Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Zocker im hohen Alter
Evelyn Gundlach (r) und Ursula Cezanne (l) spielen in einem Berliner Studio an der Nintendo Switch ein Videospiel, bei dem man sich mit dem Controller rasieren muss.

Zocker im hohen Alter

Foto: Arne Bänsch/dpa
Evelyn Gundlach (r) und Ursula Cezanne (l) spielen in einem Berliner Studio an der Nintendo Switch ein Videospiel, bei dem man sich mit dem Controller rasieren muss.
Panorama 2 2 Min. 03.02.2019

Zocker im hohen Alter

Die Seniorinnen Evelyn Gundlach und Ursula Cezanne testen Computerspiele für einen YouTube-Kanal.

(dpa) - Wenn Evelyn Gundlach (87) und Ursula Cezanne (80) auf der Straße unterwegs sind, kann es passieren, dass Schulklassen ein Selfie wollen. Die beiden sind zwei Stars des YouTube-Kanals „Senioren zocken“, der mittlerweile 400.000 Abonnenten hat. Gespielt wird das, worüber die Enkel-Generation redet: „Grand Theft Auto V“, „Minecraft“ oder „Fortnite“.

Gleichzeitig auf den Bildschirm zu gucken und die Knöpfe zu beherrschen – das ist schwer, macht den Seniorinnen aber Spaß. „Es ist wie ein Rausch“, sagt Cezanne. „Ich spiele liebend gerne ,Mario Kart’“, sagt Gundlach. Nur Kriegs- und Ballerspiele mag sie gar nicht. „Mit sowas spielt man nicht.“ Da sei sie radikal. Cezanne erzählt, sie habe im Luftschutzbunker gesessen und viel Angst. Aber die wolle sie überwinden und diese Spiele testen, damit die Jugendlichen ihre Meinung dazu hören.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Die Produzenten sind Joschka und Sebastjan, zwei Medienschaffende, die als Macher hinter den Kulissen bleiben wollen. Die Spiele für „Senioren zocken“ kaufen sie selbst, erzählt Sebastjan. Der Kanal trägt sich den Machern zufolge dank Werbung und wird von anderen Projekten mitfinanziert. Die Senioren erhalten eine Aufwandsentschädigung.

Heute geht es in dem Studio, das in einer Berliner Wohnung aufgebaut ist, um „Red Dead Redemption 2“. Das vorzulesen, ist für Ursula Cezanne die erste Herausforderung. Als Ursula Cezanne danach mit ihrer Freundin gemeinsam ein anderes Game spielt, kriegen sich die beiden kaum ein. Das Gerät, mit dem man mit Bewegungen in der Luft Kühe melken oder sich rasieren kann, brummt in der Hand. Wenn die beiden gemeinsam nach Hause fahren, haben sie wieder eine Menge zu erzählen. Ob es Videospiele in Altenheimen geben sollte? Unbedingt! „Genau das ist es!“

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Altersforscherin Adelheid Kuhlmey vom Berliner Universitätsklinikum Charité verweist auf die guten Erfahrungen, die es bei Demenzkranken und der Nutzung von Tablets gibt. Diese können als Fotoalben beim gemeinsamen Erinnern helfen oder geben ein Gefühl von Sicherheit, wenn die Tochter auf Weltreise ist und mit der dementen Mutter per Video-Anruf sprechen kann. Computerspiele können sich im Schwierigkeitsgrad den kranken Menschen anpassen. So wird Frust vermieden. Mediziner können anhand der Daten den Verlauf des Gedächtnisverlusts beurteilen. Auch bei Gesunden ist es laut Kuhlmey wichtig, im Training zu bleiben: „Das Gehirn ist wie ein Muskel, den man trainieren kann.“

Evelyn Gundlach mag nicht nur die Computerspiele im Studio, sie spielt auch auf dem Tablet Rommé und Solitaire. Ihre Enkel und Urenkel seien stolz auf sie. Aber was die Leute daran witzig finden, anderen im Internet beim Spielen zuzugucken, ist ihr schleierhaft: „Was ist denn daran lustig?“ 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Auch die Großen wollen spielen
Sie bauen Todessterne, steuern Loks und sammeln Spielfiguren: Die Rede ist nicht von Kindern, sondern von Erwachsenen. Sie werden für die Spielwarenhersteller immer wichtiger. Doch sorgen sie auch für einen Boom in der Branche?
29.01.2019, Bayern, Nürnberg: Ashley und Mike präsentieren spielen während der Neuheitenschau der Spielwarenmesse mit zwei Figuren von Jazwares aus dem Action-Building-Spiel Fortnite. Foto: Daniel Karmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++