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Zugchaos in Südafrika
Panorama 3 Min. 09.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Zugchaos in Südafrika

Selbst das Netz der Schnellzüge ist vom Chaos betroffen: Immer häufiger müssen die Waggons stehen bleiben, weil sich Diebe an Oberleitungen zu schaffen machten.

Zugchaos in Südafrika

Selbst das Netz der Schnellzüge ist vom Chaos betroffen: Immer häufiger müssen die Waggons stehen bleiben, weil sich Diebe an Oberleitungen zu schaffen machten.
Foto: Shutterstock
Panorama 3 Min. 09.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Zugchaos in Südafrika

Johannes DIETERICH
Johannes DIETERICH
Am südlichen Zipfel des afrikanischen Kontinents ist das ehemals beschauliche Reisen per Bahn zu einem echten Abenteuer geworden.

Zugfahrten gehören zum Schönsten, was Afrika zu bieten hat. Gemütliches Reisen durch endlose Savannenlandschaften, bizarre Berglandschaften und Tierreservate – oft in Waggons aus der Kolonialzeit, in denen man tagsüber die Fenster offen lassen und nachts das Haupt auf Daunenkissen legen kann. Südafrikas „Blue Train“ ist auf diese Art berühmt geworden.

Für weniger gut Betuchte verkehrt auf derselben Strecke zwischen Pretoria und Kapstadt der „Shosholoza Meyl“, in dessen Speise– und Liegewagen die rund 30 Stunden lange Fahrt auch nicht zu verachten ist – oder eher war. Inzwischen kann man froh sein, sein Ziel nach drei Tagen zu erreichen. Stundenlange Unterbrechungen, die auf geklaute Kabel oder gebrochene Achsen zurückzuführen sind, gehören mittlerweile zum Alltag.

30 Stunden Verspätung

Am Dienstagabend kamen etwa in Kapstadt mehrere hundert Fahrgäste mit dem Bus an – dabei hätten sie eigentlich schon 30 Stunden vorher auf den Schienen angerollt sein sollen. Ihre Lok war mitten in der Karoo-Halbwüste zusammengebrochen, eine Ersatzlok blieb ebenfalls stecken.

Während der eintägigen Wartezeit ging im Speisewagen außer dem Essen auch das Wasser aus, die Schaffner schlossen die Toiletten ab, nachdem sie in die Waggons übergelaufen waren. „Der Gestank war unerträglich“, erzählt Zak Benjamin, der mit seiner über 80-jährigen herzkranken Mutter unterwegs war. Was er sonst noch sagte, muss in südafrikanischen Zeitungen mit Sternchen wiedergegeben werden.

„Einer der Vorfälle, die man nicht einplanen kann“, kommentierte Daisy Daniel – obwohl für die Bahn-Sprecherin derartige Pannen längst nicht mehr ungewöhnlich sind. Südafrikas einst weltweit bewunderte Eisenbahnen kommen aus den Schlagzeilen nicht mehr heraus: Züge prallen aufeinander, weil das verrottete Signalsystem versagt hat; Schnellzüge bleiben stehen, weil jemand die Oberleitung geklaut hat; Waggons werden von wütenden Passagieren angezündet, weil sie wieder einmal Stunden zu spät zur Arbeit kamen und ihren Job verloren.

Auf diese Weise wurde bereits die Hälfte aller Nahverkehrs-Waggons in Kapstadt ruiniert. Die Qualität des Services sei wie die Zufriedenheit der Fahrgäste auf einem Tiefpunkt angelangt, räumte die „Passenger Rail Agency of South Africa“ (Prasa) in ihrem Jahresbericht ein: Und das war 2018, noch bevor der Schienenverkehr erst so richtig in den Keller stürzte.


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Die Misere begann ausgerechnet mit Investitionen in Milliardenhöhe, die die vorherige Regierung in den Schienentransport fließen ließ. Statt der Aufrüstung der alternden Infrastruktur zugute zu kommen, flossen die Gelder jedoch weitgehend in die Taschen inkompetenter und korrupter Generaldirektoren oder Aufsichtsräte: Sie sahnten Millionenbeträge durch halbseidene Beraterverträge ab und bestellten unter anderem über 50 neue Lokomotiven für umgerechnet 220 Millionen Euro, die sich für das südafrikanische Netz als zu hoch herausstellten.

Derzeit ermittelt die Polizei gegen 41 Manager des Schienenkonzerns, der Rechnungshof machte allein im Jahr 2018 irreguläre Ausgaben in Höhe von 1,7 Milliarden Euro aus. Für die Zeche kommen – wie im Fall des gleichermaßen zu Grunde gerichteten staatlichen Stromkonzerns Eskom – die Steuerzahler auf: Im vergangenen Haushaltsjahr musste Prasa mit 230 Millionen Euro vor dem Totalkollaps gerettet werden.

Vier Stunden für 30 Kilometer

Der Nahverkehr auf Schienen wird traditionell von ärmeren Schwarzen genutzt: Für Millionen Pendler ist das der preiswerteste Weg, um in die Stadtzentren zu kommen. Immer häufiger aber passiert es, dass Pendler für die rund 30 Kilometer lange Strecke von Johannesburg nach Soweto mehr als vier Stunden brauchen – manche Strecken sind seit Monaten auch ganz stillgelegt, weil Kabeldiebe die Oberleitung gestohlen haben.

Im Wahlkampf im März des vergangenen Jahres wollte Präsident Cyril Ramaphosa seine Solidarität mit den geschundenen Pendlern bekunden: Der Zug, der ihn vor den Linsen zahlreicher TV-Crews von Mabopane in die 50 Kilometer entfernte Hauptstadt Pretoria bringen sollte, brauchte statt 45 Minuten über vier Stunden. Erzürnt kündigte der Staatschef „rollende Köpfe“ an: Doch die Waggons hat er selbst ein Jahr später noch nicht zum Rollen gebracht. 


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