erlauben würden, Ihnen eine Rückkehr zu uns empfehlen zu können”.

Es folgt am 16. Dezember 1944 der Beginn der Ardennen-Offensive, die bis Ende Januar 1945 wütet. Am 20. Dezember 1944 drückt US-Präsident Roosevelt, Freund und Mentor der Großherzogin, den Wunsch aus, dass sie nicht nach Luxemburg zurückkehren möge, bevor die Deutschen nicht über das nördliche Rheinufer zurückgedrängt seien.

Erst am 12. März 1945 schreibt General Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Truppen in Europa, dem Luxemburger Regierungschef Pierre Dupong, dass Luxemburg endgültig als befreit gelten dürfe. Der “Rückkehr Ihrer Königlichen Hoheit” stehe mithin nichts mehr im Wege. Erst ab dann laufen, zumindest offziell, die Vorbereitungen für die Reise der Großherzogin von London nach Luxemburg an, wie das Mitteilungsblatt der Regierung vom 31. Mai 1945 notiert. Am Ostersonntag, dem 1. April 1945, kündigt die Monarchin über den Radiosender BBC ihrem Volk selbst ihre baldige Heimkehr an. “In wenigen Tagen werde ich mich auf den so lange ersehnten Heimweg machen. Schon bei dem Gedanken daran schlägt mein Herz schneller.” 

Bis zuletzt wurden Reiseroute und Ankunftszeit der Großherzogin aus Sicherheitsgründen geheimgehalten.
Bis zuletzt wurden Reiseroute und Ankunftszeit der Großherzogin aus Sicherheitsgründen geheimgehalten.
Foto: LW-Archiv

Zwei Wochen später ist alles bereit für die Rückkehr. Dennoch werden Zeitpunkt und Verlauf der Reise bis zuletzt geheim gehalten. Erst am Samstagmorgen des 14. April 1945, wenige Stunden vor der Ankunft der Großherzogin, werden in der Hauptstadt in aller Eile Plakate verteilt, um das bevorstehende Ereignis zu vermelden: “Die Regierung freut sich, ankündigen zu können, dass die Großherzogin heute ankommt. Sie wird zwischen 14 und 16 Uhr erwartet.”

Die Regierung hatte von der US-Militärmission die Erlaubnis erhalten, die Plakate zu drucken, wobei Datum und Uhrzeit aus Geheimhaltungsgründen ausgespart blieben und von Hand eingefügt werden mussten. Erst am Tag selber spricht sich herum, dass die Großherzogin mit dem Flugzeug auf dem Findel ankommen wird.

Eine Flugroute mit Risiken und Unwägbarkeiten

Was heute ein Katzensprung für moderne Verkehrsflugzeuge ist, war vor siebzig Jahren ein Unternehmen, das durchaus mit einigen Risiken und Unwägbarkeiten behaftet war, wie sich erst wenige Monate zuvor gezeigt hatte. Als sich die Minister der Exilregierung am 21. September 1944 von London in Richtung Luxemburg aufmachten, erwartete sie ein ungemütlicher Flug, wie der damalige Regierungsbeamte Georges Heisbourg in einem seiner “Wort”-Artikel zum Thema festhält. Auf dem Weg nach Paris musste die Maschine mit Staatsminister Pierre Dupong und Außenminister Joseph Bech an Bord wegen technischer Probleme zunächst in Brighton notlanden. Später kreiste sie wegen eines Gewitters längere Zeit über dem Flughafen Le Bourget, bevor sie schließlich landen konnte.

Der Findel ist 1945 alles andere als ein richtiger Flughafen, obwohl Ausbaupläne schon kurz vor Kriegsausbruch spruchreif gewesen waren. Offiziell wird der Findel erst 1946 wieder “zivil”. Ein Verzeichnis der Flugbewegungen führt als erste zivile Maschine am 3. April 1946 eine DC-3 der belgischen Fluglinie Sabena auf. 

Das Flugfeld Findel liegt während des Krieges an der Route de Trèves, wie auf dieser Karte von 1948 noch erkennbar ist. Die Rue de la Chapelle am westlichen Ende ist heute unterbrochen durch die Verlängerung der Piste.
Das Flugfeld Findel liegt während des Krieges an der Route de Trèves, wie auf dieser Karte von 1948 noch erkennbar ist. Die Rue de la Chapelle am westlichen Ende ist heute unterbrochen durch die Verlängerung der Piste.
Archiv Marc Tanz

Die deutsche Luftwaffe hatte auf dem Flugfeld auf dem Gebiet der Gemeinde Sandweiler ab 1940 Jäger vom Typ Messerschmitt Bf-109 stationiert. Zudem wurden Platz und Hangar vom “Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK)” zur paramilitärischen Segelflugschulung verwendet. Der Hangar brannte während der amerikanischen Nutzung des Findels ab.

Das Flugfeld, sechs Kilometer östlich der Hauptstadt gelegen, wurde von den vorrückenden US-Streitkräften ab der Befreiung im September 1944 bis zum August 1945 genutzt. Der Landeplatz trug die Bezeichnung “A-97 Sandweiler” und war als so genanntes “Advanced landing ground” (ALG)” ausgewiesen. Die Graspiste war einen Kilometer lang, 40 Meter breit und hatte eine leicht andere Ausrichtung als die heutige Landebahn, nämlich 07/25 (heute 06/24). Die Bahn verlief am westlichen Ende bis an die frühere Sandweiler Straße, der heutigen Rue de la Chapelle.

Die meisten dieser Flugfelder dienten vor allem dazu, die Transportflüge in Richtung Front mit den zahlreichen C-47-Maschinen zu erleichtern. Zudem war A-97 als “Emergency field” ausgewiesen, eine Notlandebahn für Maschinen, die auf Feindflügen beschädigt worden waren. Am 11. April 1945, drei Tage vor Ankunft der Großherzogin, landete ein stark beschädigter B-17-Bomber auf dem Findel .

Wie bei den Luftstreikräften der US-Armee im Zweiten Weltkrieg üblich, waren Bahn und Flugfeld mit einem speziellen Maschendraht (Square Mesh Track) ausgelegt worden, um das Gewicht der Maschinen tragen zu können. Diese robusten Stahlmatten wurden nach dem Krieg stückweise verkauft. Siebzig Jahre später sind sie als Einzäunung immer noch erhalten, wie etwa auf dem Gehöft Molitor in Munsbach.

Rückkehrflugplan gehütet wie ein Staatsgeheimnis

Über der Hauptstadt strahlt an diesem Frühlingssamstag die Sonne vor einem fast wolkenlosen, blauen Himmel. So mancher fühlt sich in die freudigen, aber schon nicht sorgenfreien Tage der Jahrhundertfeier 1939 zurückversetzt. Doch die Geheimhaltung um die Rückkehr der Großherzogin bleibt bis ganz zum Schluss erhalten. Dass sie an diesem Tag zurückkehren wird, ist bekannt. Doch das “Wann” und vor allem das “Wie” wird von den zuständigen amerikanischen Behörden wie ein Staatsgeheimnis gehütet.

Ein Brief vom 2. April 1945, in dem US-Colonel Anthony D. Biddle den luxemburgischen Außenminister Joseph Bech über den exakten Ablauf der Rückreise informiert, trägt den  Stempel mit roten Blockbuchstaben: “Top Secret”. Dass in den Tagen kurz vor dem 14. April die Vorhänge des Palais gereinigt und die Fenster geputzt werden, erregt nach dem Geschmack der Amerikaner bereits zu viel Aufsehen unter der erwartungsfreudigen Bevölkerung, notiert Georges Heisbourg 1990 in einem “Wort”-Artikel. 

Großherzogin Charlotte, gefolgt von Prinz Félix, wird auf dem Londoner Militärflugplatz Northolt von Lieutenant Colonel John Bruce Logie zum Flugzeug begleitet, das sie nach Luxemburg fliegt.
Großherzogin Charlotte, gefolgt von Prinz Félix, wird auf dem Londoner Militärflugplatz Northolt von Lieutenant Colonel John Bruce Logie zum Flugzeug begleitet, das sie nach Luxemburg fliegt.
Foto: Copyright Cour grand-ducale/archives privées/OWI Staff Photo by Frank Werner

Selbst für den Regierungsbeamten, der in der Exilregierung im “Office de l’Information” arbeitet, ist der Zeitplan der Rückreise unklar. Viele gingen davon aus, dass die Großherzogin per Auto oder per Zug einreisen würde. “Als ich am Samstagmorgen von den Verantwortlichen der Grenzgemeinde mit der Frage bedrängt wurde, ob sie an der Grenze bei Rodange eine Begrüßungsfeier vorsehen sollten, fiel es mir nicht schwer, ihnen die Wahrheit zu sagen: Ich wusste es einfach nicht”, so Heisbourg.

Die meisten Luxemburger wissen es in dem Moment auch nicht besser – dabei hat die Maschine der Großherzogin längst Kurs auf Luxemburg genommen. Die C-47 mit dem Kennzeichen 268 754 (was der Flugzeugnummer 42-68754 entspricht), die persönliche Maschine von General Dwight D. Eisenhower, hat die Großherzogin und ihre Begleitung auf dem Stützpunkt Northolt im Nordosten der britischen Hauptstadt an Bord genommen.

Auf dem Weg nach London hatte die C-47 am Vortag Colonel Biddle auf dem Flughafen Villacoublay bei Paris abgeholt. Der hohe Offizier hatte den Auftrag, die Großherzogin im Namen von Eisenhower nach Luxemburg zu begleiten. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass das Flugzeug auf dem Airfield A-82 von Etain bei Verdun landen und die Großherzogin von dort aus mit dem Auto weiterreisen würde.

Doch in letzter Minute erweist sich die Landebahn als unbrauchbar, so dass ein Direktflug zum “Advanced Landing Ground” A-97 Sandweiler beschlossen wird. Als Ausweichmöglichkeit sind Plätze bei Metz und bei Lüttich vorgesehen. In diesen Fällen würde die Großherzogin entweder bei Esch/Alzette oder bei Steinfort ins Land einreisen.

Gegen 15 Uhr, so liest man im Regierungsbulletin von 1945, bricht die vollzählige Regierung zum Flugfeld Findel auf. Zu der Delegation, die Großherzogin Charlotte empfangen soll, gehören hochrangige Vertreter der alliierten Streitkräfte und der Verbindungsstellen der Militärmission. Auch ein Dutzend Journalisten und offizielle Reporter sind dabei. Amerikanische Militärpolizei steht bereit, um den Konvoi zum großherzoglichen Palast zu eskortieren. “Um 16.15 Uhr tauchen mehrere Flugzeuge am Horizont auf und wenige Minuten später setzen fünf Douglas-Maschinen auf dem Flugplatz auf”, so der Bericht.

Freudentränen, die die Luxemburger berühren

Filmaufnahmen zeigen drei C-47, die militärische Version der Douglas “Dakota” DC-3, beim Landeanflug über Sandweiler. Die Maschinen der United States Army Air Forces tragen einen dunkelgrünen Anstrich und, am hinteren Rumpf, noch die Invasionsstreifen. Allerdings sind die drei weißen und zwei schwarzen Balken bereits zur Hälfte übermalt, wie es seit März 1945 üblich ist.

Eine der Maschinen überfliegt den Landeplatz in niedriger Höhe, mit eingezogenem Fahrwerk, bevor die Flugzeuge nacheinander auf der Graspiste aufsetzen. Auch ein Beobachtungsflugzeug vom Typ Piper L-4 “Grashopper” schwebt auf dem Findel ein. Nicht im Film zu sehen sind dagegen fünf Jagdflugzeuge, die einigen Berichten zufolge der Maschine der Großherzogin bis nach Luxemburg Geleitschutz gegeben haben sollen. Luftfahrthistoriker und -experten halten es für kaum wahrscheinlich, dass die fünf C-47 mit ihrem wichtigen Passagier an Bord ohne Eskorte geflogen sein könnten.

Inzwischen ist es 16.30 Uhr. Die Maschine der Großherzogin - eine C-53D, wie diese Variante der C-47 offiziell heißt - rollt aus und hält in der Nähe der anderen Maschinen auf ihrer Parkposition. Die Stelle befindet sich in etwa auf der Höhe des heutigen Luxair-Hangars, gegenüber der Kreuzung, an der die Rue de Neudorf in die Route de Trêves mündet. Eine “religiöse Stille”, so der Regierungsbericht, legt sich über die Anwesenden, als die mächtigen Sternmotoren der C-47 verstummen und die schmale Einstiegsluke des Flugzeugs geöffnet wird.

Die Zuschauer umringen die Flugzeuge. Jubel bricht aus, als die “schlanke, graziöse Gestalt” der Großherzogin erscheint (Luxemburger Wort, 17.4.1945). Staatsminister Pierre Dupong nähert sich, reicht Großherzogin Charlotte die Hand, um ihr beim Aussteigen über die winzige Leiter zu helfen.

Es entstehen historische Bilder von der Rückkehr der Luxemburger Großherzogin, die nach fast fünf Jahren im Exil erstmals wieder heimatlichen Boden betritt.

Die Monarchin ist nach Hause zurückgekehrt, “...home to my beloved country.”, (“...heim in mein innig geliebtes Land”), wie sie in ihrer letzten Radioansprache sagt, die die BBC am folgenden Tag senden wird. “Der schwere Traum hatte nun ein Ende”, schreibt das “Luxemburger Wort” in der Titelgeschichte vom 17. April.

Die Tränen, die Charlotte beim Aussteigen aus dem Flugzeug weint, hätten die Luxemburger berührt, schreibt die Historikerin Ursula Martin 1991 in einer Abschlussarbeit an der Uni Straßburg. Der Begriff “liesse populaire” beschreibe nur unzureichend den Überschwang und die Gewalt jener Gefühle der Luxemburger, als sie wieder mit ihrer Landesfürstin vereint waren. “Der Jubel nimmt kein Ende und sind eine Erneuerung des Vertrauens, das die Luxemburger der Großherzogin 1919 geschenkt haben und eine Billigung für die Entscheidung vom 10. Mai 1940.” Gemeint sind die Krise der Monarchie und vor allem der schwere Entschluss von Staatsspitze und Regierung, das Land im Moment der Besatzung zu verlassen.

Nach der Großherzogin steigen Prinz Félix und Erbgroßherzog Jean, der vorübergehend zu seiner Einheit zurückgekehrt war, sowie Prinzessin Alix aus der C-47. Auch Außenminister Joseph Bech war nach London gereist, um die Großherzogin auf dem historischen Rückflug zu begleiten. Die Großherzogin trägt ein braunes Ensemble mit angesteckten Teerosen, dazu ihre Perlenkette und über den Schultern eine Pelzjacke.

Zwei junge Damen überreichen Blumen: einmal an die Großherzogin, von Marie-Louise Dondelinger, Tochter des Gendarmeriebeamten Michel Dondelinger, der 1942 von den deutschen Besatzern erschossen worden war, und an Prinzessin Alix, durch Monique Hentgen, Tochter des Politikers Aloyse Hentgen, als Vertreterin der Umgesiedelten. Die Familie Hentgen war erst wenige Tage zuvor unter schwierigen Umständen, angesichts der Kriegszerstörungen, aus dem Rheinland nach Luxemburg heimgekehrt. 

Die glückliche Rückkehr der Großherzogin erscheint dem Luxemburger Volk als handfester Beweis, dass es endlich aus dem schrecklichen Alptraum erwacht ist, der auf ihm lastet" (Parlamentspräsident Emile Reuter)

Mit ihren Blumensträußen im Arm schreitet Großherzogin Charlotte zu den bereitstehenden Autos. Auf dem Weg zum Wagen begrüßt die Großherzogin die luxemburgische Korrespondentin der BBC. Eine schmale Straße führt vom Flugfeld zur Route de Trêves, etwa in Höhe der Mündung der Rue de Neudorf. Der Konvoi besteht aus elf Fahrzeugen, darunter der weiße, offene Wagen mit der Großherzogin, gesteuert von “Oberwachtmeister Van Dyck”, der die Monarchin im Mai 1940 an die französische Grenze gefahren hatte. Als Eskorte fungieren zwei Jeeps und Motorräder der “Military Police”. Colonel Frank E. Fraser, der bei den Luxemburgern überaus beliebte Chef der amerikanischen Zivilmission, überwacht im Wagen stehend die Fahrt, die über Hamm, Pulvermühle in Richtung Stadtzentrum geht.

Überall entlang des Wegs erkennen die Passanten ihre Großherzogin auf den ersten Blick und jubeln ihr zu, bis schließlich gegen 17 Uhr die für das Publikum gesperrte “Nei Bréck” erreicht ist, und die Großherzogin von Bürgermeister Gaston Diederich im Namen der Stadt empfangen wird. Über den Boulevard Royal und die Grand’Rue erreicht der Konvoi um 17.20 Uhr den Palast.

In der Rue de la Reine und auf dem “Knuedler” warten seit Stunden Tausende glückliche Luxemburger, die jahrelang auf diesen Moment gewartet haben und endlich ihre Großherzogin auf dem Balkon des “Palais” begrüßen können. Zum ersten Mal seit fünf Jahren spielt die Militärmusik wieder den “Wilhelmus”, die Hymne der großherzoglichen Familie, stimmen Tausende in die “Heemecht” mit ein.

Großherzogin Charlotte strahlt, als sie auf den Balkon tritt und den Menschen zuwinkt mit ihrer unverkennbaren Handhaltung. Die “glückliche Rückkehr” der Großherzogin, sagt Parlamentspräsident Emile Reuter tags darauf beim offiziellen Akt in der “Chamber”, “erscheint dem Luxemburger Volk als Symbol und Krönung seiner endgültigen Befreiung, als handfester Beweis, dass es endlich aus dem schrecklichen Alptraum erwacht ist, der auf ihm lastete” .

Ein Bericht des Oberkommandos der Alliierten (SHAEF) vom 1. Mai 1945 hält sogar fest, es stehe außer Frage, dass der Enthusiasmus bei Rückkehr der Großherzogin nicht nur ein Hinweis sei auf die enge Beziehung der Luxemburger zu ihrer Monarchin, sondern auch für die fundamentale politische Stabilität des Landes.


Anmerkung des Autors:

Zahlreiche Angaben in diesem Artikel basieren auf Material aus dem Archiv des Luxemburger Wort, insbesondere einige Texte von Georges Heisbourg, der als hoher Regierungsbeamter während des Krieges die Ereignisse aus nächster Nähe erleben konnte. Besonderer Dank für ihre wertvolle Hilfe bei den Recherchen geht darüber hinaus an Dan Schank, Marc Thill, Jean-Marc Braun, Marc Tanz, Guy Moris, John Derneden, Roger Feller, Léandre Mignon, Steve Kayser und Pierre Roderes (CDREF), Corinne Schroeder und Jill Steinmetz (Archives Nationales), Photothèque de la Ville de Luxembourg, RAF Northolt (UK), Maxwell AFB (USA).

Quellennachweise:

Georges Heisbourg: Le retour à Luxembourg du Gourvernement en exil, LW vom 22.9.1990; “...l’explosion la plus joyeuse que j’aie jamais vue...”, LW 14.4.1990.
Ursula Martin: Le rôle joué par la Grande-Duchesse Charlotte dans l’imaginaire des Luxembourgeois (1939-1990)”, Université des Sciences Humaines de Strasbourg, 1991.
Ministère d’Etat, Bulletin d’information no. 5/6, 31 mai 1945.
Crash, Band II, John Derneden, S. 129. Rede von Emile Reuter, Luxemburger Wort 14.4.1945, S.2.
Pierre Hamer, L’aviation luxembourgeoise son passé son avenir, Imprimerie Bourg-Bouger, Luxembourg, 1978.