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Zurück vom „Pacific Crest Trail“: Ein Gefühl von Freiheit
Panorama 5 Min. 08.10.2019

Zurück vom „Pacific Crest Trail“: Ein Gefühl von Freiheit

Kurz vor dem Ziel – eine Aussicht zum Genießen auf dem Snowqualmie-Pass im US-Bundesstaat Washington.

Zurück vom „Pacific Crest Trail“: Ein Gefühl von Freiheit

Kurz vor dem Ziel – eine Aussicht zum Genießen auf dem Snowqualmie-Pass im US-Bundesstaat Washington.
Foto: privat
Panorama 5 Min. 08.10.2019

Zurück vom „Pacific Crest Trail“: Ein Gefühl von Freiheit

Der luxemburgische Rucksack-Urlauber Guy Christen hat den rund 4 300 Kilometer langen „Pacific Crest Trail“ in den USA bewandert.

von Jessika Maria Rauch 

Er lebt glücklich und zufrieden in Eischen, unweit der belgischen Grenze, hat einen großen Garten und blickt von der Terrasse seines Hauses aus in die schöne Natur am Ufer der Eisch. Und doch wird er wehmütig, wenn man ihn auf die jüngst erlebte Abenteuerreise anspricht. „Ich hatte für fast ein halbes Jahr den größten Garten der Welt, da fühlt man sich hier schon fast etwas eingeengt“, sagt Guy Christen.

Zumindest die ersten Wochen nach seiner Rückkehr seien noch etwas ungewohnt, aber langsam gehe es besser. „Die ersten Nächte habe ich auf dem Feldbett draußen verbracht.“ Mit acht Monaten hatte er gerechnet für die vielen tausend Kilometer des pazifischen Gipfel-Wegs, der vom südkalifornischen Campo aus durch die Nationalparks Kings Canyon und Yosemite führt und nach dem Durchqueren der Staaten Oregon und Washington im kanadischen Manning Park in British Colombia endet.

Guy Christen reiste mit rund zehn Kilo Gepäck – inklusive Zelt und Wasseraufbereitungsanlage.
Guy Christen reiste mit rund zehn Kilo Gepäck – inklusive Zelt und Wasseraufbereitungsanlage.
Foto: privat

Zwangspause durch heftigen Blizzard

Gestartet war er mit durchschnittlich 30 Kilometern Fußmarsch pro Tag, in der Spitze zählte er bis zu 50 Kilometern von Sonnenauf- bis -untergang. Aber es gab auch Streckenabschnitte, da waren es weniger als zehn. „In diesem Jahr hat der Winter die Bergregionen in der Sierra Nevada spät erreicht. So hielt uns Ende Mai ein mehrtägiger Blizzard kurz vor dem Mount Whitney, dem mit 4 418 Metern höchsten Berg der USA außerhalb von Alaska, auf Trab. Wir konnten uns noch gerade in Sicherheit bringen, bevor mächtige Wolkentürme und starke Windböen große Schneemassen ins Gebirge brachten.“

Tagesetappe vor dem Cottenwood-Pass, am Tag, bevor der Blizzard in die Sierra einzog.
Tagesetappe vor dem Cottenwood-Pass, am Tag, bevor der Blizzard in die Sierra einzog.
Foto: privat

Zehn Tage Zwangspause, die Christen und seine Weggefährten – im Gegensatz zu einigen Wanderkollegen, die vom Schneesturm überrascht wurden – immerhin Frostverletzungen oder möglicherweise Schlimmeres ersparten. Die Zeit überbrückten sie mit einem kleinen Roadtrip vom Ort Long Pine im Owens Valley aus in die Umgebung und kleineren Wanderungen im benachbarten Canyon, um im Rhythmus zu bleiben. „Trotzdem ist es auch während einer solchen Pause nie wie Urlaub. Wenn Du es ein paar Tage ruhig angehen lässt, dann um Verletzungen auszukurieren oder eben das schlechte Wetter zu umgehen. So wirklich nichts tun, das gibt es nicht.“

Da sich die Wetterlage im Gebirge innerhalb kürzester Zeit ändern kann, gerät man unter Umständen binnen weniger Minuten in eine Lage, bei der es dann sogar ums Überleben gehen kann. „Ein heftiges Gewitter, das uns nach der 500-Meilen-Marke mehr oder weniger überraschte, löste schon ein sehr mulmiges Gefühl in mir aus. Als ich dann sogar den Druck des Blitzes spürte und der Donner ohrenbetäubend laut wurde, hatte ich nur noch den Impuls, mich in einem Graben in Sicherheit zu bringen und abzuwarten, bis es vorübergezogen war”, so der Extrem-wanderer.

Das Wissen um einige Überlebenstricks sei das eine, die Anwendung in der Gefahrensituation etwas anderes. Auch die Tiere der Wildnis können zur Bedrohung werden. Hier hat Guy Christen jedoch glücklicherweise keine schlechten Erfahrungen machen müssen. Sein Essen – überwiegend leichte Trockennahrung, die mit Wasser angerührt wird – war im „bärensicheren“ Behälter so gut verpackt, dass keine Tiere angelockt wurden. Auch Klapperschlangen, die ihm hier und da über den Weg liefen, blieben letztlich auf Distanz.

Ungeplanter Abstecher zum Brice Canyon in Utah.
Ungeplanter Abstecher zum Brice Canyon in Utah.
Foto: privat

Mehr als 10 000 Euro für die Fondatioun Kriibskrank Kanner

Guy Christen unterstützt mit dem Geld, das seine Sponsoren und auch Privatpersonen zur Verfügung gestellt haben beziehungsweise weiterhin spenden, die Fondatioun Kriibskrank Kanner. Die Übergabe des Spendenchecks ist in etwa zwei Wochen geplant. Bereits jetzt sind rund 10 000 Euro zusammengekommen, vielleicht werden es ja sogar noch ein bisschen mehr, hofft der Wanderer. Seine Motivation: anderen, die eine solche Tour aktuell nicht oder vielleicht sogar niemals machen können, auf seine Art zu helfen. Das habe ihn seinerzeit auch dazu bewegt, Polizist zu werden. Und in einigen Momenten hat ihm dieses Ziel die notwendige Kraft zurückgegeben, die in schwierigeren Phasen vorübergehend verloren gegangen war.

„Es gab eine Situation, in der ich Angst bekam, weil ich urplötzlich durch einen Schwindelanfall drohte, die Orientierung und Körperbeherrschung zu verlieren. Hinsetzen konnte ich mich nicht, vor mir ging es steil hoch, hinter mir steil runter und die nächste Station war noch 50 Höhenmeter weit entfernt.“ Christen versuchte sich zu konzentrieren, die Kontrolle zu behalten und die Angst auszublenden. „Ich dachte plötzlich an Chiara, ein Mädchen, das mir vor meiner Abreise besonders ans Herz gewachsen war. Sie hatte Knochenkrebs und ihre Geschichte hat mich sehr berührt. Mit ihr und ihren Eltern war ich auch während der Reise regelmäßig im Kontakt. Der Gedanke an sie erinnerte mich daran, warum ich das alles tue, und so riss ich mich zusammen.”


Guy Christen ist Abenteurer aus Leidenschaft.
4279 Kilometer zu Fuß durch die USA
Der Luxemburger Guy Christen wandert auf dem Pacific Crest Trail für den guten Zweck.

Er beschreibt, wie er die Angst in Wut umkehrte, aus der er dann die Kraft schöpfte, um weiterzukämpfen. An der Station angelangt, brach er zunächst einmal zusammen. „Auf einer solchen Reise relativiert sich so viel – die Probleme und Sorgen, die viele von uns im Alltag haben. Wandern würde aus meiner Sicht jedem gut tun, um so einiges zu realisieren.“

Immer schon Rucksack- statt Hotelurlaub

Der 42-Jährige hat schon einige Touren hinter sich und als Rucksacktourist weite Teile Europas bereist. Das Abenteuer in den USA war bislang die größte, vermutlich aber nicht seine letzte Wandertour dieser Art, wie er sagt. Das Reisen mit wenig Ballast tue nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele gut. Sein Rucksack wog nicht mehr als zehn Kilo inklusive Zelt und Wasseraufbereitungsanlage, hinzu kamen bis zu drei Liter Wasser.

„Einen der schönsten Tage hatte ich in Washington in den Goat Rocks. Die Landschaft bei schönem Wetter zu genießen, das war schon besonders. Aber der gesamte Trail ist unbeschreiblich und keine Worte reichen aus, um das Erlebte adäquat zu transportieren“, schwärmt Christen. „Die Freiheit und Leichtigkeit, die man auf einem solchen Trip in jeder Zelle spürt, ist unbezahlbar und mehr wert als alles Materielle.“

Seinen Geburtstag am 16. Juni feierte er auf einer Rangerhütte im Tiefschnee mit einer Tasse Kaffee und einem Bagel. Am meisten freute er sich darüber, an diesem Tag Handyempfang zu haben, was nicht selbstverständlich war, um Geburtstagswünsche und -songs von Freunden und Familie zu empfangen. „Es war einfach und gerade deshalb perfekt. Zufriedenheit ist ein schönes Gefühl.“

Weitere Impressionen der gesamten Reise sowie zum Engagement von Guy Christen unter facebook.com/guychristen/


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