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Wie der Koi die Welt erobert
Panorama 6 Min. 09.04.2020

Wie der Koi die Welt erobert

 Kois heißen in Japan eigentlich "Nishikigoi" – was so viel bedeutet wie "Farbkarpfen". Die Fische treten in verschiedensten Farbkombinationen auf.

Wie der Koi die Welt erobert

Kois heißen in Japan eigentlich "Nishikigoi" – was so viel bedeutet wie "Farbkarpfen". Die Fische treten in verschiedensten Farbkombinationen auf.
Foto: Shutterstock
Panorama 6 Min. 09.04.2020

Wie der Koi die Welt erobert

Christian SATORIUS
Christian SATORIUS
Einige Exemplare der Fische bringen ihren Verkäufern mehrere tausend Euro ein – manche sogar Millionen

Im abgelegenen Niigata-Gebirge in Japan können die Winter recht streng sein und vor allem eines: langweilig. So beginnen vor etwa 200 Jahren einige der dort ansässigen Bauern aus reinem Zeitvertreib damit, die schönsten ihrer Karpfen, die sie sich eigentlich als Speisefische halten, auszuwählen und zu kreuzen. Es entstehen bald immer interessantere Farbvarianten und edlere Zuchttiere. So dauert es nicht lange, da ist die gesamte Region "Koi kichi", also "verrückt nach Koi-Karpfen". Wobei die Fische, die bei uns heute als "Kois" bekannt sind, in Japan eigentlich "Nishikigoi" heißen, was nichts anderes bedeutet als "Farbkarpfen", wortwörtlich "Brokatkarpfen". Das Wort "Koi" ist somit im Prinzip nur ein Kürzel, das Europäern und Amerikanern leichter von den Lippen geht. 

Inzwischen gibt es mehr als ein Dutzend Hauptzuchtlinien mit rund 200 Farbvarianten, die in aller Welt immer mehr Fans finden. Vor allem in den letzten Jahren werden es immer mehr, nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Amerika, China, Russland und anderswo. Ihren weltweiten Siegeszug beginnen die Koi-Karpfen 1914, als sie in Tokio erstmals öffentlich präsentiert werden. Von da an gibt es für die Japaner kein Halten mehr, ab den 1960er-Jahren werden die Tiere dann auch zunehmend außerhalb Japans bekannt. 

Fisch gewordene Nationalflagge 

Zwar kann heute jeder einen Koi für ein paar Euro im Zoofachhandel erstehen, die absoluten Spitzenzüchtungen allerdings sind weitaus teurer. Ein bekannter japanischer Unternehmer hat vor einigen Jahren umgerechnet 1,5 Millionen Euro auf den Tisch gelegt, um einen der teuersten Kois der Welt zu erstehen. Es handelt sich bei dem Tier um einen speziellen "Tancho", einen reinweißen Fisch mit einem einzigen kreisrunden roten Fleck auf der Stirn. Er ist mit dieser speziellen Färbung also praktisch eine Fisch gewordene japanische Nationalflagge und somit nicht nur in Japan überaus begehrt. 

Warum nun aber sollte man so viel Geld für einen einzigen Fisch ausgeben? Die Antwort kennen wohl nur die Experten, die "Koi kichi" sind. Andererseits schätzen die Fans der Koi-Karpfen eine ganze Reihe von Vorteilen, die die Tiere in aller Welt beliebt machen, und zwar auch die weitaus preisgünstigeren Exemplare. Zum einen ist da natürlich der Mythos. Kois gelten traditionell als Symbol der Stärke, da sie in der Lage sind, extreme Hindernisse und sogar Wasserfälle zu überwinden – ein Grund dafür, warum die Tiere selbst als Motiv für Tätowierungen so begehrt sind. Aber auch traditionelle (japanische) Tugenden wie Gemeinsinn, Streben nach Perfektion und Friedfertigkeit werden ihnen nachgesagt. 

In der Tat sind Koi-Karpfen nette Tiere, die handzahm werden können und ihren Pfleger durchaus wiedererkennen. Sie sind aber auch ruhig und friedlich, fressen viel lieber ihr Fischfutter als die eigenen Nachkommen, was in der Fischwelt alles andere als selbstverständlich ist. Ihre außerordentliche, weltweite Beliebtheit geht aber vor allem auf ihre Schönheit und Einzigartigkeit zurück und wohl nicht zuletzt auch auf ihren Wert beziehungsweise die Wertsteigerungschance – wobei Fachleute bei ihrer Einschätzung nicht nur die Farbgebung, sondern auch den Körperbau und sogar die Beschaffenheit der Haut berücksichtigen. 

Anspruchsvolle Fische 

Wer hier nun allerdings einen schnellen Euro wittert, der sei gewarnt: Kois sind anspruchsvolle Pfleglinge, die auch viel Aufmerksamkeit und Fachwissen benötigen – und zwar nicht nur, um den einen oder anderen Euro erwirtschaften zu können, sondern einfach, um ihnen ein artgerechtes Leben zu ermöglichen, so dass sie sich wohlfühlen können. Das fängt schon bei der Auswahl der Jungtiere an. Experten wählen ihre zukünftigen Champions direkt beim Züchter aus, der sich auf Koi-Karpfen spezialisiert hat. Einige fliegen dazu sogar nach Japan, wo auch heute noch die Niigata-Region mit etlichen professionellen Züchtern als eine der ersten Anlaufstellen gilt. 

Kois gelten traditionell als Symbol der Stärke, da sie in der Lage sind, extreme Hindernisse und sogar Wasserfälle zu überwinden

Profis verstehen es, in einem nur wenige Zentimeter kleinen Jungfisch von vielleicht 100 bis 500 Euro die Anlagen eines echten Spitzentieres zu erkennen, das später einmal vielleicht 5.000 oder auch 15.000 Euro wert sein wird. Wie gesagt: Profis. Bis dahin allerdings fließt viel Wasser den Fluss herunter, und so kann auf dem Weg zum schwimmenden Goldesel auch noch so einiges Unvorhergesehenes passieren. Zum einen handelt es sich um Jungtiere, bei denen selbst ein Profi nicht zu 100 Prozent sicher sein kann, dass sich die Tiere in die gewünschte Richtung entwickeln. Zum anderen sind Kois recht anfällig für allerlei Krankheiten, angefangen von Würmern oder Parasiten bis hin zum gefürchteten Koi-Herpes. Andererseits: Wer ein glückliches Händchen und das notwendige Fachwissen sein Eigen nennt, kann lange Spaß an seinen Kois haben, können die Tiere doch weit über 80 Jahre alt werden. 

Für Otto Normalteichbesitzer steht sicherlich eher der Spaß an den Tieren im Vordergrund, und das ist wohl auch ganz gut so. Dennoch: Kois sind und bleiben anspruchsvolle Pfleglinge, auch im heimischen Gartenteich ohne züchterische Ambitionen. 

 Auf die Vorbereitung kommt es an

Es ist ein großer Unterschied, ob die Tiere eben so am Leben bleiben oder artgerecht gehalten werden und sich wohlfühlen. Der Gartenteich sollte dazu wenigstens 15.000 Liter fassen und mindestens zwei Meter Tiefe aufweisen, damit er im Winter nicht zufrieren kann. Einige Partien des Teichs sollten im Schatten liegen beziehungsweise mit Schwimmpflanzen abgeschattet werden, da Koi-Karpfen sogar einen Sonnenbrand bekommen können. Außerdem muss – etwa mit einem Netz – gewährleistet sein, dass nicht Nachbars Katze oder ein verirrter Fischreiher unter den Juwelen des Gartenteichs aufräumen kann. 

Eine leistungsfähige Filteranlage – gegebenenfalls mit UV-Klärer, der den gefürchteten Algen den Garaus macht – ist praktisch unabdingbar, denn die Wasserwerte sind für eine artgerechte Haltung das A und O. Vor dem Einsetzen der Fische sollte der Teich etwa vier bis sechs Wochen bei mindestens 15 Grad Wassertemperatur einfahren können, wie Fachleute das nennen. In dieser Zeit entwickeln sich nützliche Bakterienkulturen, die die Wasserchemie ins Gleichgewicht bringen. Anfänger machen oft den Fehler, diese Phase des Einfahrens der Wasserchemie zu ignorieren und einfach zu überspringen, mit oftmals fatalen Folgen. 


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Ein weiterer sehr verbreiteter Fehler neben der Überfütterung ist die Überbesetzung des Teichs. Kois werden große Tiere, die auch einen entsprechenden Platz benötigen: Als Faustregel können mindestens 1.000 Liter pro Koi gerechnet werden. Von den Kois lernen Bei der Auswahl der Tiere sollten zumindest Anfänger, die noch niemals zuvor einen Gartenteich erfolgreich betrieben haben, und auch die, die keine erfahrenen Aquarianer sind, sich lieber erst einmal zurückhalten und nicht gleich Tiere für Hunderte Euro zulegen. 

Ohnehin können günstige Fische genauso viel Spaß bereiten wie teure. Es ist traurig und ärgerlich genug, wenn es den Fischen schlecht geht oder sie sogar sterben, aber bei günstigeren Exemplaren ist es zumindest nicht zusätzlich auch noch ein finanzielles Desaster. Sollte es doch einmal dazu kommen, heißt es, von den Kois zu lernen: stark sein, Klappe halten und bitte immer schön friedlich bleiben.

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