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Westerwald: Bürgermeister geht mit 94 in Ruhestand
Panorama 3 Min. 21.05.2019

Westerwald: Bürgermeister geht mit 94 in Ruhestand

Josef Rüddel, Bürgermeister von Windhagen, steht an der Tür seines Wohnhauses.

Westerwald: Bürgermeister geht mit 94 in Ruhestand

Josef Rüddel, Bürgermeister von Windhagen, steht an der Tür seines Wohnhauses.
Thomas Frey/dpa
Panorama 3 Min. 21.05.2019

Westerwald: Bürgermeister geht mit 94 in Ruhestand

Eine Ära geht in einer deutschen Gemeinde zu Ende: Josef Rüddel tritt nach 56 Jahren im Amt nicht mehr zur Wahl an. Er hat Adenauer persönlich gekannt und ist auf der A3 noch mit dem Pferdefuhrwerk gefahren.

(dpa/lrs) - Einst hat er den ersten Bundeskanzler mit Kartoffeln beliefert. 1963, im letzten Amtsjahr von Konrad Adenauer, wird der Bauer Josef Rüddel Bürgermeister von Windhagen im Kreis Neuwied. Seitdem regiert er sein Dorf an der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen ununterbrochen bis heute, 56 Jahre lang. „Ich hatte 14 Wahlen immer mit Gegenkandidaten, genau habe ich das gar nicht gezählt“, sagt der 94-jährige Christdemokrat. Beim Deutschen Städte- und Gemeindebund in Berlin heißt es: „Er ist sehr wahrscheinlich der dienstälteste und auch der älteste Bürgermeister Deutschlands.“ Nun naht Rüddels letzte Amtshandlung: die Betreuung der Kommunalwahl an diesem Sonntag (26. Mai) in seinem Ort. Er selbst tritt nicht mehr als Kandidat an - der Ruhestand ruft.

Mit dem Pferdefuhrwerk auf der Autobahn

Weiße Haare, wache, blaue Augen, graues Hemd - Rüddel erzählt lebendig von sehr frühen Lebensstationen: 1944 Soldat in Polen, Ende Mai 1945 in Kriegsgefangenschaft aus einem fahrenden Zug getürmt, 1955 als 30-jähriger Landwirt in den Gemeinderat von Windhagen im Westerwald gewählt worden. Seinerzeit hat er auch Adenauer mit Kartoffeln an dessen nahem Wohnort Rhöndorf in Nordrhein-Westfalen versorgt: „Adenauer hat mich mit „Guten Morgen“ begrüßt, ist aber auch schon frühmorgens abgeholt worden.“ Rüddel fährt fort: „In Windhagen gab es damals erst zwei oder drei Autos. Ich war noch mit einem Pferdefuhrwerk unterwegs.“ Damit sei er auch auf der schon in der NS-Zeit gebauten Autobahn 3 gefahren.

 Nach 56 Jahren als Bürgermeister stellt sich der 94-jährige nicht mehr der Wiederwahl.
Nach 56 Jahren als Bürgermeister stellt sich der 94-jährige nicht mehr der Wiederwahl.
Thomas Frey/dpa

In den sechziger Jahren braust Rüddel als Bürgermeister mit einem Goggomobil Coupé umher. Bis heute regiert er sein Dorf als ehrenamtlicher Ortsbürgermeister von seinem Wohnzimmer aus. Anfangs ist die Gemeinde arm: „Auch bei uns ist der Krieg drübergegangen.“ Die A3, eine der wichtigsten deutschen Autobahnen, beschert der direkt angrenzenden Gemeinde Windhagen in der Nachkriegszeit einen Aufschwung. Bedeutende Firmen siedeln sich an dem verkehrsgünstigen Standort an. Das Foto-Unternehmen Agfa ist inzwischen wieder verschwunden, aber der weltweit aktive Baumaschinen-Hersteller Wirtgen expandiert mit einem neuen Bauvorhaben gerade von Windhagen über die Landesgrenze nach NRW.

Kein Wunder, dass die Gewerbesteuer in der schuldenfreien Ortsgemeinde sprudelt. Inzwischen sind es laut Rüddel deutlich mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr. Der ehrenamtliche Bürgermeister lächelt verschmitzt in seinem weißen alten Fachwerkhaus mit den gediegenen Möbeln: „Wir sind zufrieden. Wir müssen nicht zur Sparkasse oder Raiffeisenbank gehen, wir haben eigentlich eine eigene Bank.“

1970 sind Windhagen und die Nachbargemeinde Rederscheid zusammengelegt worden. Die gesamte Einwohnerzahl hat sich laut Rüddel seit seinem Amtsbeginn auf rund 4500 ungefähr verdreifacht. Es gibt zahlreiche schmucke Wohnhäuser, eine Grundschule, zwei Kindergärten, ein Geschäft und zwei Ärzte.

Lebendes Katasteramt

Die meisten Einwohner haben nie einen anderen Bürgermeister kennengelernt, so auch Rüddels 47-jähriger Stellvertreter Martin Buchholz (CDU), der seinen Hut für die Nachfolge in den Ring wirft. „Ich würde mit sehr großem Respekt an diese Aufgabe herangehen. Das ist schon eine Lebensleistung“, sagt der EDV-Betreuer mit Blick auf Rüddel. Bis heute sei der 94-jährige Bürgermeister fit: „Wo andere einen Bebauungsplan brauchen, weiß er auswendig, welche Wiesen und Äcker wem gehören.“

Gegenkandidat von Buchholz ist der 64-jährige Thomas Stumpf, der für die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben arbeitet. Der promovierte Sozialdemokrat, der ohne Parteibuch antritt, sagt: „Herr Rüddel hat aus einem armen Bauerndorf das Tor zum Westerwald gemacht.“ Seine Leistung sei einzigartig. Es sei aber auch manches „liegengeblieben“, zum Beispiel der Ausbau des Fuß- und Radwegenetzes, meint Stumpf. Als Wahlsieger würde er „Windhagen für die neue digitale Welt öffnen“.

Noch-Bürgermeister Rüddel ist dreifacher Vater, siebenfacher Großvater und dreifacher Urgroßvater. Seine Frau Margarethe, „das Gretchen“, ist 2017 gestorben, nach mehr als sechs Jahrzehnten Ehe.

80-, 85-, 90-Jährigen und noch älteren Mitbürgern gratuliert Rüddel persönlich zum Geburtstag - die meisten Jubilare sind also jünger als er. In seinem Dorf hat er auch schon manche Promis bei anderen Bürgern kennengelernt: „Der Schriftsteller (Johannes Mario) Simmel war mal hier.“ Auch der Dalai Lama, das im Exil lebende religiöse Oberhaupt der Tibeter, sei einmal auf Privatbesuch gekommen. Die Kanzler Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) hätten ebenfalls Windhagen besucht. Ein anderer Promi, der „Held von Mogadischu“, hat in dem Dorf sogar bis zu seinem Tod Ende 2017 gewohnt: Ulrich Wegener. Die von ihm geführte Spezialeinheit GSG 9 hatte 1977 die Geiseln des entführten Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“ befreit.