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Willem Dafoe: „Ich bin immer in Bewegung“
Panorama 1 5 Min. 28.04.2019 Aus unserem online-Archiv

Willem Dafoe: „Ich bin immer in Bewegung“

Willem Dafoe feierte sein Filmdebüt im Jahr 1980, im Alter von 25 Jahren, mit einer eher unbedeutenden 
Rolle im Western „Heaven's Gate“.

Willem Dafoe: „Ich bin immer in Bewegung“

Willem Dafoe feierte sein Filmdebüt im Jahr 1980, im Alter von 25 Jahren, mit einer eher unbedeutenden 
Rolle im Western „Heaven's Gate“.
Foto: Shutterstock
Panorama 1 5 Min. 28.04.2019 Aus unserem online-Archiv

Willem Dafoe: „Ich bin immer in Bewegung“

Der US-Schauspieler Willem Dafoe spricht im Interview über seine Darstellung des Vincent van Gogh, schwierige Rollen und das Finden von innerer Ruhe.

Interview: Mariam Schaghaghi

„Hollywoods schwarzer Engel“ wurde er schon genannt. Willem Dafoe gilt seit Jahrzehnten als einer der mutigsten und profiliertesten Charakterdarsteller. Nun ist er in Julian Schnabels Van-Gogh-Filmporträt „At Eternity's Gate“ auch in den luxemburgischen Kinos zu sehen. Der 63-jährige US-Schauspieler verschmilzt geradezu mit dem Bild, das wir von dem niederländischen Malergenius vor Augen haben: der rötliche Spitzbart, das zerfurchte Gesicht, die wasserblauen Augen. Als Belohnung für diese Leistung wurde er in diesem Jahr für den Oscar nominiert. Er ging bei der Preisverleihung aber leider leer aus.

Willem Dafoe, wie erzählen und charakterisieren Sie einen Künstler, den jeder zu kennen meint?

Wir versuchen in „At Eternity's Gate“ tatsächlich die gewöhnlichen Handlungs- und Erzählstrukturen eines Films aufzubrechen. Es handelt sich nicht um eine klassische Biografie: Wir reisen nicht zu bestimmten Stationen und Ereignissen in van Goghs Leben. Vielmehr versuchen wir, in den Kopf von van Gogh einzusteigen und die Welt durch seine Augen zu sehen. Wir versuchen zu fühlen, wie er Malerei, Spiritualität und die Natur wahrgenommen hat.

Interessanterweise ist Ihr Vorname Willem auch van Goghs zweiter Vorname. Konnten Sie weitere Gemeinsamkeiten entdecken?

Ich habe eine starke Verbindung zu Holland und habe dort viel Zeit verbracht. Bevor ich mich mit der Rolle intensiv auseinandergesetzt hatte, war van Gogh für mich – wie für jeden anderen kunstinteressierten Menschen – eine wichtige Figur der Kunstgeschichte. Erst in der Vorbereitung bin ich ganz in sein Leben eingetaucht und habe beispielsweise die Briefe gelesen, die er im Laufe seines Lebens geschrieben hat.

Eine verbreitete Meinung über van Gogh ist, dass er verrückt geworden sei. Was denken sie?

Als ich meinem Bruder, einem Chirurgen, erzählte, dass ich van Gogh spiele, war seine erste Bemerkung, dass bei van Goghs Behandlung eine Überdosierung stattgefunden hat, die seine visuelle Wahrnehmung der Welt verändert hat. Die Medizin, die man damals für psychiatrische Fälle einsetzte, hat so heftige visuelle Nebenwirkungen, dass sie im Medizinstudium heute noch nach van Gogh benannt werden. Nun, ich bin kein Arzt, ich weiß nicht, ob van Gogh verrückt war oder ob ein Behandlungsfehler seine Situation zugespitzt hat. Aber es gibt so viele seltsame Geschichten und Vorurteile über van Gogh, dass ich mich unmöglich daran orientieren konnte.


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Wenn man das Filmplakat sieht, ist sofort klar: Sie sind die perfekte Besetzung für van Gogh. Was ging in Ihnen vor, als Regisseur Julian Schnabel Sie auf die Rolle ansprach?

(lacht) Zunächst habe ich daran gedacht, wie perfekt Julian als Regisseur zu einem Film über van Gogh passt. Ich kenne Julian gut und wusste, dass er sehr großzügig mit mir umgehen wird und ich sehr viel Geduld mit ihm haben werde. Wir sind ein gutes Team. Natürlich hilft es bei einer historischen Figur, wenn der Schauspieler ihr ähnlich sieht. Das war hier ja auch der Fall. Trotzdem wurde anfangs kritisiert, warum ich van Gogh spiele – schließlich bin ich 60 Jahre alt, und van Gogh starb mit Ende Dreißig. Wenn man sich aber die Lebenserwartung damals ansieht, dann wird schnell klar, dass die 30er-Jahre damals die heutigen 60er sind. Im Grunde habe ich also genau das richtige Alter für die Rolle! (lacht)

Wie entscheiden Sie, welche Rollen Sie übernehmen? Brauchen Sie eine Verbindung zur Figur?

Selbstverständlich! Aber oft weiß ich selbst nicht, warum ich mich einer Figur so verbunden fühle. Ich werde Ihnen nicht das Märchen auftischen, dass ich immer schon van Gogh spielen wollte. So ticke ich nicht. Van Gogh wurde erst ein Teil meiner Träume, als dieses Projekt mich fand. Ich suche nie aktiv nach Rollen, sondern warte, was mir angeboten wird. Ich bin misstrauisch gegenüber meinem eigenen Willen und lasse lieber das Universum Entscheidungen treffen.

Warum sieht man Sie häufig in exzentrischen Rollen? Man denke nur an Ihre Parts für Lars von Trier, wo Ihre Figuren mal an Seele, mal an Genitalien verstümmelt werden.

Ach, ich weiß nicht. Ich fände es schwieriger, so was wie den Helden eines großen Actionfilms zu spielen – ich wüsste gar nicht, wie ich den Glauben an so eine Figur aus mir herausholen soll. Damit eine Rolle mich reizt, muss sie etwas haben, was ich interessant finde und authentisch finde. Diese Figuren finden sich eher am Rande der Gesellschaft, denn sie sind die Charaktere, in denen wir uns wiedererkennen. Wir lesen darüber in den Medien, wir inhalieren das in unserer Kultur. Ich bin Künstler, ich identifiziere mich stärker mit Außenseitern. Oder Impulsen, die eher von außerhalb eines Systems kommen, nicht aus ihrer Mitte.

Warum?

Das System, was wir geschaffen haben, ist etwas, auf das wir uns alle geeinigt haben und am Laufen halten. Doch es ist nie perfekt, also müssen wir es permanent herausfordern, in Frage stellen und immer wieder ein klein wenig zerstören. Ich identifiziere mich mehr mit den Typen, die die Goliaths dieser Welt herausfordern. Das ist typisch: Künstler, liberal, sentimental. Aber so bin ich nun mal. (lacht)

Sie meiden im Beruf kein Extrem, können sich auf das Zerstörerische einlassen ... Wenn man Sie jedoch trifft, ist sofort spürbar, wie sehr Sie in sich ruhen. Wie erreichen Sie das?

Eine schwierige Frage. Ich versuche Dinge zu machen, die ich sinnvoll finde. Ich beschäftige mich außerdem seit vielen Jahren mit Yoga. Yoga ermöglicht mir zu erkennen, wie mein Verstand und mein Körper funktionieren. Es ermöglicht mir zu unterscheiden, was im Leben wesentlich ist und was nicht. Und es lehrt mich, was schön daran ist, am Leben zu sein.

Womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie nicht gerade drehen?

Ich bin eigentlich immer dabei, mich auf etwas vorzubereiten, genau wie meine Frau, die Filmemacherin ist. Ich reise und arbeite viel, pendle zwischen meinen beiden Wohnorten. Ich bin immer in Bewegung, ich suche nach neuen Aufgaben oder möchte Dinge voranbringen ... Mit zunehmendem Alter fliegt die Zeit immer schneller. Ich stelle jeden Tag neu fest, dass er nie genug Stunden hat, um all das zu tun, was ich mir vorgenommen habe. Neben meiner Arbeit gibt es so viele Dinge, die ich kennenlernen möchte: Rezepte, die ich nachkochen will, Essen, das ich probieren möchte, und Orte, die ich sehen will.

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