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Zwischen Fluch und Segen
So wie Barcelona, London und Amsterdam kämpft auch Berlin mit einem zu großen Andrang an Touristen.
Besonders betroffen sind Hotspots wie der Checkpoint Charlie.

Zwischen Fluch und Segen

Foto: Shutterstock
So wie Barcelona, London und Amsterdam kämpft auch Berlin mit einem zu großen Andrang an Touristen.
Besonders betroffen sind Hotspots wie der Checkpoint Charlie.
Panorama 3 Min. 23.06.2018

Zwischen Fluch und Segen

Teure Airbnb-Apartments für Reisende statt bezahlbare Wohnungen für Anwohner: In Berlin kommt es immer häufiger zu Konflikten zwischen Einheimischen und Besuchern. Denn der Berlin-Tourismus hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt.

von Philipp Hedemann

Im vergangenen Jahr verzeichnete die deutsche Hauptstadt mehr als 31 Millionen Übernachtungen, und im ersten Quartal 2018 stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr schon wieder um über sechs Prozent. Mit einem jährlichen Bruttoumsatz von 11,5 Milliarden Euro trägt der Tourismus 6,7 Prozent zum Berliner Volkseinkommen bei und sorgt für 235 000 Vollzeit-Jobs. Doch jetzt zwingt der Besucherandrang die Stadt aktiv zu werden, damit der Spagat zwischen Reisemetropole und Stadt zum Wohnen gelingt.

"Als wir vor mehr als zehn Jahren erstmals auf die negativen Begleiterscheinungen des Tourismusbooms aufmerksam machten, hat man uns als wirtschafts- und fremdenfeindlich beschimpft. Passiert ist seitdem so gut wie nichts. Aber jetzt setzt ein Umdenken ein", sagt Monika Herrmann, Bürgermeisterin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Von allen zwölf Berliner Bezirken profitiert und leidet er am meisten unter dem Besucherstrom. Vor allem bei jungen Partytouristen ist der hippe Stadtteil angesagt. "Viele scheint es nicht zu kümmern, dass dort, wo sie Party machen wollen, auch Menschen leben. Aber wir sind kein Disneyland, in dem die Bewohner nur Statisten sind."

Hoffen auf Rücksicht

In der Nacht Lärm und am Morgen vollgepinkelte Hauseingänge, Erbrochenes auf dem Gehweg, zerbrochene Bierflaschen auf den Fahrradwegen, Fast-Food-Verpackungen in den Parks. Viele Anwohner sind zunehmend genervt von den Begleiterscheinungen des sogenannten Overtourism. Trotzdem will Monika Herrmann nicht mit Verboten und Vorschriften reagieren. "Ich bin eine Freundin der Freiwilligkeit. Wir wollen nicht das, was Berlin für seine Bewohner so lebenswert und für viele Besucher aus aller Welt so attraktiv macht, mit Gesetzen wegregeln", sagt die Politikerin, die schon vor vier Jahren die Einführung eines Verhaltenskodexes für Besucher und leise Gummiräder für Rollkoffer forderte. Aber an die freiwillige Rücksichtnahme betrunkener Junggesellentruppen und anderer Berlin-Gäste zu appellieren, ist nicht immer erfolgreich. Das gibt auch die Lokalpolitikerin zu. Ein Pilotversuch, bei dem Pantomimen Besucher der Friedrichshainer Partymeile lautlos zu mehr Rücksicht auf die Anwohner aufforderten, hatte im Sommer 2015 kaum Erfolg.

"Trotzdem werden wir nicht wie andere Städte das Trinken von Alkohol auf öffentlichen Plätzen verbieten. Aber wenn wir das Lärmproblem nicht mit unserem kooperativen Ansatz in den Griff kriegen, müssen wir auch über restriktivere Maßnahmen wie eine Einschränkung des Außenausschanks und mehr Kontrollen durch das Ordnungsamt nachdenken", sagt Monika Herrmann.

Doch zunächst will die gebürtige Berlinerin in ihrem Bezirk mehr kostenlose Toiletten und größere Mülleimer aufstellen und die Stadtreinigung häufiger ausrücken lassen, um zumindest das Dreckproblem zu lösen. Zudem setzt sie große Hoffnungen auf Berlins neues Konzept für einen stadtverträglichen und nachhaltigen Berlin-Tourismus 2018+. "Damit fördern wir eine stärkere Entzerrung, damit die vielen Vorteile und die daraus resultierenden Herausforderungen des Tourismus gerechter auf alle Berliner Bezirke verteilt werden."

Dass dies der richtige Weg ist, davon ist auch VisitBerlin-Sprecher Christian Tänzler überzeugt. Die offizielle Berliner Organisation für Tourismus- und Kongressmarketing wirbt weltweit für Reisen in die deutsche Hauptstadt. "Berlin ist als die Stadt der Freiheit und der Toleranz bekannt. Mit Verboten kommen wir hier nicht weit. Darum setzen wir auf einen Dialog zwischen Berlinern, Besuchern, Wirtschaft, Hotel- und Gaststättengewerbe – auch wenn dabei ganz unterschiedliche Player aufeinanderstoßen", sagt der Marketing-Experte.

Dazu hat VisitBerlin vor vier Jahren unter anderem die Initiative "Hier in Berlin" ins Leben gerufen. Mit einem auffälligen Lastenfahrrad sind die Mitarbeiter in ganz Berlin unterwegs und erfragen, wo es zu Konflikten zwischen Besuchern und Einheimischen kommt. Einige der so identifizierten Probleme sollen jetzt mit Hilfe des neuen Berliner Tourismus-Konzepts angegangen werden. "Rom hatte 2 000 Jahre Zeit, sich auf Besuchermassen einzustellen, Berlin nur 25 Jahre. Natürlich kommt es dabei an einigen Hotspots auch zu Reibungen. Das ,Hier in Berlin‘-Rad fährt deshalb auch dorthin, wo die Stimmung zu kippen droht. Echte Konflikte sind jedoch die Ausnahme", sagt Tänzler und verweist auf eine aktuelle Umfrage, wonach 85 Prozent der Berliner stolz sind, gute Gastgeber zu sein und nur 15 Prozent sich durch Touristen gestört fühlen. Der Tourismus-Mann freut sich, dass die Anziehungskraft Berlins ungebrochen ist. Dass Handlungsbedarf besteht, um sie aufrecht zu erhalten, bestreitet jedoch auch er nicht. "Der Berliner Tourismus lebt vom authentischen Flair seiner Kieze. Deshalb müssen wir diese Milieus schützen", stellt der VisitBerlin-Sprecher fest.

Dazu hat Berlin 2014 unter anderem das Wohnraum-Zweckentfremdungsgesetz verabschiedet, das die gewerbliche Nutzung von Wohnungen als Ferien-Apartments verbietet. In Friedrichshain-Kreuzberg hat die Vorschrift bereits Erfolge gezeigt. Monika Herrmann: "1 466 ehemalige Ferienwohnungen wurden so wieder zu richtigen Wohnungen. Das hilft, die durch den boomenden Tourismus angespannte Wohnsituation etwas zu verbessern."


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SRT-Bild Archivnummer: 1422006003, MALLORCA, Fabian v. Poser, Beschreibung: Badegäste in El Arenal an der Playa de Palma, Mallorca, Balearen, Spanien, Europa Playa de Palma, Mallorca
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