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„Wir betteln nicht mehr um unsere Rechte“
Panorama 5 Min. 28.06.2019 Aus unserem online-Archiv

„Wir betteln nicht mehr um unsere Rechte“

Tree war schon vor 50 Jahren Stammgast im Stonewall Inn und arbeitet dort auch 50 Jahre nach den Ausschreitungen immer noch regelmäßig als Barkeeper.

„Wir betteln nicht mehr um unsere Rechte“

Tree war schon vor 50 Jahren Stammgast im Stonewall Inn und arbeitet dort auch 50 Jahre nach den Ausschreitungen immer noch regelmäßig als Barkeeper.
Foto: Philipp Hedemann
Panorama 5 Min. 28.06.2019 Aus unserem online-Archiv

„Wir betteln nicht mehr um unsere Rechte“

Der Stonewall-Aufstand vor 50 Jahren war die Geburtsstunde der modernen Homosexuellen-Bewegung. Zwei Männer, die damals demonstrierten, berichten von den historischen Erlebnissen.

von Philipp Hedemann (New York) 

Vor 50 Jahren, am 28. Juni 1969, stürmte die Polizei die Schwulenbar Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street. In gewaltsamen Protesten setzen Schwule, Lesben und Transsexuelle sich erstmals zur Wehr. Es war die Geburtsstunde der modernen Homosexuellen-Bewegung und der Christopher-Street-Märsche. 50 Jahre später werden beim größten Gay-Pride-Festival der Welt am 30. Juni 4,5 Millionen Menschen in New York erwartet. Zwei Männer, die vor 50 Jahren bei den Protesten dabei waren und zu Ikonen der Bewegung wurden, erinnern sich.

„Erst flackerten die Lichter, dann stürmten Polizisten ins Stonewall. Sie stießen die Gäste gegen die Wände. Ich bekam Panik“, erinnert sich Mark Segal an jene Nacht im Stonewall Inn, die sein Leben für immer verändern sollte. Der damals 18-jährige war erst sechs Wochen zuvor nach New York gezogen. Bis dahin hatte er in Philadelphia gelebt und gedacht, er sei der einzige Schwule in der 1,6-Millionen-Einwohner-Stadt.

„Bis zu jener Nacht waren wir unsichtbar. Man konnte nur in ganz wenigen Büchern etwas über uns lesen. Und darin wurden wir als psychisch krank, kriminell und moralisch verdorben beschrieben“, erzählt Segal 50 Jahre später.

Der einzige Ort, an dem man als Mann, der Männer liebte, damals man selbst sein könne, war die Christopher Street im New Yorker Greenwich Village, hatte der Schüler gehört. Sobald er die Schule beendet hatte, zog er deshalb nach New York. „Dort fand ich das Stonewall und Leute, die so waren wie ich. Ein Traum wurde war“, erinnert sich der heute 68-Jährige.

Auch Tree, ein Hüne von einem Mann, der damals wie heute wegen seiner Statur nur Tree – der Baum – genannt wurde, war schon vor 50 Jahren Stammgast im Stonewall Inn. „Ich war damals 30 Jahre alt, aber meine Eltern wussten offiziell nicht, dass ich schwul war. Eltern haben ihre Kinder damals durch die Hölle gejagt, wenn sie es rausfanden. Sie haben ihnen Stromschläge verpassen lassen und sie in eiskaltes Wasser geworfen, um sie zu heilen“, sagt der Mann, der 50 Jahre nach den Ausschreitungen regelmäßig als Barkeeper im Stonewall Inn arbeitet.

Das Mekka aller Schwulen und Lesben

Heute tummeln sich in der Bar Homo- und Heterosexuelle, Transsexuelle, Dragqueens und Touristen aus aller Welt. „Das Stonewall ist heute ein Tempel. Es ist das Mekka aller Schwulen und Lesben“, sagt Tree. Doch vor 50 Jahren wurde die Bar von der New Yorker Mafia kontrolliert und war immer wieder Ziel von Razzien.

Nach dem Aufstand in der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village gab es eine regelrechte Revolution.
Nach dem Aufstand in der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village gab es eine regelrechte Revolution.
Foto: New York Public Library

„Vor dem Stonewall-Aufstand bin ich bestimmt zehn- bis zwölfmal verhaftet worden. Aber die Mafia hat oft Anwälte gezahlt, die uns wieder rausgeholt haben. Sie wollten keine Kunden verlieren. Am nächsten Tag waren wir stets wieder im Stonewall“, berichtet Tree. Bei der berüchtigten Razzia am 28. Juni 1969 gegen 1.20 Uhr in der Früh gelang es Tree und Mark Segal, aus der Bar zu entkommen, ohne festgenommen zu werden. Doch Segal hatte zuvor beobachtet, wie Polizisten vermeintlich reichen Gästen Geld abknüpften. Viele Barbesucher waren verheiratete Familienväter und Menschen, die ihre Sexualität nur heimlich ausleben konnten. Sie hofften, dass ihre Namen nicht publik gemacht würden, wenn sie die Polizisten bestachen.

Als die Angst in Wut umschlug

„Als ich sah, wie die Polizisten völlig ungeniert Leute ausraubten, begriff ich, dass wir für sie nur Dreck waren. Mit uns konnten sie machen, was sie wollten, ohne Konsequenzen zu befürchten“, sagt Segal. Als er mit einigen Dutzenden Männern und Frauen vor der Tür des Stonewall Inns stand, schlug seine Angst in Wut um. Auch Tree fühlte sich durch die anderen Protestierenden angestachelt. Bald flog der erste Stein.

„Ob ich Angst hatte? Nein, zur Hölle! Ich hatte den Spaß meines Lebens! Wir haben gegrölt und die Polizisten beschimpft, die sich in der Bar verschanzt hatten. Ein paar Leute rissen eine Parkuhr aus der Verankerung und benutzten sie als Rammbock, um die Tür aufzubrechen. Wir haben alles auf die Bar geworfen, was wir finden konnten, auch brennende Mülleimer. Dann kam Verstärkung. Denn es war schon damals nicht erlaubt, eine Bar anzuzünden, in der sich Polizisten befanden“, erzählt Tree 50 Jahre später in einer Kneipe in unmittelbarer Nähe des Stonewall Inns. Er ist heute 80 Jahre alt. Doch vor allem, wenn er von der Nacht seines Lebens erzählt, wirkt der massige Mann Jahrzehnte jünger.


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Als mit Schlagstöcken bewaffnete Verstärkung eintraf, tat Tree das, was er bis dahin immer getan hatte, wenn es brenzlig wurde: Er rannte davon. Der zwölf Jahre jüngere Mark Segal hingegen blieb. „Meine Angst war verflogen. Vielleicht lag es daran, dass wir uns endlich gegen die Unterdrückung, unter der wir unser Leben lang gelitten hatten, zur Wehr setzten“, berichtet Segal. Noch in derselben Nacht schrieb der damals 18-Jährige mit Kreide auf Straßen und Wände: „Morgen Nacht: Stonewall!“

Obwohl es Festnahmen und Verletzte gegeben hatte, traf Segal in den Nächten nach den gewaltsamen Ausschreitungen vor dem geschlossenen Stonewall Inn Gleichgesinnte, kurz darauf wurde er Mitbegründer der radikalen „Gay Liberation Front“. „Aus dem Aufstand am Stonewall wurde eine Revolution. Wir haben die Christopher Street von der Polizei zurückerobert! Seit Stonewall bitten und betteln wir nicht mehr um unsere Rechte. Wir fordern sie laut und selbstbewusst ein. Wir sind nicht mehr unsichtbar! Und wir lassen uns nicht mehr von der Gesellschaft definieren. Wir definieren uns selbst.“

Ein Jahr nach den Ausschreitungen gehörte er zu den Organisatoren des ersten Gay-Pride-Marsches. Unter Pfiffen und Buhrufen marschierten damals einige Tausend Menschen von der Christopher Street zum Central Park. 50 Jahre nach dem Stonewall-Aufstand werden 4,5 Millionen Menschen zu den Feierlichkeiten in New York erwartet. Auch Schwulen-Ikone Madonna hat sich angekündigt. Und dennoch sieht Mark Segal, der heute Herausgeber der „Philadelphia Gay News“ ist, seine hart erkämpfte Freiheit gefährdet.

„Unter Trump hat sich das Klima für alle marginalisierten Gruppen dramatisch verschlechtert. Seine Regierung versucht, uns wieder unsichtbar zu machen“, sagt Segal. So hatte das Außenministerium unter anderem amerikanische Botschaften angewiesen, nicht mehr die Regenbogenflagge zu hissen. „Ich hoffe, dass nicht nur der schwule Botschafter in Berlin die Eier hat, sich dem zu widersetzen“, sagt Segal kämpferisch.

Könnte sich ein gewaltsamer Protest wie der Stonewall-Aufstand in den USA wiederholen? Segal antwortet ohne Zögern. „Ja! Wenn die Regierung versucht, unsere Rechte wieder einzuschränken, passiert es wieder. Ich bin jetzt 68 Jahre alt, aber wenn es sein muss, bin ich wieder beim Aufstand dabei.“ 


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