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Wikipedia: 20 Jahre Online-Enzyklopädie
Panorama 5 Min. 15.01.2021

Wikipedia: 20 Jahre Online-Enzyklopädie

Bereits seit 20 Jahren versorgt Wikipedia Menschen auf der ganzen Welt mit Informationen.

Wikipedia: 20 Jahre Online-Enzyklopädie

Bereits seit 20 Jahren versorgt Wikipedia Menschen auf der ganzen Welt mit Informationen.
Sebastian Gollnow/dpa
Panorama 5 Min. 15.01.2021

Wikipedia: 20 Jahre Online-Enzyklopädie

Eine der populärsten Webseiten der Welt besteht mittlerweile seit 20 Jahren – zukünftig wird sich Wikipedia allerdings neuen Herausgorderungen stellen müssen.

(dpa) - Nachschlagewerke als dicke, in Leder gebundene Bücher sind nicht ausgestorben, auch 20 Jahre nach der Gründung der Online-Enzyklopädie Wikipedia nicht. Doch während die klassischen Lexika nur noch in wenigen Haushalten zu finden sind und dort oft genug in den Bücherregalen verstauben, begleitet Wikipedia die Nutzer im Alltag. So schauen sich einer Studie zufolge zumindest Menschen in den reicheren Industriestaaten (OECD) im Durchschnitt neun Wikipedia-Artikel pro Monat an. 

Der wichtigste nicht-kommerzielle Dienst der Internet-Geschichte begann am 15. Januar 2001 wie so viele Online-Projekte mit dem Gruß der Programmierer: „Hello World“. Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales tippte die beiden Worte in eine neue Wiki-Software ein, die einen schnellen Aufbau eines Online-Lexikons ermöglichen sollte. 

Am Anfang mit Chefredakteur 

Der geschäftige Mann aus den USA hatte schon kurz nach Abschluss seines Studiums ausreichend Gewinn an den aufblühenden Finanzmärkten gemacht, um ein sorgenfreies Leben führen zu können. Mit zwei Partnern gründete er 1996 die Firma Bomis, die – ähnlich wie Yahoo – einen Webkatalog pflegte. Zum Angebot von Bomis gehörte auch „The Babe Engine“, eine Suchmaschine für Bilder von spärlich bekleideten Frauen. Wales verfolgte aber auch schon damals den Plan, ein Online-Nachschlagewerk aufzubauen. 


ILLUSTRATION - 11.01.2021, Baden-Württemberg, Stuttgart: Die Startseite mit dem Logo der deutschsprachigen Internet-Enzyklopädie Wikipedia ist auf einem Laptop angezeigt. Im Hintergrund ist die Hauptseite zu sehen. Das Projekt wurde am 15. Januar 2001 gegründet. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Der erste Ansatz für „Nupedia“ war ganz klassisch. Mit Larry Sanger stellte Wales im Jahr 2000 einen Chefredakteur ein. Dieser sollte Beiträge bei Experten bestellen und für deren Veröffentlichung sorgen. Doch der festgelegte siebenstufige Review-Prozess erwies sich als teuer und ineffizient. Es wurden viel zu wenige Artikel veröffentlicht, im ersten Jahr nur 21. 

Das Experiment mit der Wiki-Software war eigentlich nur als eine Art Sammelbecken gedacht, in dem die ersten Ideen für Online-Enzyklopädien im Internet zusammengetragen werden sollten, sagt Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch (Universität Innsbruck), der über Wikipedia geforscht hat. „Aber sehr schnell zeigte sich dann, dass dieses Sammelbecken das eigentlich Spannende war. Denn während die eigentlich ursprünglich von Wales geplante Enzyklopädie sehr schnell scheiterte, entwickelte sich Wikipedia rasant, zog eine große Zahl von freiwilligen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden an und hatte innerhalb von Wochen schon Tausende von Artikeln produziert.“ 

Beiträge in knapp 300 Sprachen

Sanger verließ Wikipedia Anfang 2003 und sagte in einem Interview, er habe die Nase voll von den „Trollen“ und „anarchistischen Typen“, die „gegen die Idee sind, dass jemand irgendeine Art von Autorität haben sollte, die andere nicht haben“. Doch diese Kritik konnte den Aufstieg nicht verhindern: 20 Jahre nach der Gründung gibt es mehr als 55 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen, verfasst von unzähligen Freiwilligen. 

Im Buch „Wikipedia-Story“ des langjährigen Insiders Pavel Richter lobt Wikipedia-Mitbegründer Wales dabei die Rolle der deutschsprachigen Community: „Kurz nachdem wir die deutsche Wikipedia gestartet haben, stellte sich heraus, dass die Deutschen offenbar ein besonderes Verhältnis zur Idee hinter Wikipedia haben. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass Deutsch zwar auf der Liste der am häufigsten gesprochenen Sprachen weltweit nur auf Platz 13 steht, die deutsche Wikipedia aber die viertgrößte aller Ausgaben ist?“ Wenn nur die Artikel von menschlichen Autorinnen und Autoren gezählt würden, läge das deutsche Wikipedia sogar direkt hinter der englischen Ausgabe an der Spitze. Die Versionen auf Platz zwei (Cebuano, eine auf den Philippinen gesprochene Sprache) und drei (Schwedisch) wurden nämlich mit Texten von umstrittenen Software-Robotern aufgeblasen. 


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Die deutschsprachige Community hat auch stark dazu beigetragen, dass sämtliche Ideen einer Kommerzialisierung der Wikipedia verworfen wurden. „Niemand wurde durch sie zum Milliardär, Werbung gibt es nicht“, stellt Richter fest, der von 2011 bis 2014 Vorstand und Geschäftsführer der deutschen Wikimedia-Fördergesellschaft war. Zunächst sei Wikipedia nur als ein Internetprojekt von ein paar Nerds angesehen worden. Etablierte Nachschlagewerke hätten sie zunächst ignoriert, schließlich heftig bekämpft. Die Wikimedia Foundation, die die Infrastruktur des Online-Lexikons finanziert und mehr als 100 Programmierer bezahlt, nimmt jährlich über 120 Millionen Dollar an Spenden ein. 

Auch nicht fehlerlos 

Wie alle Medienprojekte, an denen Menschen mitarbeiten, ist auch Wikipedia nicht fehlerlos. So wurde erst nach Jahren entdeckt, dass der Rhein nicht 1.320 Kilometer lang ist, sondern nur 1.230 Kilometer. Der Zahlendreher stand zuvor auch in gedruckten Lexika. Gravierender sind Fehlleistungen wie die falsche Behauptung, dass in einem deutschen Konzentrationslager in Warschau 200.000 Polen vergast worden seien. Es gibt zwar keinen Zweifel, dass es das Konzentrationslager gegeben hat, dieses war aber kein Vernichtungslager, wie 15 Jahre lang in der englischen Wikipedia-Ausgabe zu lesen war. „Es bleibt ein dunkler Schatten auf der Geschichte von Wikipedia, in diesem zentralen Fall über einen so langen Zeitraum versagt zu haben“, schreibt Richter. Immerhin ist der Beitrag um das Warschauer Lager auch ein Beweis, dass bei wichtigen Wikipedia-Artikeln früher oder später die Qualitätskontrolle doch funktioniert. 

Wenn ich Wikipedia benutze, dann muss mir bewusst sein, dass Wikipedia umso vertrauenswürdiger ist, je populärer und wichtiger ein Thema ist.

Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch

Dobusch sieht das Fehlerrisiko bei kleinen Themen höher als bei großen: „Wenn ich Wikipedia benutze, dann muss mir bewusst sein, dass Wikipedia umso vertrauenswürdiger ist, je populärer und wichtiger ein Thema ist. Denn das bedeutet, dass mehr Menschen sich dafür interessieren, mehr Menschen diese Artikel lesen, drüberschauen oder Fehler beanstanden und korrigieren.“ 

Unabhängigkeit von Internetriesen   

Mitbegründer Wales betont oft, dass funktionierende Wikipedia-Communitys die Voraussetzung für eine Qualitätssicherung seien: „Communitys, in denen die Mitglieder respektvoll und freundlich miteinander umgehen; Communitys, die offen sind für Menschen aus jeder Religion, jeden Geschlechts, jeder politischen Ausrichtung und jeder sozialen Herkunft.“ Allerdings kommt Wikipedia bei dieser Herausforderung seit Jahren nicht von der Stelle. Rund 90 Prozent der Autoren sind Männer, die meisten aus westlichen Industrienationen. Nicht wenige meinen, dass die Diskussionskultur in der Wikipedia-Gemeinde verbesserungswürdig sei. 

Die Zukunft werde der künstlichen Intelligenz gehören, sagt Richter. „Darin sind sich eigentlich alle einig.“ Mit Wikidata, einer frei zugänglichen Datenbank, werde eine große und wichtige Basis, nämlich strukturiertes maschinenlesbares Wissen, von Anfang an auf eine gemeinnützige Basis gestellt und durch die Kraft einer starken Community getragen. „Das bedeutet, dass wir als Gesellschaft nicht in die Abhängigkeit von Google, Facebook und Alibaba und anderen Internetriesen kommen.“ 

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