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Zwischen Rettungsweckern und Herzstichmessern
Panorama 3 Min. 19.10.2020

Zwischen Rettungsweckern und Herzstichmessern

Der versilberte Totenschädel stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Zwischen Rettungsweckern und Herzstichmessern

Der versilberte Totenschädel stammt aus dem 19. Jahrhundert.
Foto: Sarah Hierhacker
Panorama 3 Min. 19.10.2020

Zwischen Rettungsweckern und Herzstichmessern

Das Wiener Bestattungsmuseum am Zentralfriedhof zeugt von Galgenhumor und Konkurrenzkämpfen.

(KNA)- Zwölf Stufen führen abwärts. Das Licht ist gedämpft, fast ein wenig gespenstisch. Hier im Untergrund, am Rand des Wiener Zentralfriedhofs, lädt das Bestattungsmuseum zu einem ungewöhnlichen Rundgang ein. Punktgenau setzen Strahler Schautafeln und 250 Exponate ins Licht.

Die Bandbreite reicht von Trauerkleidung über Sargmodelle bis zu Dokumenten und Fotos. Raritäten sind ein Sargschlüssel, eine Kerzenspitzmaschine und – als Symbol der Vergänglichkeit – ein Totenkopf, der im 19. Jahrhundert kunstvoll versilbert und auf ein Buch platziert wurde.

Makabere Sicherheitsmaßnahmen

Nachweislich zum Einsatz kam zu früheren Zeiten ein Herzstichmesser. „Das Einzige, was ich beim Tode fürchte, liegt in der Idee der Möglichkeit des Lebendigbegrabenwerdens“, schrieb der Dramatiker Johann Nepomuk Nestroy (1801-1862) in seinem Testament. Die panische Angst der Menschen vor dem Scheintod führte dazu, dass im Beisein eines Arztes und Zeugen mit einem Stilett der Herzstich gesetzt wurde.

Der ausgestellte Sitzsarg ist eine Hommage an den Surrealisten René Magritte und kam nie zum Einsatz.
Der ausgestellte Sitzsarg ist eine Hommage an den Surrealisten René Magritte und kam nie zum Einsatz.
Foto: Sarah Hierhacker

Letzter Strohhalm der Hilfe war ein Rettungswecker. Mit diesem Apparat, hier aus dem Jahr 1828, war ein Finger oder Zeh eines Leichnams über eine Schnur verbunden. „Sollte sich der Verstorbene bewegen, löste das einen Mechanismus aus, der den Wecker zum Läuten brachte“, erklärt Florian Keusch, der Presse-Verantwortliche des Museums. Da nach dem Tod im Körper mitunter noch Muskelkontraktionen auftreten, konnte es schon mal „ziemlich oft läuten“, so seine Anmerkung.


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Das Thema Tod findet sich im Spiegel der Zeiten so tabulos, sensibel und transparent wie möglich thematisiert. Dazu halten die Museumsmacher nicht mit kritischen Betrachtungen hinterm Berg, so wie diese zu Trauerfeiern der Wiener High Society des späten 19. Jahrhunderts: „Von der Aufbahrung über den Kondukt bis zum Grabmal war alles eine dramatische Inszenierung des eigenen Status.“ Das höchste war ein „Begräbnis erster Klasse“, weniger pompös waren Feiern der zweiten und dritten Klasse und natürlich die Armenbegräbnisse.

Der Tod als eiskaltes Geschäft

Ab dem Ersten Weltkrieg verlor der Leichenzug seine öffentliche Wirksamkeit: Die Aufbahrung fand nicht mehr daheim, sondern immer öfter auf dem Friedhof statt, und der Weg von der Halle zum Grab verkürzte sich. Dass der Tod ein eiskaltes Geschäft war, belegt der Konkurrenzkampf auf dem Bestattungsmarkt, der in Wien 1907 mit der Gründung der Städtischen Leichenbestattung sein Ende fand. Bis dahin kam es öfters vor, dass Bestechungsgelder flossen und es unter Bestattern sogar Schlägereien um Leichen gab.


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Facetten der Erinnerungskultur – ebenfalls an den Kommerz gekoppelt – belegen in dem Museum Totenmasken und Handplastiken aus Gips. Varianten sind ein Glasherz mit eingeblasener Kremationsasche und ein Fingerabdruck-Anhänger. „Da wird vom Verstorbenen ein Fingerabdruck genommen, den man sich als Schmuckstück um den Hals hängen kann“, erläutert Keusch. „Das hat meine Großmutter gemacht.“

Ein Kuriosum anderer Art ist ein wiederverwendbarer Sarg, dessen Produktion Kaiser Joseph II. 1784 verordnete. Dabei handelte es sich um einen Spar- oder Klappsarg, an dessen Unterseite sich eine Klappe öffnen ließ. Durch sie wurde der Leichnam in ein Schachtgrab befördert. In Wien erhoben sich dagegen Aufstände, weil so ein Bauer auf einer Adelsdame landen konnte. In Salzburg fand dieser Sargtypus indes Verwendung.

Letzte Reise mit der Straßenbahn

Das Verhältnis von Österreichs Hauptstädtern zum Tod ist bis heute ein besonderes, sarkastisches, galgenhumoriges. Das kann durchaus helfen, Trauer zu verarbeiten. „Die schöne Leich“ bezeichnet ein aufwendiges Leichenbegängnis und ist, einer Infotafel zufolge, „auch Ausdruck einer Lebenshaltung: Der Tod ist unvermeidlich – also feiern wir ihn.“


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Wer gestorben ist, hat im Wiener Volksmund „den 71er genommen“ – weil die Straßenbahnlinie 71 einst mit angehängten Leichenwaggons zum Friedhof zuckelte. Dazu passt eine rabenschwarze Auswahl im Museumsshop: vom Friedhof aus Lego-Komponenten über den USB-Stick in Sargform bis zum T-Shirt mit aufgedrucktem Sensenmann und dem Schriftzug „Der letzte Reiseleiter“. 

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