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X. The Trail Will Provide

X. The Trail Will Provide

X. The Trail Will Provide

X. The Trail Will Provide


von Eric HAMUS/ 03.05.2019

A lesson in humility – eine Lektion in Demut: Treffender könnte man meine Erfahrung auf dem Appalachian Trail nicht umschreiben. Dieser Gedanke kam mir vor wenigen Tagen, als ich während eines Anstiegs mit einem älteren Herrn ins Gespräch kam, der sich auf einem Baumstamm entlang des Weges etwas ausruhte.

LukeWalker sei sein Name, so der rüstige Wanderer. “Luke, wegen meiner Leukämie-Diagnose”, fuhr er fort. Ob er den gesamten Weg zu wandern gedenke? “Ich habe Krebs im Endstadium. Ich gehe soweit mich meine Füße tragen”, lautete seine Antwort. 

Seitdem muss ich immer wieder an LukeWalker denken, wenn mir während eines Anstiegs die Puste ausgeht oder beim Abstieg der Fuß schmerzt. An CarryOn, der mit seinen 79 Jahren und seinem halb mechanischen Herzen jeden Tag seine sechs Meilen wandert, um unserem Ziel schrittweise näher zu kommen. Oder an Rodeo, der trotz seines fortgeschrittenen Alters, gebrochenen Rippen und einer Meniskusverletzung immer wieder auf ein Neues versucht, ein Stückchen weiter nördlich zu wandern. 

“Man muss schon etwas verrückt sein, 2.200 Meilen am Stück zu laufen”, philosophierte Ghost bei unserer ersten Begegnung auf einer Anhöhe in Georgia. “Wir alle haben unsere Gründe”, pflichtete ihm Reno bei. Ob nun eine gescheiterte Beziehung, ein Jobverlust, die Erfüllung eines Lebenstraums, ein Gewissenskrieg oder ähnliche Erfahrungen - so hat jeder Wanderer seinen ganz eigenen, persönlichen Antrieb.  


Appalachian Trail: A Luxembourger in America
Journalist Eric Hamus bloggt wieder aus den Vereinigten Staaten. Dieses Mal aber nicht von den Midterms, sondern von seinem Versuch, die 3500 Kilometer des Appalachian Trail an einem Stück zu wandern.

Als da wäre Gabe Irwin, ein junger Mann, den alle nur PC nennen, weil er jederzeit manierlich und “politically correct” ist. Er möchte in die Fußstapfen seines vor fünf Jahren verstorbenen Großvaters treten. Bill Irwin war 1990 nämlich der erste komplett erblindete Wanderer, der den AT in seiner gesamten Länge absolvierte. Geleitet wurde er nur von seinem Schäferhund Orient, was den beiden als Gespann den Trailnamen Orient Express einbrachte. “Ich habe bereits als Kind davon geträumt, den AT zu wandern”, so der junge Mann. “Nach 300 Meilen wird mir aber erst so richtig bewusst, dass ich es auch schaffen könnte”.     

“Why the AT?”, ist eine der gängigsten Fragen entlang des Wanderweges. “Warum wanderst du den Appalachian Trail?” Meine Antwort fällt in der Regel kurz aus: “Because I love backpacking”. Auch wenn das keine Lüge ist, so sind die Gründe bei reichlicher Überlegung doch weitaus komplexer. 

Solltest du ans Aufhören denken, wandere noch drei weitere Tage 

Natürlich liebe ich das Rucksackwandern. Den AT habe ich mit der Erfahrung von 700 gewanderten Kilometern aus den letzten drei Jahren in Angriff genommen. Und doch ist der Appalachian Trail nicht vergleichbar mit dem West Highland Way oder dem Great Glen Way in Schottland, dem Laugavegur in Island, dem Hadrianswall in England oder dem Müllerthal Trail im Großherzogtum. 

Da wären zum einen die Länge und zum anderen die mentalen Herausforderungen. Die Strapazen des ständigen Auf und Ab, das extreme Profil, Krankheiten und Verletzungen, die endlosen Tage und Nächte, alle zehren sie an den Nerven. Und das sechs Monate lang. Man wird zum Spielball der Elemente, muss mitunter tagelang in nasser Kleidung wandern, bevor man sich wieder in ein feuchtes Zelt bettet. 

Viele Wanderer leiden an Heimweh und die Aussicht auf vier bis fünf weitere Monate unter freiem Himmel lassen rasch Zweifel aufkommen, ob man sich die “Tortur” noch länger antun möchte. “No Rain, No Pain, No Maine”, lautet eine Plattitüde auf dem AT. Maine ist nämlich das Ziel, das je nach Laune und Tagesform immer mehr in die weite Ferne rückt. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. 

“Never quit on a bad day”, lautet aber eine der Faustregeln. Man darf nie an einem schlechten Tag das Handtuch werfen. “Solltest du ans Aufhören denken, wandere noch drei weitere Tage”, empfiehl mir Iceager, den ich während meiner Testwanderung in der ersten Märzwoche kennen lernte. Er selbst hat den Trail bereits zwei Mal absolviert. “Meist ändert sich das Wetter, du lernst neue Leute kennen oder du erblickst eine Aussicht, die dich umhaut”, begründete er seinen Rat. 

Und er hat Recht. Das gemeinsame Wandern schweißt zusammen. Ich könnte an dieser Stelle mindestens ein Dutzend Mitwanderer aufzählen, die ich inzwischen zu meinem engeren Freundeskreis zähle, auch wenn ich mit den meisten nur wenige Tage auf dem Trail verbracht habe. 


IX. Adventures in the real world
Eric Hamus macht diesmal auf dem Appalachian Trail einen unfreiwilligen Ausflug in die harte Wirklichkeit und lernt das US-Amerikanische Gesundheitssystem kennen.

Seien es nun die schweißtreibenden Anstiege, die man zusammen überwunden hat, tiefgründige Gespräche am Lagerfeuer, das gemeinsame Erforschen einer Trailstadt (Drinks inklusive), das Herumalbern beim Zeltaufbau oder geteiltes Schweigen bei der Ansicht eines atemberaubenden Panoramas – mit jeder Erfahrung werden die Bande stärker. 

So war es nicht nur die unglaubliche Unterstützung und Anteilnahme der Familie, Freunde und Bekannte aus Luxemburg, die mir durch meine Verletzungspause geholfen haben. Die Anzahl der Nachrichten meiner Trailfreunde war schier unglaublich. 

“So many new faces out here. I just want you to know that you are being missed, Luxembro”, schrieb zum Beispiel Ghost nach seiner eigenen Verletzungspause, während Sweettooth mir in jedem einzelnen Shelter-Logbuch eine aufmunternde Nachricht hinterließ – obschon sie annehmen musste, dass ich die meisten davon nie zu Gesicht bekommen werde.

Gesten, gekoppelt mit den Anfeuerungen aus Luxemburg, sind natürlich Balsam auf die geschundenen Füße. Waren es doch unter anderem die diesbezüglichen Erfahrungen ehemaliger Thru-Hiker, die mich während meiner Vorbereitung von meinem Vorhaben überzeugt haben. In diesem besonderen Fall ist der Weg tatsächlich das Ziel. Wichtig ist, dass man sich diese Lektionen auch zu Herzen nimmt. So haben mir meine absolvierten 300 Meilen nicht nur Demut beigebracht. 

Warum also der AT? Weil ich mich körperlich und mental beweisen möchte. Weil ich nach persönlichen Rückschlägen und beruflichen Fehleinschätzungen in den letzten drei Jahren meine Auszeit in den Appalachen nutzen möchte, mich zu sammeln, negative Einflüsse auszusortieren und neue Energie zu tanken. Und weil mir meine eigene Impulsivität und Ungeduld zu oft im Weg standen. 


VIII. “The last one to Katahdin wins!”
Kurz vor der 200-Meilen-Marke muss sich Eric Hamus etwas in Geduld üben. Während er eine Verletzung auskuriert, befasst sich der Autor mit den mentalen Herausforderungen des Appalachian Trail – und dem skurrilen Lokalkolorit.

Tatsächlich durfte ich mich in den letzten sechs Wochen darin üben, Situationen zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann. Ertappte ich meine Gedanken in den ersten Tagen vor einem Anstieg noch bei der fieberhaften Suche nach einem Ausweg, so nehme ich die Berge inzwischen, wie sie kommen. Der Appalachian Trail führt nun mal über Stock und Stein, durch Berg und Tal. Und da ich muss durch. 

Gleiches gilt für das Wetter, eines der Hauptgesprächsthemen am Lagerfeuer. Behielt ich am Anfang die Vorhersagen noch stündlich im Auge, so mache ich mir inzwischen nicht mal mehr die Mühe, die App auf meinem Smartphone aufzurufen. Wenn es regnet, dann regnet es halt. Ändern kann ich das Wetter genauso wenig, wie die Höhe der hiesigen Berge.

Ich kann mich aber auf die nächste Unterhaltung mit interessanten Personen freuen. Auf ein leckeres Essen (und Cherry Coke) in der nächsten Trailstadt. Auf Ortsansässige, die unverhofft am Straßenübergang mit Hot Dogs und kalten Getränken aufwarten. Und auf die atemberaubenden Aussichten, die Gänsehaut auslösen und den mühevollen Anstieg mit einem Schlag vergessen machen. Denn um mit einer weiteren Plattitüde abzuschließen: “The trail provides” – Der Trail belohnt jene, die sich die Mühe geben, ihn zu wandern.  


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VII. Auf gefährlichen Pfaden
Während sich Eric Hamus durch die Great Smoky Mountains langsam aber sicher der 200-Meilen-Marke nähert, muss er sich den etlichen Gefahren bewusst werden, die auf die Wanderer lauern.
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