Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Wie der Meco die Angst vor 5G-Mobilfunk schürt
Kommentar Panorama 5 Min. 05.12.2019

Wie der Meco die Angst vor 5G-Mobilfunk schürt

Wie der Meco die Angst vor 5G-Mobilfunk schürt

Screenshot
Kommentar Panorama 5 Min. 05.12.2019

Wie der Meco die Angst vor 5G-Mobilfunk schürt

Michel THIEL
Michel THIEL
Ein Experte, der keiner ist, referiert auf Einladung der Umweltschutzorganisation über die vermeintlichen Gefahren des Mobilfunks.

"5G: Eine Gefahr für die Gesundheit?" - so lautet der Titel eines Vortrags, zu dem der Mouvement Ecologique am Freitag einlädt. Der Name der Veranstaltung ist Programm: Mobilfunk, Gefahr, Gesundheit. Beachtenswert und unfreiwillig ehrlich ist allerdings das Fragezeichen am Ende des Titels - denn weder der Meco noch der Referent kennt die Antwort auf die gestellte Frage.

Bei Letzterem handelt es sich um Klaus Buchner, seines Zeichens Physiker, Universitätsprofessor im Ruhestand und "Mobilfunkkritiker". Zudem ist Buchner der einzige EU-Abgeordnete der deutschen Kleinpartei "Ökologisch-Demokratische Partei", die von Politologen als "bürgerlich-konservativer Teil der Umweltbewegung" gesehen und mal links, mal rechts von der Mitte verortet wird. Auch Populismus ist der politischen Bewegung nicht fremd, forderte sie doch beständig die Einführung "direkter Demokratie" und sieht den Volksentscheid als vermeintlich einfache Lösung für komplexe Probleme.


Neue Welt: Die 5G-Technologie soll neben dem privaten Vergnügen vor allem die industrielle Nutzung revolutieren.
Parteien sorgen sich um Sicherheit von 5G Netzwerk
Ist die Strahlung von 5G-Mobilfunknetzen gesundheitsschädlich? Mehreren Ministern zufolge würden der Regierung keine solchen Indikatoren vorliegen.

In zahlreichen Blogposts und Youtube-Videos stellt sich der 78-Jährige, der in der Einladung in etwas sperrig als "Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Buchner (ÖDP)" betitelt wird, als Experte für Biologie, Medizin und elektromagnetische Strahlung dar, der am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München sowie am CERN gearbeitet habe. Tatsache ist: Buchner studierte während der 1960er und 70er Jahre in München und Edinburgh Physik und promovierte mit einer Arbeit im Bereich der Experimentalphysik. Von 1973 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 war er jedoch Dozent und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München - und zwar nicht für Astrophysik, sondern am Lehrstuhl für Geometrie und Visualisierung, wo er zuletzt Vorlesungen in Differenzialgeometrie hielt.

Mit anderen Worten: Buchner besitzt augenscheinlich keinerlei Kompetenzen in Biologie oder Medizin, die über das hinausgehen, was sich der wissenschaftlich vorgebildete Durchschnittsbürger heute dank Internet in wenigen Wochen aneignen kann. Und genau so hören sich seine Vorträge auch an.

Der Berufspolitiker und Hobby-Strahlungsexperte fällt in Videos und Interviews immer wieder mit alarmistischen, aber nicht belegbaren Aussagen über die Gefahren des Mobilfunks auf, zu denen er quasi nie Quellen zitiert, oder solche angibt, die längst widerlegt oder zu Recht diskreditiert wurden. 

Gesundheitstipps vom Fachmann?

Was dem Fass den Boden ausschlägt, ist jedoch, dass der Meco nicht nur versucht, Buchner im Zusammenhang mit den Effekten elektromagnetischer Wellen auf lebende Zellen als seriösen Wissenschaftler und gemäßigten Experten darzustellen, der "Handlungsalternativen" aufzeige und dem Bürger erkläre "was er privat ganz konkret tun kann, um selbst die Strahlung für sich zu reduzieren".


(FILES) In this file photo taken on February 27, 2019 a man uses his phone next to a 5G sign at the Qualcomm stand at the Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. - Germany launches the auction on March 19, 2019 for the construction of an ultra-fast 5G mobile network while a transatlantic dispute rages about security concerns surrounding Chinese equipment maker Huawei. (Photo by Pau Barrena / AFP)
EU präsentiert Sicherheitsempfehlungen für neuen 5G-Mobilfunkstandard
Die EU-Kommission pocht wegen möglicher Gefahren durch chinesische Technologie beim Aufbau des superschnellen Mobilfunkstandards der fünften Generation 5G auf ein europaweit abgestimmtes Vorgehen.

Dahinter verbirgt sich in der Hauptsache die Empfehlung, beim Telefonieren ein Headset zu nutzen und der völlig unrealistische Vorschlag, optische statt elektromagnetische Signale bei der Mobilkommunikation zu nutzen. Dass tausende Ingenieure und Wissenschaftler sich in den vergangenen Jahrzehnten tiefgründig mit der Materie befasst haben und zu anderen Schlüssen kommen als Buchner, scheint diesen nicht zu stören.

Jede Generation als neues Schreckgespenst

Nun ist dieser Ansatz im Zusammenhang mit dem Mobilfunk nicht neu und jede Netzgeneration von GSM bis zu 4G hat eine neue Welle von Empörung und irrationalen Ängsten losgetreten. So auch die kommende Generation 5G, die technisch gesehen tatsächlich unbekanntes Terrain betritt, da sowohl die Dichte der Funkzellen als auch das verwendete Frequenzspektrum sich von der bisherigen Technik recht stark unterscheidet.


ARCHIV - 26.04.2018, Mecklenburg-Vorpommern, Born: Ein Mast mit verschiedenen Antennen von Mobilfunkanbietern. (zu dpa «Mobilfunkstandard 5G zwischen Visionen und Machbarkeit") Foto: Jens Büttner/ZB/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
5G: Das schnelle Internet steht in Luxemburg in den Startlöchern
Seit Monaten wird über das superschnelle Mobilfunknetz der fünften Generation 5G diskutiert – in Luxemburg wird die öffentliche Konsultation für die Vergabe der Frequenzen Ende März oder Anfang April gestartet.

Zusätzlich Öl aufs Feuer gießen regelmäßig Appelle "internationaler Wissenschaftler und Ärzte" an die WHO und UNO, in der vor den "wahrscheinlichen Risiken" der neuen 5G-Netze gewarnt und ein Moratorium für den Netzausbau gefordert wird - auch hier nicht unwichtig: das Wort "wahrscheinlich".

Die Position der WHO und anderer wichtiger Gesundheitsorganisationen bleibt trotz Appell seit Jahren unverändert: Es gibt derzeit keinen wissenschaftlich belastbaren Nachweis für eine gesundheitsschädigende Wirkung von Funkwellen, wie sowohl die WHO als auch das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz oder das National Cancer Institute in den USA auf speziell dafür geschaffenen Webseiten erklären.

Gefährlich wie Kaffee, saure Gurken und Talkpuder

Auch die von Mobilfunkkritikern gern zitierte Klassifizierung durch die "International Agency for Research on Cancer" (IARC), die Mobilfunkstrahlung als "möglicherweise krebserregend beim Menschen" (Kategorie 2B) sollte mit Vorsicht genossen werden - es handelt sich um eine Einschätzung, die vor allem auf dem "Vorsorgeprinzip" sowie auf epidemiologischen Befunden basiert, die bekanntlich nichts über kausale Zusammenhänge aussagen können.

Ebenfalls in der Kategorie 2B zu finden sind übrigens Kaffee, saure Gurken, Talkpuder und das Metall Nickel, das seit Jahrhunderten in Legierungen zu Geldmünzen und Schmuck verarbeitet wird.

Aus wissenschaftlicher Sicht ändert auch die neue 5G-Technik nichts an der Tatsache, dass elektromagnetische Wellen zu den nicht-ionisierende Strahlungen gehören, die nach derzeitigem Wissensstand gar nicht in der Lage sind, DNS-Moleküle zu beschädigen und Krebs auszulösen. Die Photonen des sichtbaren Lichts beispielsweise sind 17.000 mal energiereicher, als jene Photonen, aus denen Funkwellen bestehen. Wer also gleichzeitig die Aussagen der Mobilfunkkritiker und die Prinzipien der Physik ernst nehmen möchte, sollte sich große Sorgen über "möglicherweise krebserregende" Glühbirnen und Straßenlaternen machen.


Zum Themendienst-Bericht von Dirk Averesch vom 27. Februar 2018: Wohin geht die Reise bei 5G? Der Nachfolgestandard für 4G (LTE) ist großes Thema auf dem Mobile World Congress in Barcelona (bis 1. März). Sind die Netze einmal aufgebaut, können Nutzer vor allem mit einer Sache rechnen: mehr Tempo.
(Bild vom 26.02.2018/Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher.) Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++
Auf dem Weg zum Supernetz: Was 5G-Mobilfunk bringt
Es gibt Themen, denen entkommt man nicht: Vernetzte Autos, Häuser und Geräte gehören dazu. Oder der nächste Mobilfunkstandard 5G. Alles nur heiße Luft? Die wachsende Vernetzung und 5G hängen sogar zusammen. Und es geht um deutlich mehr als nur Bandbreite.

Welche Position auch immer man in der Debatte um mögliche Gesundheitsgefahren durch Mobilfunk einnimmt, sollte man dennoch auf dem Boden der belegbaren Tatsachen bleiben. Dieses Ziel erreicht der Meco nicht, indem er zum Thema Mobilfunk einen Referenten einlädt, der sich lediglich als gebildeter Laie mit der Sache befasst hat und sich zudem dem Verdacht aussetzt, eher politisch motivierter Demagoge als Experte zu sein.

Wie ernst es Mobilfunkkritiker mit dem Thema Kritik meinen, zeigt im Übrigen erfahrungsgemäß die Tatsache, dass Kommentare wie diese in der Regel mit einem Antwortrecht an den Herausgeber und dem Versuch quittiert werden, den Kommentator zu diskreditieren - bis hin zur gängigen Verschwörungstheorie des "von der Industrielobby bezahlten Schreiberlings".


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Auf dem Weg zum Supernetz: Was 5G-Mobilfunk bringt
Es gibt Themen, denen entkommt man nicht: Vernetzte Autos, Häuser und Geräte gehören dazu. Oder der nächste Mobilfunkstandard 5G. Alles nur heiße Luft? Die wachsende Vernetzung und 5G hängen sogar zusammen. Und es geht um deutlich mehr als nur Bandbreite.
Zum Themendienst-Bericht von Dirk Averesch vom 27. Februar 2018: Wohin geht die Reise bei 5G? Der Nachfolgestandard für 4G (LTE) ist großes Thema auf dem Mobile World Congress in Barcelona (bis 1. März). Sind die Netze einmal aufgebaut, können Nutzer vor allem mit einer Sache rechnen: mehr Tempo.
(Bild vom 26.02.2018/Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher.) Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++
Das strahlende Smartphone
Seit es Handys gibt, wird auch vor der Strahlung gewarnt, die von den Mobiltelefonen ausgeht. Der sogenannte SAR-Wert gibt Anhaltspunkte, wie stark das Smartphone strahlt - doch was sagt er eigentlich genau aus?
Zum Themendienst-Bericht «Das strahlende Smartphone? Der SAR-Wert und der persönliche Schutz» von Thomas Schörner vom 13. Juli 2017: Telefonate am Handy sollten besser nicht zu lange dauern. Ob sich die Strahlung negativ auf die Gesundheit auswirkt, ist aber bisher nicht eindeutig bewiesen.
(Archivbild vom 2.9.2016/Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher im Zusammenhang mit dem genannten Text.) Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.