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Zu Besuch auf der Intensivstation für Schuppentiere
Panorama 3 Min. 25.03.2021

Zu Besuch auf der Intensivstation für Schuppentiere

Aufwendige Pflege: Die Schuppentiere werden nicht wie Hunde oder Katzen gefüttert. Sie müssen von den Tierpflegern „Gassi geführt“ werden.

Zu Besuch auf der Intensivstation für Schuppentiere

Aufwendige Pflege: Die Schuppentiere werden nicht wie Hunde oder Katzen gefüttert. Sie müssen von den Tierpflegern „Gassi geführt“ werden.
Foto: Markus Schönherr
Panorama 3 Min. 25.03.2021

Zu Besuch auf der Intensivstation für Schuppentiere

Schuppentiere sind beliebte Beute bei Wilddieben - in Johannesburg kümmert sich ein Hospital um verletzte Säugetiere.

Von Markus Schönherr (Johannesburg)

Wenn Wilderer ein Nashorn töten, hinterlässt das Spuren: einen Riesenkadaver mit einem blutigen Loch im Gesicht, da wo einst das Horn saß. Anders sieht es beim Schuppentier aus: Wenn Gefahr droht, rollt es sich ein. Wilddiebe können es dann wie eine reife Frucht vom Boden auflesen. Dies und die Tatsache, dass ihre Schuppen in Asien als Allheilmittel teuer gehandelt werden, haben sie zum meistgeschmuggelten Säugetier der Welt gemacht.

Wie ein Fingernagel

Wegen ihres eigenwilligen Körperbaus werden Schuppentiere auch Tannenzapfentiere genannt. Wie ein schwerer Tannenzapfen hängt auch dieser Patient an der Schulter von Wildtierexpertin Nicci Wright. Seine Pfote mit den scharfen Krallen hat sie in einen dicken Verband gepackt. Auf dem Rücken des Tiers klafft ein Loch, etwa zehn Zentimeter im Durchmesser. Dort haben Wilderer eine seiner Hornschuppen ausgerissen. „Das ist so, als würde man uns einen Fingernagel ziehen, der direkt mit dem Muskel verbunden ist“, erzählt Wright.

Nicci Wright (l.) und Karin Lourens mit einem der Patienten.
Nicci Wright (l.) und Karin Lourens mit einem der Patienten.
Foto: Marcus Schönherr

Die Geschichte des Schuppentier-Weibchens sorgte in Südafrika für Schlagzeilen: In Johannesburg hatte eine Sondereinheit der Polizei Anfang März einen Schmugglerring gesprengt und sechs Männer aus Südafrika und Nigeria verhaftet. „Es war zehn Tage oder länger bei den Wilderern und litt an einer Lungenentzündung“, so ihre Kollegin, Tierärztin Karin Lourens. Dank Antibiotika und täglicher Pflege sei das Weibchen nun stabil.

Seit der Gründung des Johannesburg Wildlife Veterinary Hospitals vor vier Jahren behandelten Wright und Lourens Dutzende Arten von Affen, Eulen und anderen kleinen Wildtieren. Sie konnten zudem mehrere Hundert Schuppentiere, auch Pangoline genannt, aufpäppeln und wieder auswildern. „Wir sind umgeben von Flughäfen und Autobahnen und damit perfekt positioniert“, so Wright. Einerseits, weil gerettete Tiere dadurch schneller in ihr Refugium gelangten, andererseits, weil Südafrikas Wirtschaftsmetropole auf der Schmugglerroute liege.

Die Schuppen von Pangolins finden in der traditionellen chinesischen Medizin Anwendung. Ihr Fleisch gilt in Asien als Delikatesse. Allein 2019 schmuggelten Wilderer mehr als 97 Tonnen an Schuppen aus Afrika, das entspricht etwa 160 000 Tieren. Das blutige Diebesgut wird längst nicht mehr nach Kilo gehandelt, sondern wegen seiner Rekordpreise nach Gramm. Obwohl Chinas Regierung den Handel mit Schuppen untersagte, blüht der Import.


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Wie du mir, so ich dir: Selbstverteidigung im Tierreich
Fühlen Tiere sich bedroht, greifen sie mitunter zu außergewöhnlichen Mitteln, um sich zu schützen.

Die Tierretter wissen: Wer zehn Schuppentiere pflegt, setzt sich einer Gefahr aus. „Es ist, als würde man ein Nashorn in seinem Garten halten“, so Wright. Nur ab und an holen sie daher ihre Schützlinge für Behandlungen ins Wildtier-Krankenhaus. Gepflegt werden die Tiere an einem geheimen Ort, um sie vor Wilderern zu schützen. Auch der Standort der neuen Krankenstation, in der sich Mitarbeiter ausschließlich um gerettete Schuppentiere kümmern, bleibt geheim. In einem Monat nimmt die Pflegestation den Betrieb auf. Dann können die Mitarbeiter bis zu 20 Pangoline gleichzeitig pflegen.

90 Euro pro Tier und Tag

„Es ist eine Intensivbehandlung. Wir führen CT-Scans und etliche Blutuntersuchungen durch“, so Lourens. Außerdem verlangten die Tannenzapfen nach einer aufwendigen Fütterung: Um sie zum Fressen zu animieren, müsse man die nachtaktiven Tiere Gassi führen. „Sie fressen nicht aus einer Schüssel. Sie wollen lebendige Ameisen und Termiten.“ Die Behandlung auf der neuen Intensivstation kostet 90 Euro pro Tier und Tag. Das Sponsoring übernimmt eine Bankengruppe.

Doch weshalb der Aufwand? Experten schätzen, dass die vier afrikanischen und vier asiatischen Pangolin-Arten bereits in 20 Jahren ausgerottet sein könnten. Eine genaue Zählung ist wegen der versteckten Lebensweise der Tiere unmöglich. „Doch solange die Nachfrage in Asien da ist, wird es auch Wilderei geben“, so Wright. Sie fordert mehr Aufklärung in der asiatischen Bevölkerung – und äußert leise Hoffnung. „Die junge Generation interessiert sich weniger dafür. Sie hat Smartphones und Computer. Das sind die Menschen, die wir ansprechen müssen.“ Allerdings bereitet ihnen der Wirtschaftsboom in einigen Ländern Sorge. Neureiche sehen Nashorn-Splitter und Co. als Statussymbol, erzählt Wright. „Sie führen ihre Geschäftspartner in Restaurants aus, bestellen Pangolin-Suppe für 2.500 US-Dollar pro Schüssel und alle bewundern sie. Das bleibt ein Problem.“

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