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Willi Graf: "Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben"
Panorama 3 Min. 12.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Willi Graf: "Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben"

In der Basilika St. Johann erinnert regelmäßig eine frische weiße Rose an Willi Graf.

Willi Graf: "Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben"

In der Basilika St. Johann erinnert regelmäßig eine frische weiße Rose an Willi Graf.
Foto: Dominik Holl / Bistum Trier
Panorama 3 Min. 12.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Willi Graf: "Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben"

Er übernahm die gefährliche Aufgabe in der "Weißen Rose", Unterstützer für den Widerstand gegen Hitler zu werben: Vor 75 Jahren starb Willi Graf unter dem Fallbeil der NS-Diktatur. Die Kirche prüft eine Seligsprechung des gläubigen Katholiken.

  Von Michael Merten (KNA)  

 "Zur Beachtung!", heißt es in bürokratischem Deutsch auf dem Briefpapier, das die Häftlinge des Strafgefängnisses München-Stadelheim benutzen dürfen. Es folgen eine Reihe von Vorschriften, etwa: "Briefe deutlich und mit Tinte schreiben!" Die Zeilen, die Willi Graf am 12. Oktober 1943 verfasst, sind in einer klaren, leserlichen Handschrift verfasst - erstaunlich gefasst und aufgeräumt für einen Menschen, der seiner Familie schreibt: "An diesem Tag werde ich aus dem Leben scheiden und in die Ewigkeit gehen."


Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst im Juli 1942. Die Studenten waren Mitglieder der "Wei§en Rose", die 1942/43 in MŸnchen und anderen deutschen StŠdten zum Widerstand gegen Hitler aufrief
"Wir schweigen nicht!"
Sie gehören zu den bekanntesten Widerstandskämpfern der Nazi-Zeit: Mit Flugblättern und Anti-Hitler-Parolen wehrten sich die Geschwister Hans und Sophie Scholl gegen das NS-Regime. Dafür mussten die Studenten vor 75 Jahren mit ihrem Leben bezahlen.

 

25 Jahre zuvor, am 2. Januar 1918, wird Wilhelm, genannt Willi Graf in Kuchenheim bei Euskirchen geboren. Seine Eltern, der Kaufmann Gerhard Graf und seine Frau Anna, geborene Gölden, haben noch zwei Töchter, Mathilde und Anneliese. Die Familie ist tief gläubig, auch Willi wird stark vom katholischen Milieu geprägt. Als der Junge vier Jahre alt ist, zieht die Familie nach Saarbrücken, wo Willi 1937 sein Abitur macht. Seine katholische Jugendorganisation wird von den Nazis verboten. Viele Freunde gehen zur Hitlerjugend - Willi nicht.


Gedenkplatte für Willi Graf an seinem letzten Wohnort in der Münchner Mandlstraße
Gedenkplatte für Willi Graf an seinem letzten Wohnort in der Münchner Mandlstraße
Foto: Wikimedia Commons / Donaulustig / Rechtefrei

 

Nach Schule und geleistetem Reichsarbeitsdienst schreibt sich Graf für ein Medizinstudium in Bonn ein. Wegen "bündischer Umtriebe" - der Student hatte sich einer weiteren katholischen Organisation angeschlossen - verhaftet ihn die Geheime Staatspolizei (Gestapo), er sitzt einige Wochen in Untersuchungshaft. 1939 wechselt er an die Münchner Universität, wird aber mit Kriegseinbruch zum Sanitätssoldaten ausgebildet. Graf erlebt die Schrecken des Krieges; auch die Verfolgung der Juden nimmt er wahr. "Sehr viel Elend muss man hier anschauen", schreibt er in einem Brief über das Warschauer Ghetto. Graf hadert mit dem NS-Regime, sucht Halt in seinem Glauben.


Graf stößt 1942 zur "Weißen Rose"

 

Als er schließlich in eine Münchner Studentenkompanie versetzt wird, lernt er im Juni 1942 den Ulmer Kommilitonen Hans Scholl kennen; schnell werden die beiden Freunde. Hans weiht Willi in die geheimen Aktivitäten von ihm, seiner Schwester Sophie und einer Handvoll weiterer Verbündeter ein, die regimekritische Flugblätter verteilen. Graf wird Mitglied der Widerstandsgruppe "Weiße Rose".

 

Der Historiker Wolfgang Benz schreibt: "Graf übernimmt den gefährlichsten Teil der konspirativen Arbeit, reist mit gefälschten Militärfahrkarten nach Bonn, Freiburg, Ulm, Saarbrücken, um Verschwörer zu werben." Auch bei seinem letzten Weihnachtsfest 1942 in Saarbrücken wirbt er Kameraden als Helfer an. Wenig später, am Vormittag des 18. Februar 1943, fliegt die Weiße Rose auf.


  • Im Sommer 1942 und zu Beginn des Jahres 1943 verbreitete die studentische Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose" erst in München, dann auch im süddeutschen Raum sowie in Linz, Salzburg und Wien Flugblätter gegen Hitler und das nationalsozialistische Regime. Sie forderte darin zunächst zum passiven Widerstand auf, aber schon bald auch zum Sturz der Regierung.

    Persönliche Überzeugungen und negative Erfahrungen mit dem NS-Staat ließen die Mitglieder der "Weißen Rose" schon früh zu kritischen Beobachterinnen und Beobachtern des Regimes werden. Die Münchner Studierenden um Hans und Sophie Scholl und ihr Professor bezahlten diese Überzeugung mit ihrem Leben. Sie wurden 1943 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer der "Weißen Rose" und Mitwisserinnen und Mitwisser wurden in der Folge mit dem Tode oder mit Freiheitsentzug bestraft.

    (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

 

Nach einer Flugblattaktion an der Münchner Universität werden die Widerständler verhaftet. Es folgen tagelange Verhöre. Nur vier Tage nach der Verhaftung werden Hans und Sophie sowie der Student Christoph Probst verurteilt und hingerichtet. Graf leugnet zunächst jedwede Mitwisserschaft, und versucht dann zu retten, was zu retten ist: Er schiebt die Verantwortung auf den schon toten Hans Scholl. Dennoch werden Graf und weitere Mitglieder der Weißen Rose am 19. April zum Tode verurteilt.


Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben.


In der letzten Nachricht tröstet er seine Angehörigen: "Seid stark und gefasst und vertraut auf Gottes Hand, der Alles zum Besten lenkt, wenn es auch im Augenblick bitteren Schmerz bereitet." Seiner Schwester Anneliese kann er über den Gefängnisgeistlichen noch eine letzte Botschaft an seine Freunde mitgeben: "Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben." Am 12. Oktober um 17 Uhr stirbt Willi Graf, nur 25 Jahre alt, unter dem Fallbeil.

 

Er wird in München beigesetzt und nach dem Krieg zum Saarbrücker Friedhof Sankt Johann überführt. In der dortigen gleichnamigen Basilika, wo Graf Ministrant gewesen ist, feierte der Trierer Bischof Stephan Ackermann am 2. Januar, Grafs 100. Geburtstag, einen Gedenkgottesdienst. Schon vorab hatte er den Widerstandskämpfer gewürdigt: "Er ist für seine Überzeugung in den Tod gegangen. Wir können sein Andenken ehren, indem wir unsere Stimme erheben gegen Menschenrechtsverletzungen, Unrecht oder Hass."


Seligsprechung wird geprüft


Das Erzbistum München und Freising prüft derzeit, ob für Willi Graf die Möglichkeit einer Seligsprechung besteht. Dazu wurde eine Voruntersuchung eröffnet, in der sich Theologen und Historiker mit dem Leben und den Schriften Grafs befassen.


Foto: Gedenkplatte an Willi Grafs letztem Wohnhaus / Wikimedia Commons, rechtefrei / Donaulustig


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