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Zoff wegen Pilger-Partys im „Ballermann“-Stil
Panorama 4 Min. 17.11.2022
Santiago de Compostella

Zoff wegen Pilger-Partys im „Ballermann“-Stil

Pilger auf dem Obradoiro-Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela. Am Ziel des Jakobsweges herrscht dieses Jahr großer Andrang – sogar noch im Herbst.
Santiago de Compostella

Zoff wegen Pilger-Partys im „Ballermann“-Stil

Pilger auf dem Obradoiro-Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela. Am Ziel des Jakobsweges herrscht dieses Jahr großer Andrang – sogar noch im Herbst.
Foto: Emilio Rappold/dpa
Panorama 4 Min. 17.11.2022
Santiago de Compostella

Zoff wegen Pilger-Partys im „Ballermann“-Stil

Die Besucher-Flut am Jakobsweg bricht alle Rekorde – doch längst stehen Religiosität und Andacht nicht mehr alleine im Mittelpunkt.

(dpa) – Mit Karacho rattern fünf junge Pilger auf Rädern die Stufen zum Obradoiro-Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela hinunter, daneben feiern zwei Dutzend Mexikaner ihre Ankunft mit Tanz und Gesang. „Llegamos, llegamos!“ – „Wir sind da, wir sind da!“, schreien sie. Am Ziel des Jakobsweges herrscht Hochkonjunktur – sogar jetzt noch im Herbst. Mehr als 430.000 Wallfahrer erhielten bereits die Ankunftsurkunde, wie die Pilger-Behörde Oficina del Peregrino informiert. Das sind bereits rund 20 Prozent mehr als im Rekordjahr 2019. Und dabei holen sich viele die Urkunde gar nicht ab – und werden nicht gezählt.

Im Wallfahrtsort im Nordwesten Spaniens klingen die Kassen lauter denn je. Die Betreiber der teuren Hotels, von Privatunterkünften, Souvenirläden und Gaststätten reiben sich die Hände. Aber nicht alle freuen sich. Denn anders als in Lourdes oder Fátima stehen Religiosität und Andacht längst nicht mehr im Mittelpunkt. Vermüllung, Lärm und Vandalismus nehmen immer mehr zu. Viele Bewohner der von der Unesco geschützten Altstadt sind wütend oder verzweifelt, wie man immer wieder hört, wenn man das Thema auch nur ansatzweise anspricht.

„Schlicht unerträglich“ 

„Es ist eine Tendenz, die schon vor einigen Jahren begann, aber dieses Jahr war es besonders schlimm, im Sommer war es zeitweilig schlicht unerträglich“, erzählt die Bewohnerin Beatriz. „Wenn Du mit 40 Wallfahrern um sieben Uhr morgens in die Stadt kommst, musst Du verstehen, dass dort Menschen wohnen, arbeiten, studieren, schlafen. Du kannst doch nicht laut herumgrölen. Es geht um Respekt“, sagt sie. 


Esel sind die perfekten Pilgerbegleiter - das wird in diesem Jahr auch bei der Oktave deutlich.
Mit Eseln auf Pilgertour
Eine Premiere für die Wallfahrt: Die „Ieselsfrënn Lëtzebuerg“ pilgern am Sonntag mit tierischer Begleitung in die Hauptstadt.

Dabei ist es im Zentrum der Hauptstadt Galiciens schon tagsüber sehr laut. Abends dann noch um einiges mehr. Vor allem in der Rua de Franco. Die Bars und Restaurants an der 400 Meter langen Partymeile sind an diesem Herbstabend noch um Mitternacht alle voll. Vor den Lokalen bilden sich zum Teil sehr lange Schlangen. „Noch 'ne Flasche, Leute?“, ruft ein Italiener an einem langen Tisch, und die Gruppe antwortet im Chor: „Siiii, un'altra bottigliaaaa!“

Die Einheimischen erkennt man oft daran, dass sie die Nase rümpfen, die Augen verdrehen oder den Gang beschleunigen. Ganz anders Hendrik. „Hier ist es fast so geil wie am Ballermann!“, ruft der Hamburger. „Nur der Strand und das Meer fehlen.“ Er muss das aus nächster Nähe gleich dreimal fast schreiend wiederholen, so laut ist es. Der 21-Jährige hat seine Eltern auf den gut 500 Kilometern zwischen Miranda de Ebro und Santiago zunächst nur widerwillig begleitet – ist aber nun „total überrascht und happy“.

Selbst die Mehrheit der einheimischen Studenten, von denen einige bekanntlich nicht ungern feiern, schimpft, wenn man sie nach dem Benehmen vieler Wallfahrer fragt – wie Beatriz’ Tochter Clara. „Es gibt immer mehr Müll auf den Straßen, immer mehr Ladendiebstähle.“ Clara fordert „mehr Respekt“. Einige sprechen sogar von „Krieg“: Pilger kämen oft mit Megafonen, Pauken oder Trompeten – und von Balkonen aus würden sie dafür mit Wassereimern begossen.

Die Pilger sollen sich besser benehmen, fordern die genervten Bewohner. Sie haben daher zehn Benimmregeln aufgestellt.
Die Pilger sollen sich besser benehmen, fordern die genervten Bewohner. Sie haben daher zehn Benimmregeln aufgestellt.
Emilio Rappold/dpa

Schreie und Urin

In Medien und sozialen Netzwerken ist die Kritik drastisch. Die Tageszeitung „El Mundo“ berichtete in einer Reportage von Besucher-Horden, die „obszöne Schreie“ ausstießen und „überall hinpissen“. Der Massentourismus „wie in Venedig oder auf Mallorca“ bringe die Gemeinde mit 96.000 Einwohnern „an den Rand des Kollapses“. In der Tat: Die Busse sind oft überfüllt, der traditionelle Handel wird verdrängt. Wegen des Airbnb-Booms herrscht dramatischer Wohnungsmangel. „Wir werden aus unserer Stadt verjagt“, sagte ein empörter „Compostelano“ der Digitalzeitung „Galiciapress“.

In den sozialen Netzwerken werden die Besucher mit „plündernden Hunnen“ und „britischen Fußball-Hooligans“ verglichen. Keine Übertreibung, beteuert Monse Vilar, Präsidentin des Bürgerverbandes „A Xuntanza“. Auf Facebook postet sie Videos, auf denen zu sehen ist, wie riesige Gruppen ankommender Pilger die Fahrbahn stürmen und den Autoverkehr zum Erliegen bringen. Vilar: „Das sind unzivilisierte und unverantwortliche Verhaltensweisen, die weit über Lärm hinaus gehen. Dies hier ist kein Freizeitpark, sondern ein bewohnter Raum.“


Die Muschel ist das Erkennungszeichen der Strecke und zeigt den Pilgern den Weg.
Die Rückkehr der Pilger
In schwierigen Zeiten hat der Jakobsweg eine Trendwende geschafft und mehr Pilger angelockt, als erwartet. Hält der Trend?

Regionalmedien warnen, der Jakobsweg könne „am eigenen Erfolg zugrunde gehen“. Noch in den 1970er-Jahren machte sich kaum jemand auf, den Camino zu gehen. Es waren damals nur ein paar Dutzende pro Jahr. Selbst bei den Besuchen des beliebten Papstes Johannes Paul II. kletterte diese Zahl nur auf jeweils rund 2.000 (1982) und 5.000 (1989). Im Zuge der spirituellen Bücher des brasilianischen Bestsellerautors Paulo Coelho kam dann der Boom. 1993 wurde erstmals die Marke der 100.000 Besucher geknackt, 1999 die der 150.000. Nach dem Kerkeling-Buch „Ich bin dann mal weg“ avancierten die Deutschen hinter den Spaniern zu einer der größten Gruppen.

Die Betroffenen setzten auf die Einsicht der Pilger und verbreiteten im Sommer Zettel mit „Benimmregeln für das Ende des Jakobsweges“. Die Hinweise würden aber von den meisten Besuchern ignoriert. Man beschwerte sich also als Nächstes bei den Behörden. Umsonst: Beim Treffen mit Bürgermeister Xosé Sánchez Bugallo „bat der uns, doch bitte eine kleine Anstrengung zu machen“, erzählte Vilar. Die Stadt erwägt sogar die Einführung einer Übernachtungssteuer, um noch mehr vom Besucherboom zu profitieren. Santiagos Erzbischof Julián Barrio warb für mehr Verständnis für die Pilger und deren Freude bei der Ankunft: „Wollen wir denn vom Meerwasser verlangen, dass es nicht salzig sein soll?“  

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