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XI. Hike Your Own Hike!

XI. Hike Your Own Hike!

XI. Hike Your Own Hike!

XI. Hike Your Own Hike!


17.05.2019

Foto: Eric Hamus

Geh deinen eigenen Weg, keine Gespräche über Politik und hinterlasse keine Spuren: Kurz vor Meilenmarker 430 befasst sich Eric Hamus mit den ungeschriebenen Gesetzen des Appalachian Trail.

Von Eric Hamus

Stolz grinst der junge Mann in die Kamera. In seiner Hand hält er den Schwanz einer schwarzen Königsnatter, deren Kopf leblos über dem Boden baumelt. Natürlich muss das Foto rasch in den sozialen Netzwerken verbreitet werden, soll diese vermeintliche Heldentat doch gebührend gefeiert werden.

Dass das Vater-Sohn-Duo, das seit Mitte März auf dem Appalachian Trail unterwegs ist, damit nicht nur gegen die Trail-Etikette verstoßen, sondern sich auch noch strafbar gemacht hat, scheint sie in diesem Moment nur wenig zu kümmern. Ihre Antwort auf die entrüsteten Reaktionen der anderen Hiker ist brüsk.

  Was wollt ihr von uns? Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig, außer dem Allmächtigen, unserem Schöpfer. 

“Was wollt ihr von uns? Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig, außer dem Allmächtigen, unserem Schöpfer. Das Überleben eines Menschen steht immer über dem Leben eines Tieres. Außerdem haben wir die Schlange selbst gegessen und mein Sohn wird das Leder nutzen, um einen Gürtel herzustellen. Wir haben keine Spur hinterlassen”, schreibt Catch-Up, versehen mit Flüchen und Drohungen, bevor er mit einer Phrase abschließt, die manche Wanderer als Freifahrtschein nutzen, um zu tun und zu lassen, was sie wollen: “Hike your own hike!”

“Geh deinen eigenen Weg”: Der Appalachian Trail ist voll mit Sprüchen und Mantras, doch dieser Satz ist wohl der geläufigste. Im Grunde genommen, heißt es nichts anderes, als dass man sich nicht von anderen beeinflussen lassen und seine Wanderung genießen soll. Der Spruch fällt vor allem im Zusammenhang mit Distanzen, Tempo oder Material.

Letzteres ist ein beliebtes Diskussionsthema und wenn viele Experten zusammen treffen, prallen auch so manche Meinungen aufeinander. Am Lagerfeuer entstehen rasch hitzige Diskussionen über die Vorzüge und Nachteile verschiedener Materialien und Ausrüstungsgegenstände: Zelt oder Hängematte? Wanderstiefel oder Sportschuhe? Rucksack mit oder ohne Rahmen? Schlafsack oder Daunendecke?

Die Themen sind vielfältig, die Diskussionen leidenschaftlich, doch irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht mehr weiter kommt. Dann heißt es in der Regel “Hike your own hike”, womit sich der lebhafte Austausch dann dem Ende zuneigt.

Foto: Eric Hamus

Wie im Falle von Catch-Up und seinem Sohn Rabbit-Foot aber nutzen manche Hiker den Spruch, um auch schlechtes Benehmen oder Verstöße gegen die Trail-Etikette zu rechtfertigen. “Ich mache dies bereits seit fünf Jahren. Doch die Zahl der Wanderer, die sich alle Freiheiten der Welt rausnehmen war noch nie so hoch”, erzählt Doug. Der Army-Veteran ist Shuttle-Fahrer in Erwin, Tennessee. Sie sind die Taxifahrer der Trail-Dörfer, haben neben Herbergsbesitzern den meisten Kontakt zu den Wanderern.


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Nicht selten komme es vor, dass diese ein Shuttle bestellen, Doug dann hoch in die Berge fährt, nur um auf einem leeren Parkplatz zu wenden. “In dem Fall sind die Kunden meist per Autostopp über alle Berge. Das ist auch okay so, würden sie wenigstens anrufen”, betont Doug. Die Meile kostet in der Regel einen Dollar. Ein fairer Preis, berücksichtigt man den Umstand, dass der Trail meist an abgelegenen, nur schwer erreichbaren Stellen auf Straßen trifft. “Sitzen sie dann im Wagen, wollen sie einen niedrigeren Preis verhandeln. Ich hatte sogar bereits Kunden, die eine Gratisfahrt herausschlagen wollten und dann beleidigt waren, wenn ich nicht nachgebe”.

Sie erwarten, ja fordern Trail-Magic. Diese Momente kommen überwiegend in Form von Barbecues oder kühlen Getränken, die von anderen Wanderern oder Ortsansässigen für die sogenannten Thru-Hiker hinterlassen werden. Diese Menschen werden dann Trail-Engel genannt, “Trail Angel”. “Doch ist Trail-Magic auch ein Problem”, stellt Red fest. “Der Trail ist hart. So viel steht fest. Manche Hiker aber glauben, ein Recht auf kostenloses Essen, eine Fahrt oder Unterkunft zu haben, weil sie viele Strapazen auf sich genommen haben. Wenn sie dann auch noch regelmäßig von Trail-Engeln verwöhnt werden, entsteht rasch ein falscher Eindruck”, fährt der Mitarbeiter von “Uncle Johnny’s Hostel and Campground” in Erwin fort.

Sartec ist da anderer Meinung. Sein Trailname steht für “Search and Rescue Technician”, eine Tätigkeit , der er in seiner aktiver Zeit in der Army nachgegangen war. Nach einem erfolgreichen Thru-Hike vor drei Jahren arbeitet Sartec nun im “Boots Off Hostel” in Hampton, Tennessee. “Es ist wie im richtigen Leben. Schlechtes Benehmen gibt es überall. Es gibt immer wieder Hiker, die aus der Reihe tanzen, doch die meisten sind echt toll und halten sich an die Regeln”, so der junge Mann.

Sartec spricht damit die ungeschriebenen Gesetze des Trails an: “No politics, no religion, no trace”. In anderen Worten: Politik und Religion sind Themen, die auf dem Trail ebenso vermieden werden sollen, wie Spuren in der Wildnis zu hinterlassen. Letzteres ist sogar oberstes Gebot. Bei jeder Gelegenheit werden den Wanderern die sieben Prinzipien von LNT - Leave no Trace - ins Gedächtnis gerufen: “plan and prepare ahead, be considerate to others, respect farm animals and wildlife, travel and camp on durable ground, leave what you find, dispose of waste properly and minimise the effects of fire”.

Zusammengefasst gilt es einfach nur, keine Spuren zu hinterlassen. Alles, was man mit in den Wald bringt, soll auch wieder raus. Und alles, was man im Wald findet, sollte auch im Wald bleiben - außer Müll natürlich. Das gilt für schöne Steine, Blumen, aber auch Schlangenleder.

  Don’t be that guy!  

Mit ihrem kleinen Abenteuer und dem darauf folgenden Austausch über soziale Netzwerke haben Catch-Up und Rabbit-Foot nicht nur gegen die LNT-Prinzipien verstoßen, sondern sich auch noch strafbar gemacht: In den meisten Bundesstaaten entlang des Trails ist das Töten von Schlangen verboten. Vor allem (nicht giftige) Königsnattern sind wichtig für das Ökosystem, da sie sich nicht nur von Nagetieren ernähren, sondern auch von giftigen Klapperschlangen und Copperheads, die sich in den letzten Jahren rasant vermehrt haben und eine Gefahr für Umwelt und Hiker darstellen.

Jagd entlang des Appalachian Trail ist ein heikles Thema. Zwar stehen verschiedene Tierarten je nach Naturparks und Bundesstaaten unter Schutz, doch ist die Jagd in vielen Teilen der USA durchaus erlaubt. Mitunter auch entlang des Appalachian Trail, solange man sich nicht in einem offiziellen National- oder Staatspark befindet. Würde jedoch nur ein Bruchteil der jährlich drei Millionen Besucher auf dem Trail ein Tier töten, wäre der Impakt auf die Umwelt enorm.

Bis auf die beiden Nationalparks - Great Smoky Mountains und Shenandoah - ist der Zugang zum Trail offen und kostenlos. Da die Wanderer aber vor allem im ersten Drittel des Trails viele Spuren, sprich Müll, Lagerfeuer und Zerstörung, hinterlassen, denken die Behörden über ein Zulassungsverfahren nach, wie es bereits Standard für andere Weitwanderwege in den USA ist. Ihre Hoffnung: Dass sich die Spreu bereits beim Beantragen des Scheines vom Weizen teilt.

Foto: Eric Hamus

“Jedes Jahr versuchen in etwa 4 000 Wanderer, den Weg an einem Stück zu laufen. Viele entscheiden spontan, sind unvorbereitet und verlassen den Trail nach nur wenigen Tagen oder Wochen. Mit Wildnis und Umwelt haben nur die wenigsten davon etwas am Hut. Entsprechend ist das Benehmen auf dem Trail”, betonte Hilfsranger “Master Splinter” bei der Einführung Anfang März am Startpunkt in Georgia. “Don’t be that guy!”, so seine Aufforderung. “Mache es besser”.

Ob sich Catch-Up und Rabbit-Foot die Kritiken zu Herzen genommen haben, mag ich an dieser Stelle zu bezweifeln. Nur wenige Tage später haben die beiden mit einem Beitrag über den aktuellen Präsidenten in den sozialen Netzwerken erneut für Furore gesorgt, und sich dabei wieder auf Religion berufen. Sein Sohn und er seien niemandem Rechenschaft schuldig, außer dem Schöpfer. “Trolls” werden solche Leute im Internet genannt. Menschen, die absichtlich Staub aufwirbeln, um andere Wanderer auf die Palme zu treiben.

Man merkt: Auch auf dem Trail ist man vor Drama nicht gefeit. Dabei wäre es doch so schön, könnte man die LNT-Prinzipien auch auf das wirkliche Leben übertragen: Bereite dich vor, sei nett zu anderen, füge niemandem Schaden zu und behalte deinen Müll bei dir …  


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